Nicolas Rohner: «Fachkräfte bleiben dort, wo sie Wirkung sehen können»
In der «Chefsache» nehmen Exponenten der Baubranche Stellung zu Fragen rund um Führung und ihre Arbeit. Diesmal im Fokus: Nicolas Rohner, der Führung als strukturierte Entscheidungsfindung versteht. Er erklärt, weshalb Transparenz und Verantwortung entscheidend sind, welche Chancen die Energiewende bietet – und warum vernetztes Denken immer wichtiger wird.
Quelle: Jeroen Van de Water, Unsplash
Die Energiewende findet auch auf den Dächern statt: Entscheidend ist die intelligente Einbindung der Photovoltaik in ein vernetztes Energiesystem.
Welcher Grundsatz prägt Ihren Führungsstil?
Mein Grundsatz ist, Führung als Struktur zu denken. Entscheidend ist nicht die einzelne Entscheidung, sondern die Qualität des Entscheidungsprozesses. Ich schaffe Rahmenbedingungen, die Transparenz und Geschwindigkeit ermöglichen, und setze klare Leitplanken. Im Idealfall funktioniert die Organisation so gut, dass sie nicht von einzelnen Personen abhängig ist – auch nicht von mir. Gute Führung zeigt sich daran, wie stabil und handlungsfähig sie ohne permanente Eingriffe bleibt.
Wie fördern Sie junge Talente?
Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem Preisvolatilität, Prognosen und Marktmechanismen eine zentrale Rolle spielen – das macht es für Talente spannend, weil sie den Einfluss ihrer Arbeit direkt sehen. Ich fördere junge Talente, indem ich ihnen früh Verantwortung gebe und sie an echten Fragestellungen arbeiten lasse. Entscheidend ist, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und die Wirkung ihrer Entscheidungen zu erkennen.
Was beunruhigt Sie aktuell in der Bauwirtschaft – und was stimmt Sie zuversichtlich?
Die grösste Herausforderung sehe ich in der wachsenden Volatilität und Komplexität. Mit jedem neuen PV-Projekt steigt die Abhängigkeit von präzisen Prognosen und sauberer Marktintegration – gleichzeitig entstehen viele parallele Modelle. Die Chance liegt in mehr Standardisierung und Liquidität. Wer Energieflüsse im Gesamtkontext steuert, kann Risiken reduzieren und echten Mehrwert für das Gesamtsystem schaffen.
Wie lautet das Erfolgsgeheimnis Ihrer Firma?
Unser Erfolgsgeheimnis liegt darin, Mehrwert aus Volatilität zu schaffen. Der Terminmarkt wird stark von politischen und kurzfristigen Faktoren beeinflusst – entscheidend ist, strukturiert darauf zu reagieren. Wir arbeiten mit robusten, getesteten Strategien und präzisen Kurzfristprognosen, insbesondere für die Photovoltaik. Durch klares, entscheidungsorientiertes Reporting schaffen wir Transparenz und eine solide Grundlage für fundierte Entscheidungen.
Was schätzen Sie an der Baubranche und was nicht?
Was ich an der Baubranche besonders schätze, ist ihr langfristiger Horizont. Projekte werden über Jahre geplant und umgesetzt – dieses Denken ist eine wichtige Grundlage für nachhaltige Entwicklungen. Gerade im Kontext der Energiewende spielt die Branche eine zentrale Rolle, weil der Ausbau von Photovoltaik zu einem grossen Teil auf den Dächern der Schweiz stattfindet. Weniger schätze ich, dass Projekte oft noch zu stark isoliert betrachtet werden. Die Integration ins Energiesystem und die wirtschaftlichen Zusammenhänge werden teilweise zu wenig mitgedacht. Dabei liegt genau dort ein grosser Hebel, um den Gesamtwert solcher Investitionen zu steigern.
Wo sehen Sie das grösste Potenzial der Digitalisierung?
Digitalisierung macht die Realität messbar und damit steuerbar. In der Energiebranche ist der Umgang mit Daten integraler Bestandteil der Funktionsweise des Systems. Wenn Daten sauber erfasst und ausgetauscht werden, können Modelle, Prognosen und Preise zusammenwirken. Das führt zu informierten Entscheidungen und einem System, das sich über Preissignale effizient steuert.
Was braucht es, um Fachkräfte langfristig zu halten?
Fachkräfte bleiben dort, wo sie Wirkung sehen und eigenständig Verantwortung übernehmen können. Dazu gehören starke Teams und nachvollziehbare Entscheidungen. Entscheidend ist zudem, dass die Arbeit als sinnvoll erlebt wird und fachlich fordert – gerade in einem komplexen Umfeld wie dem Energiemarkt.
Welche Konflikte kommen am häufigsten vor – und wie entschärfen Sie sie?
Die häufigsten Konflikte entstehen aus unterschiedlichen Zielbildern und einem fehlenden gemeinsamen Verständnis der Situation. Gerade in dynamischen Umfeldern führt das schnell zu Reibung, weil Entscheidungen unterschiedlich interpretiert werden. Ich versuche, Konflikte zu entschärfen, indem ich Transparenz schaffe und die Diskussion wieder auf eine gemeinsame inhaltliche Grundlage bringe. Wenn Ziele klar sind und die relevanten Fakten verstanden werden, verlagert sich der Fokus automatisch auf die Sache – und nicht auf Personen.
Wenn Sie morgen eine neue Fähigkeit «downloaden» könnten: Welche wäre das?
Jede Entscheidung, was man lernt, ist auch eine Entscheidung darüber, was man nicht lernt. In meinem Fall habe ich mir viele technische Grundlagen – etwa in Mathematik, Statistik und Programmierung – später selbst angeeignet. Wenn ich eine Fähigkeit «downloaden» könnte, wäre es genau dieses Fundament auf einem noch tieferen Niveau. Gerade in unserem Umfeld würde das helfen, Modelle noch besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.
Wie laden Sie Ihre Energie wieder auf?
Ein grosser Teil meiner Energie kommt aus Fortschritt – etwa durch bessere Modelle, neue Lösungen oder sichtbare Entwicklungen im Umfeld. Gleichzeitig ist es wichtig, bewusst Abstand zu nehmen. Klare Auszeiten helfen, den Kopf freizubekommen und mit neuer Perspektive zurückzukehren.
Wenn Sie Ihr Unternehmen mit (einer Szene aus) einem Film oder Buch vergleichen müssten: Welche wäre es – und weshalb?
Ich würde keinen konkreten Film oder eine Szene wählen. Die Realität, in der wir arbeiten, ist kein perfektes Set-up mit klarer Dramaturgie, sondern ein laufender Anpassungsprozess. Märkte verändern sich, Rahmenbedingungen verschieben sich – und man muss kontinuierlich reagieren und Entscheidungen treffen. Genau das beschreibt unser Unternehmen wahrscheinlich am besten: weniger ein festes Drehbuch, mehr ein System, das sich laufend weiterentwickelt.
Was wünschen Sie der Schweiz?
Ich wünsche der Schweiz, dass sie ihre gute Ausgangslage selbstbewusst nutzt. Im Strombereich sind wir bereits stark erneuerbar aufgestellt – die grösseren Herausforderungen liegen in den fossilen Bereichen, insbesondere bei Gebäuden und im Transport. Gerade dort gibt es aber auch konkrete und umsetzbare Lösungen. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz einen guten Startpunkt für die Absenkpfade – entscheidend ist, diesen konsequent weiterzuentwickeln.
Nicolas Rohner
Quelle: zvg
Nach einem Vorlizentiat an der Universität Basel sowie einem Lizentiat in Betriebswirtschaft und Informations- und Technologie-Management an der HSG promovierte Nicolas Rohner an der ETH Zürich im Bereich Management, Technology and Economics (D-MTEC).
Beruflich war er während mehrerer Jahre in verschiedenen Energieunter-nehmen tätig, darunter bei der Axpo Group, der BKW Energie AG und der Axpo Trading AG. Anschliessend wechselte er zur EKT Energie AG, wo er zunächst als Leiter Handel & Vertrieb sowie als Mitglied der Geschäftsleitung tätig war, bevor er die Funktion des Geschäftsführers übernahm.
Seit Juli 2025 ist er Leiter Handel bei der Swiss energy exchange Ltd. (swenex). Das Unternehmen bietet Lösungen für die Energiebeschaffung und -bewirtschaftung an und beschäftigt rund 70 Mitarbeitende.(cpo)