08:05 KOMMUNAL

Kommunal global: Die EU-Wahl und das «Système D»

Teaserbild-Quelle: Alexandra von Ascheraden

So viele Wahllisten wie noch nie – und allen muss auch im kleinsten französischen Dorf eine genau vorgegebene Klebefläche für ihre Plakate zur Verfügung gestellt werden. Eine echte Herausforderung für die meist klammen Bürgermeister.

Die EU-Wahl ist vorüber. Und all die kleinen französischen Gemeinden können wieder aufatmen. Sie alle hatten am 13. Mai um Mitternacht, dem offiziellen Beginn der Wahlkampagnen, dasselbe Problem: knapp 30 Meter Tafeln auftreiben und pünktlich aufstellen. Es ist nämlich so: Paris stellt seine Kommunen immer wieder gern vor Probleme, die sie ohne Paris nicht hätten und die sie dann auf mehr oder weniger kreative Art irgendwie zu lösen haben. Im zentralistisch regierten Land muss jeder Bürgermeister und jede Bürgermeisterin brav das tun, was Paris vorgibt. Wie die Anordnungen in die Praxis umgesetzt werden, ist das Problem der Kommunen. Das interessiert im Zentrum der Macht nicht.

Genormt chancengleich

Diesmal also waren es die Wahlplakate für die EU-Wahl. In Frankreich müssen vor jedem Wahllokal die Plakate der kandidierenden Listen aufgehängt werden können. Gern auch zusätzlich an weiteren Orten. Hauptsache die Stellwände sind alle exakt gleich gross und gleich gut sichtbar. Chancen-gleichheit in Reinkultur eben. Je mehr Wahllokale, je mehr Stellwände also. Das kennt man, und das ist Routine. Die Stellwände hat jedes Dorf auf dem Werkhof parat.

Nur waren es diesmal so viele Listen wie noch nie. Rekord. Plötzlich gab es gleich 34 Plakate. Nach Pariser Vorschrift sind diese alle unbedingt exakt gleichberechtigt zu positionieren. Jede Partei muss auf ihrer Stellwand Platz haben für ein exakt 841 × 594 Millimeter grosses Plakat sowie ein kleines Plakat von genau 297 × 420 Millimetern. Punktum.

Gesetz ist Gesetz – knapp 30 Laufmeter Bürokratie in einem französischen Dorf.

Quelle: Alexandra von Ascheraden

Gesetz ist Gesetz – knapp 30 Laufmeter Bürokratie in einem französischen Dorf.

Grundsätzlich eine gute Sache. Aber das kostet. Gewöhnlich werden die Plakate auf genormten metallenen Stellwänden präsentiert, die zwischen den diversen Wahlen eingelagert sind. Jede Wand bietet Platz für zwei Plakate und kostet im günstigsten Fall 120 Euro das Stück. Ein gewaltiger Posten gerade für die kleinen Gemeinden, deren Jahresbudget teilweise nur sehr knapp fünfstellig ist.

Viele haben bei grösseren Städten angefragt, ob die ihnen ein paar Plakatwände leihen könnten. Aber auch dort sind in diesem Rekordfall kaum Klebekapazitäten übrig. Sind die Wände dann irgendwie beschafft, müssen sie noch aufgestellt werden. Alle möglichst in einer Reihe und unbedingt alle gleich gut sichtbar. Das sind einige Dutzend Laufmeter, die mit den Tafeln verbarrikadiert werden. Vorne und hinten bekleben würde Geld und Platz sparen, ist aber vom Staat gar nicht gern gesehen, da sich diejenigen auf der Rückseite benachteiligt fühlen könnten.

Pragmatisch aus der Patsche

Also bleibt nur «Système D», wie die Bürgermeister das selbst gern nennen. Sie haben schliesslich alle ausreichend Erfahrung mit Pariser Anordnungen. D steht in diesem Fall für «Débrouillardise» oder, noch direkter «Démerde», sich knapp entlang des Erlaubten durchmogeln eben. Zum Beispiel in Castelmoron-d’Albret in der Gironde, der kleinsten Gemeinde Frankreichs.

Das Dorf hat nur 30 Wahlberechtigte, also weniger als es Wahllisten gibt. Das Jahresbudget des Dorfes beträgt nur einige Tausend Euro. Investitionen in mehrere Wände aufs Mal liegen da nicht drin, die Strassen muss man ja auch noch reparieren und was halt so anfällt. Im Moment besitzt Castelmoron-d’Albret exakt acht Stellwände.

Die Bürgermeisterin Caline Alamy erklärte, sie könne jährlich eine Stellwand anschaffen, mehr liege nicht drin. Um auf die geforderten 34 Plakatierplätze zu kommen, behalf sich das Örtchen mit Holzplatten, die man aus den Scheunen des Dorfes gekramt hatte. Und dennoch war alles pünktlich fertig.

Jetzt hätte bloss noch jemand kommen müssen, um dort seine Plakate aufzuhängen. Die Parteien müssen diese nämlich auf eigene Kosten drucken und auch selbst ankleben. Gerade für kleine Listen ist das ein riesiger Aufwandposten. Viele haben gar nicht ausreichend Leute, um mit Kleister und Plakaten flächendeckend bis ins kleinste Dorf vorzudringen. Und sich für gerade mal 30 Wahlberechtigte überhaupt auf den Weg machen? Egal. Gesetz ist Gesetz. Alamy lässt die Holzplatten gerade wieder in die Scheunen räumen. Die meisten blieben leer.

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