18:09 KOMMUNAL

Stadtentwicklung Zürich: Erweiterungs- und Umbauten statt Neubauten als Norm

Teaserbild-Quelle: csr_ch, Pixabay-Lizenz

Statt Städte mit Hochhäusern soll sich Zürich die Kernstadt von Paris zum Vorbild nehmen, die ohne Türme auskommt. Und statt Neubauten sollen Um- und Erweiterungsbauten die Norm sein. Das und mehr fordert die Arbeitsgruppe „Städtebau +  Architektur Zürich“  in einer Petition an den Gemeinderat. Während die städtischen Hochhausrichtlinien überarbeitet werden und demnächst vorliegen sollen, hegt sie Zweifel, dass diese zur nachhaltigen und lebensfreundlichen Entwicklung der Limmatstadt beitragen.

Prime Tower, Zürich

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Blick auf das Gleisfeld beim Zürcher Hauptbahnhof. Rechts im Bild: der Prime Tower.

Zurzeit werden die aus dem Jahr 2001 stammenden Hochhausrichtlinien der Stadt Zürich überarbeitet, unter anderem werden darin drei Zonen bestimmt, in denen bis zu 60 Meter hohe Häuser erlaubt sind. Türme mit einer Höhe von bis 80 Metern oder darüber werden im Gestaltungsplan festgeschrieben. Eigentlich hätten sie höher sein können, nämlich bis zu 250 Meter. Dies geht aus dem nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Zwischenbericht der Testplanung für die neuen Vorgaben hervor, der zu Jahresbeginn wegen einer Indiskretion in den Medien gelandet war. Darauf folgten heftige Diskussionen und es gab Kritik.

Doch keine 250 Meter hohe Hochhäuser

Als das Amt für Städtebau (AfS) im Juni den vorläufigen Stand der revidierten Richtlinien präsentierte, war man dort offenbar zurückgekrebst: Die 250-Meter-Wolkenkratzer waren nicht mehr darin enthalten. Wie die fertig revidierten Richtlinien aussehen sollen, dürfte sich demnächst zeigen. Das AfS will sie noch diesen Herbst öffentlich auflegen, wie der Website der Stadt Zürich zu entnehmen ist. Zudem wird das Geschäft vom Stadtrat und Gemeinderat behandelt.

Doch der Arbeitsgruppe „Städtebau +  Architektur Zürich“ (ASAZ), die sich unter anderem gegen Türme in der Limmatstadt engagiert, genügen die Entschärfungen bezüglich der Höhe von Hochhäusern nicht:  Sie hat sich deshalb in diesen Tagen mit einer Petition „für eine lebensfreundliche und ökologische Stadtentwicklung" an den Stadtzürcher Gemeinderat gewandt. Dies, weil laufend Entscheidungen getroffen würden, „welche die Klimaziele verfehlten (unnötiger Rückbau, umweltbelastenden Bauformen)“, welche die Lebensqualität vieler Menschen über Jahre hinaus beeinträchtigten und das Stadtbild schädigten.

Städte ohne Türme als Beispiel?

Die ASAZ wirft dem Stadtzürcher Hochbaudepartement vor, dass es eine öffentliche Diskussion im Rahmen einer Stadtentwicklung „offensichtlich“ gar nie wollte. Das AfS liesse verlauten, zum Bau einer guten Stadt brauche es auch Hochhäuser, schreibt die Arbeitsgruppe. Laut ASAZ ist dies fachlich nicht haltbar und kann leicht widerlegt werden. Ebenso fragwürdig sei die Behauptung,  Zürich sei eine Hochhausstadt, heisst es weiter. Unter anderem wird die Kernstadt von Paris als Beispiel angeführt:  Sie sei vier Mal dichter als Zürich und verzichte bewusst auf Hochhäuser. Nach Meinung der ASAZ sind Hochhäuser „in allen Phasen ihrer Existenz äusserst umweltbelastend“. „Sie stören als Hotspots das gesellschaftliche und stadträumliche Gleichgewicht“.

Weiter bezweifelt die ASAZ, dass wie angekündigt nach Vorliegen des Schlussberichts die  ökologischen und soziologischen Merkmale von Wohnhochhäusern in einer Studie untersucht werden und dass diese nachgereicht wird. Überdies kritisiert die Gruppe, dass das die AfS Personen in Gremien wie dem Baukollegium beruft, die teils „(zu) stark ins Baugeschehen“ eingebunden seien und verweist auf zwei Baukollegium-Mitglieder, deren Büros selber an Hochhausprojekten beteiligt sind. Die ASAZ fordert daher vom Gemeinderat, dass er dafür sorgt, dass die Beurteilungsgremien vermehrt mit  „unabhängigen und namhafte“ Stadtplanungsfachleuten besetzt und „ebenso kompetenten“ Humanwissenschaftlern ergänzt werden.

Zu viele Neubauten, zu wenige Umbauten?

Daneben moniert die ASAZ auch, dass die aktuellen Baugesetze den Neubau nicht „in notwendiger Weise“ einschränken und den Erhalt von Bausubstanz erschweren. „Wie wir aus Klimaschutzgründen wissen, sollten konventionelle Bauwerke nur in Notfällen zurückgebaut werden.“ Vielmehr sei das transformatorische Bauen durch Ergänzung des Vorhandenen anzustreben. „Der Ersatzbau muss ab sofort die begründete Ausnahme sein!“  Sie verweist auf acht städtische Wohnsiedlungen an, die abgebrochen werden sollen. Entgegen der Beteuerung von Hochbaudepartementsvorsteher André Odermatt, es würde jeder Einzelfall geprüft, sei schon im Rahmen der Architekturwettbewerbe der Abbruch bestimmt worden.

In diesem Zusammenhang fordert die ASAZ den Gemeinderat auf, eine Kommission zu bilden, die die bestehende Bauordnung in eine „Um-Bauordnung“ umwandelt. Der Normalfall müsse der Um- und Ergänzungsbau sein. (mai)

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