Michael Frank: «Intelligente Gebäude stärken die Stromversorgung von morgen»
In seiner Kolumne zeigt Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), warum intelligente Gebäude eine Schlüsselrolle für die Stromversorgung der Zukunft spielen – und weshalb die Bau- und Immobilienwirtschaft mit flexiblen Energielösungen entscheidend zur Versorgungssicherheit der Schweiz beitragen kann.
Quelle: Jimmy Nilsson Masth, Unsplash
Intelligente Gebäude entlasten das Stromnetz.
Die Energiezukunft der Schweiz entscheidet sich nicht nur in Kraftwerken und Stromnetzen – sondern zunehmend auch in Gebäuden, Arealen und Infrastrukturen. Für Bauunternehmen, Immobilienbesitzer, Generalunternehmer, Planer und Installateure eröffnet sich damit ein neu-es Handlungsfeld: Gebäude werden vom reinen Energieverbraucher zu aktiven Elementen des Stromsystems. Wer heute Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Ladeinfrastruktur, Batteriespeicher oder Gebäudeautomation plant, entscheidet mit darüber, wie flexibel und robust die Stromversorgung von morgen wird.
Index zeigt Handlungsbedarf
Der vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE im Januar 2026 erstmals veröffentlichte Stromversorgungs-Index zeigt den erwarteten Versorgungsgrad der kommenden Jahre und dient als Frühwarnsystem für die Versorgungssicherheit der Schweiz. Die Ergebnisse sind besorgniserregend: Ohne entschlossene und rasche Massnahmen erreicht die Schweiz im Jahr 2050 nur 69 von 100 Punkten und verfehlt damit die gesetzlichen Ziele in Bezug auf die Versorgungssicherheit deutlich. Besonders kritisch ist die Situation im Winterhalbjahr, wenn die Versorgungssicherheit am stärksten unter Druck steht.
Für die Bau- und Immobilienwirtschaft ist diese Entwicklung hoch relevant. Der Strombedarf steigt – unter anderem durch Wärmepumpen, Elektromobilität, Kühlung, digitale Gebäudetechnik und die Elektrifizierung von Prozessen. Gleichzeitig nimmt die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien zu. Diese Entwicklung ist richtig und notwendig, führt aber zu mehr Schwankungen im System: Strom wird nicht immer dann produziert, wenn er gebraucht wird.
Flexible Gebäude
Genau hier kommt Flexibilität ins Spiel. Für Gebäude bedeutet das konkret: Lasten könnten so gesteuert werden, dass Strom dann genutzt, gespeichert oder eingespeist wird, wenn es für das Gesamtsystem sinnvoll ist – möglichst ohne Komforteinbussen. Bürogebäude, Gewerbebauten, Wohnüberbauungen oder gemischt genutzte Areale verfügen heute über Möglichkeiten für eine flexible Steuerung des Stromverbrauchs. Photovoltaikanlagen liefern Strom direkt vor Ort und Batteriespeicher können kurzfristige Produktionsspitzen aufnehmen. Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge kann so betrieben werden, dass Fahrzeuge nicht alle gleichzeitig in Zeiten hoher Netzbelastung geladen werden.
Energiemanagementsysteme verknüpfen diese Elemente und machen Flexibilität im Betrieb nutzbar. Damit entsteht ein konkreter Nutzen für Bauherren und Immobilienbesitzer: Gebäude können ihren Eigenverbrauch optimieren, Lastspitzen reduzieren, vorhandene Infrastruktur effizienter nutzen und sich besser auf künftige Anforderungen vorbereiten. Für Planer, Installateure und Gebäudetechniker entstehen neue Aufgaben – von der intelligenten Steuerung bis zur Abstimmung zwischen Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe und Ladeinfrastruktur.
Flexibilität als Qualitätsmerkmal
Für die Bauwirtschaft stellt sich nicht nur die Frage, was technisch möglich ist, sondern auch: Welche Investitionen lohnen sich? Welche Anlagen sollten bereits in der Planung vorbereitet werden? Und welche Geschäftsmodelle entstehen rund um Eigenverbrauch, lokale Energiegemeinschaften, Arealnetze oder steuerbare Lasten? Flexibilität wird zu einem Qualitätsmerkmal moderner Gebäude. Sie erhöht nicht nur die Energieeffizienz, sondern verbessert auch die Anschlussfähigkeit an ein Stromsystem, das stärker von erneuerbaren Energien geprägt ist.
Damit Flexibilität in der Praxis funktioniert, braucht es politische Entscheide, verlässliche Steuerungen, klare Verantwortlichkeiten sowie nachvollziehbare und vor allem dynamische Preissignale. Die Transformation des Stromsystems wird aber auch auf Baustellen, in Technikräumen, auf Dächern, in Tiefgaragen und in Arealen umgesetzt. Wer Gebäude heute flexibel plant, schafft Mehrwert für morgen – für Eigentümer, Nutzerinnen und Nutzer, die Netze und die Versorgungssicherheit der Schweiz.
Weitere Informationen zum VSE Stromversorgungs-Index unter: www.strom.ch