18:02 BAUPRAXIS

Erste Schweizer Lawinengefahrenkarte war auch für Gadmen eine Premiere

Teaserbild-Quelle: SLF

Rund 75 Jahre ist es her, als im Lawinenwinter 1950/51 Schneemassen desaströse Schäden anrichteten. In der Schweiz waren rund 1500 Gebäude, Bahnlinien und Stromleitungen betroffen. Das finanzielle Ausmass der Schäden belief sich damals im niedrigen, dreistelligen Millionenbereich. Er gab schliesslich auch den Auschlag für die ersten Lawinengefahrenkarten des  WSL-Instituts für Schnee-und Lawinenforschung SLF.


Lawinenwinter 1951, Strassenräumarbeiten

Quelle: Unbekannter Fotograf, das Bild stammt aus der Kollketion ETH-Bibliothek der ETH, CC BY-SA 4.0

Strassenräumarbeiten auf der Strasse von Zernez nach Brail, bei Punt Nova - im Lawinenwinter 1951.

«Viele der zerstörten Gebäude waren erst zehn oder zwanzig Jahre alt», sagt Stefan Margreth, er leitet die Forschungsgruppe Schutzmassnahmen am WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Der Grund dafür lag nicht etwa in der schlechten Bausubstanz, sondern im falschen Standort: Während der Jahrzehnten vor dem Winter 1950/51 hatten sich die Siedlungsgbiete rasant ausgedehnt, ohne dass man bei der Planung die Lawinengefahr gross berücksichtigte. «Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verliessen sich Menschen auf Erfahrungswerte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden», so Margreth. Oft ignorierten neu Zugezogene die Warnungen der Einheimischen und bauten im Lawinengelände.  

Nach jenem verheerenden Winter forderte das Eidgenössische Departement des Inneren die Erstellung von Lawinenkatastern und -gefahrenkarten: So entstand 1954 die erste Lawinengefahrenkarte der Schweiz, und zwar für die Berner Oberländer Gemeinde Gadmen. Und 1960 erstellte das SLF für die Gemeinde Wengen schliesslich erstmals eine Karte, die rote Zonen mit absolutem und blaue mit bedingtem Bauverbot enthielt. «Mittlerweile liegen praktisch für alle Siedlungen der Schweiz Gefahrenkarten vor», sagt Margreth. 

Erste Lawinengefahrenkarte der Schweiz für Gadmen 8BE)

Quelle: Archiv SLF

Die erste Lawinengefahrenkarte der Schweiz aus dem Jahr 1954 für die Gemeinde Gadmen (BE). Zu beachten ist, dass die Bauzone damals mit Rot gekennzeichnet wurde.

Bis es so weit war verstrichen Jahrzehnte: Eine wichtige Basis für die Kriterien der Gefahrenstufen lieferten etwa Aufzeichnungen aus vergangenen Jahrhunderten über die Reichweite und Zerstörungskraft grosser Lawinenabgänge. Ebenso flossen Faktoren wie die Geländeformen der Lawinenbahn mit ein. In den 1970er Jahren kamen zusätzlich erste lawinendynamische Modelle auf, die mit dem Taschenrechner angewendet wurden. Seither sind Modelle von Fachleutend es SLF kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert wordenBis zu einer einheitlichen Herangehensweise vergingen mehr als drei Jahrzehnte. «Die noch heute gültige Richtlinie zur Berücksichtigung der Lawinengefahr bei raumwirksamen Tätigkeiten erschien erst 1984», sagt Margreth. 

Lawinengefahr in roten Zonen, Sicherheit in weissen

Auf Lawinengefahrenkarten wird grundsätzlich zwischen fünf farblich markierten Zonen unterschieden: Rot bedeutet erhebliche Gefahr. Das heisst, es herrscht Bauverbot, Lawinen gefährden hier Menschenleben in Gebäuden und drohen, Infrastruktur zu zerstören. Gebäude neu zu bauen oder den Bestand zu erweitern, ist untersagt. Zerstörte Gebäude dürfen nur in Ausnahmefällen und mit Schutzmassnahmen wieder aufgebaut werden. Dass in solchen roten Zonen zuweilen Wohnhäuser stehen, ist laut Margreth historisch bedingt: «Solche Gebäude standen oft lange bevor es Gefahrenkarten gab.»

Blaue Markierungen, bedeuten, dass in diesem Gebieten Menschen innerhalb von Gebäuden überwiegend sicher sind, sofern diese verstärkt wurden. Die anprallenden Schneemassen erreichen im blauen Gefahrengebiet Druckkräfte bis zu drei Tonnen pro Quadratmeter. «Um Beschädigungen zu verhindern, werden Gebäude massiv gebaut, das heisst, lawinenseitige Mauern werden zum Beispiel aus Beton gefertigt und auf Öffnungen wie Türen oder Fenster wird verzichtet», erklärt Margreth. Unter Umständen sehen Gemeinden auch davon ab, in blauen Gebieten Bauzonen auszuscheiden.


Lawinengefahrenkarte für Wengen

Quelle: Archiv SLF

1960 erstellte das SLF für die Gemeinde Wengen erstmals eine Karte, die rote Zonen mit absolutem und blaue mit bedingtem Bauverbot enthielt. (Foto: Archiv SLF)

Dennoch können in den gelben Zonen, in denen Menschen im Freien nur noch schwach gefährdet sind,  Auflagen für sensible Objekte angebracht sein. Für alle drei Zonen gilt, dass die Gemeinden Interventionskarten ausarbeiten, wie sie das gefährdete Gebiet im Notfall absperren und evakuieren. Auch die Blaulichtorganisationen bereiten sich auf Notfälle vor. 

Derweil sind weiss-gelbe Zonen vergleichsweise sicher und stellen die Restgefährdung dar, die Wahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs mit Gefahr für Menschen und Infrastruktur ist sehr klein. Margreth dazu: «Wer auf Nummer sicher gehen will, lässt sich in einer weissen Zone nieder.»

Im Lawinenwinter 2018 zeigte sich, dass das System funktioniert

Wie gut das System funktioniert, konnte ein Forschungsteam des SLF in der Analyse nach dem Lawinenwinter 2018 nachweisen:  Damals hatte der Lawinenwarndienst erstmals in diesem Jahrtausend die höchste Gefahrenstufe fünf respektive «sehr gross» ausgegeben. Mit Hilfe von Satellitenbildern werteten die Fachleute die Lawinenaktivität in rund der Hälfte der Schweizer Alpen aus, mit einer Auflösung von 1,5 Quadratmetern. Dabei stellte sich heraus: Auf einer Fläche von 12000 Quadratkilometern waren 18000 Lawinen abgegangen. Zudem zeigten die Auswertungen laut Margreth, dass in Siedlungsgebieten keine einzige Lawine die Gefahrengrenze überschritt: «Die meisten sehr grossen und extrem grossen Lawinen liefen in den roten und teilweise in den blauen Zonen aus.»

Die Fachleute des SLF empfehlen, die Gefahrenkarten regelmässig zu überprüfen und falls erforderlich anzupassen. Dies, weil der Klimawandel die Lawinenaktivität beeinflusst. Es sei zu erwarten, dass insbesondere in tieferen und mittleren Lagen die Gefahr durch Lawinen zurückgehe, da dort weniger Schnee fallen werde, schreibt das SLF. Andererseits zeigten Modellierungen, dass gegen Ende des Jahrhunderts die Zahl der Lawinen aus trockenem Schnee abnehmen, die der Nassschneelawinen jedoch zunehmen würden.  Margreth dazu: «Dadurch können sich die Grenzen der betroffenen Zonen verändern.» (mgt/mai)

Hier geht es zum originalen Artikel: www.wsl.ch




Lawinengefahrenkarte für die Gemeinde Eisten (VS) von 2018

Quelle: SLF

Lawinengefahrenkarte für die Gemeinde Eisten (VS) von 2018 mit roten und blauen Gefahrengebieten. Die im Januar 2018 dokumentierten Lawinen (graue Flächen) haben die Gefahrengrenzen nicht überflossen. Das Gebäude in der roten Zone mit Bauverbot am oberen Rand des Bildausschnitts stand bereits, bevor die Gefahrenkarte erstellt wurde.

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