13:38 BAUBRANCHE

Architekturbiennale in Venedig: Dekolonialisierung und Dekarbonisierung

Teaserbild-Quelle: Laurian Ghinițoiu

Lohnt es sich, der Architekturbiennale in Venedig, heuer unter dem Motto «Labor der Zukunft», einen Besuch abzustatten? Ja und Nein. Es gibt spannende Ansätze. Sehr viele Exponate verwenden jedoch Videos und setzen auf Erzähler, anstatt die Themen in Skizzen und Texten zu abstrahieren.

3_Girjegumpi_ The Sámi Architecture Library by Joar Nango and collaborators at the Nordic Countries Pavilion

Quelle: Laurian Ghinițoiu

Mit seiner Installation «Girjegumpi» schafft Joar Nango im skandinavischen Pavillon einen öffentlichen Leseraum.

Von Katharina Wyss

Sechs Monate lang, vom 21. Mai bis zum 26. November, ist die 18. Architekturbiennale der Treffpunkt von Architekten aus der ganzen Welt. Die Schau bot über die Jahre hinweg immer wieder die Möglichkeit, während des Besuchs in Venedig die Entwicklungen und Veränderungen der Architekturbranche auf der ganzen Welt anhand der nationalen Pavillons und der allgemeinen Ausstellung zu erfahren. Hier tauschen sich Architekten und Planer über das aus, was die Architekturszene gerade prägt. Man fühlt der Gegenwart auf den Puls, und berät sich über die Befindlichkeit der Architektur- und Baubranche. 

Die Kuratorin des Events, Lesley Lokko, hat aus der Biennale ein «Labor der Zukunft» gemacht. Die Architektin, Schriftstellerin und Architekturunterrichtende ist in Schottland geboren und in Ghana aufgewachsen. Sie hat der Biennale den afrikanischen Schwerpunkt gegeben. Lesley Lokkos Vision war es, auf dieser Biennale die Ideen der Zukunft zu generieren – und die findet aus ihrer Sicht in Afrika statt.

Die von ihr kuratierte Ausstellung präsentiert sich als die Stimme Afrikas, der afrikanischen Diaspora und den Nachkommen von Afrikanern auf der ganzen Welt. Hier erzählen jene, die versklavt oder verdrängt wurden. Bewusst achtete Lesley Lokko darauf, eine Vielzahl von Ideen, Zusammenhängen, Motivationen und Sinnfragen zusammen zu tragen. 

Dies sollte keine Biennale werden, in der eine dominante Stimme den Diskurs bestimmt. Vielmehr achtete sie auf den Ausgleich zwischen Frauen und Männern. Kleine Teams von bis zu fünf Leuten arbeiteten an den Exponaten. Der Altersdurchschnitt der Beitragenden beträgt 43 Jahre. Es ist Lokkos Ziel, in den Arbeitsgemeinschaften ein Miteinander anstatt ein von hierarchischen Strukturen oft generiertes Gegeneinander zu schaffen.

Pavillon Portugal

Quelle: Francisco Nogueira

Der Länderbeitrag Portugals liegt ausserhalb der Giardini-Gärten des Biennale-Geländes im Palazzo Franchetti.

Urvölkern auf der Spur 

Die 18. Architekturbiennale steht ganz im Zeichen von Dekolonialisierung und Dekarbonisierung. Neben der kuratierten Ausstellung in den Arsenalen bilden die nationalen Beiträge einen wichtigen Bestandteil der Schau. Sie werden von jedem Land individuell kuratiert. Dadurch bieten sie oft neue Perspektiven. Der goldene Löwe, die Auszeichnung für den besten Länderpavillon, ging dieses Jahr, passend zum Schwerpunkt der Dekolonialisierung der Hauptschau, an Brasilien.

Die Ausstellung «Terra» dieses Pavillons widmet sich dem Architekturerbe der indigenen und afro-brasilianischen Bevölkerung. Sie erzählt die Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe, die zu unwichtig schien, um beim Bau der Hauptstadt des Landes mit einbezogen zu werden. Das modernistische Brasilia gründete, anders als in der offiziellen Version, nicht im Niemandsland. Die dort ansässige Bevölkerung wurde beim Bau der Stadt vertrieben und an den Stadtrand gedrängt. Im Pavillon wird der Einfluss dieser Bevölkerungsgruppen auf die Landschaft und die Architektur des Landes, beispielsweise durch ihre Agroforstwirtschaft oder durch architektonische Elemente im heutigen Brasilien, vorgestellt.

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Quelle: Rafa Jacinto, Fundação Bienal de São Paulo

Der brasilianische Pavillon «Terra» beleuchtet das landschaftliche und architektonische Erbe der ­afro-brasilianischen und indigenen Bevölkerung.

Auch der Beitrag des skandinavischen Pavillons handelt vom verschütteten Wissen der Urbevölkerung. Die Sami, die am längsten beheimatete Volksgruppe im Norden Skandinaviens, wurde in Schweden erst in den siebziger Jahren als Indigene anerkannt. Der Architekt Joar Nango zählt sich zu dieser Volksgruppe. Als Grundlage für seine planerische Praxis sammelte er 500 seltene Bücher, in denen die traditionellen Bauweisen der Sami und das Wissen um das kollaborative Bauen indigener Völker aufgezeichnet sind. 

Diese Bibliothek befindet sich in einer mobilen Schäferhütte auf Skiern. «Girjegumpi» heisst die Installation mit viel Holz und Pelz. Seit 2018 war «Girjegumpi» bereits in Ottawa, Oslo oder Helsinki, im Be-streben, indigenes Know-how in einen breiteren Kontext zu stellen. «Girjegumpi» befindet sich heuer im skandinavischen Pavillon. So entstand ein öffentlicher Leseraum, angereichert mit einem Zelt und Sitzmöglichkeiten, um in den Büchern zu schmökern.

In grossen Massstäben skizzieren viele Beiträge bei dieser Biennale die Zusammenhänge der Ressourcennutzung von Menschen als auch von Landstrichen. So behandelt die Ausstellung «Foodscapes» im spanischen Pavillon die industrialisierte Verarbeitung von Lebensmitteln. Mittels Videos, Fotos und Plänen wird die Landwirtschaft Spaniens dabei nicht nur dokumentarisch festgehalten, sondern auch in der Art eines Splattermovies teilweise filmisch überzeichnet. 

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Quelle: Matteo de Mayda/Courtesy of La Biennale di Venezia

Die Innenräume des israelischen Pavillons blieben dieses Jahr verschlossen. Im Innenhof sind ­Betonmodelle ehemaliger Telekommunikationsgebäude des Landes abgestellt.

Der israelische Pavillon blieb dieses Jahr verschlossen. Der Rauminhalt steht stellvertretend für Serverzentren, die als neuer Gebäudetyp nun dafür dienen, die Kommunikation im Land sicherzustellen. Betonmodelle der ehemaligen israelischen Telekommunikationsgebäude stehen ausgesondert auf Sockeln vor dem versiegelten Eingang des Pavillons. Eine Karte beschreibt den Datenfluss im Mittelmeerstaat – über das Mittelmeer und völlig losgelöst von den alten Handelsrouten mit den Nachbarn des Nahen Ostens.

Gleich mehrere Länderpavillons griffen das Thema Ressource Wasser auf. Der griechische Pavillon «Bodies of Water» zeigt die gebauten Wasserreservoire und Staudämme in Modellen und Karten. 

Die dänischen Kuratoren fokussierten sich auf die Küstenlinie, die sich im Zuge der Erderwärmung und dem ansteigenden Meeresspiegel verändern wird. Im niederländischen Pavillon erfasste der Architekt Carlijn Kingma anhand einer raumhohen Zeichnung eines detaillierten Wasserverteilsystems die Wirkungsweisen des Kapitalismus. Als Kontrast stellt der niederländische Kurator der grossformatigen Zeichnung ein Retentionssystem für den niederländischen Pavillon als lokale Massnahme gegenüber, welches auch den umliegenden Garten bewässern könnte. 

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Quelle: Matteo de Mayda/Courtesy of La Biennale di Venezia

Im griechischen Pavillon werden die Wasserreservoirs des Landes ­umfassend illustriert.

Ausserhalb des Giardini-Areals, in denen sich die nationalen Pavillons der Biennale befinden, präsentiert Portugal die Ausstellung «Fertile Futures». Im Palazzo Franchetti werden aktuelle Problematiken in Bezug auf die Wasserverteilung innerhalb von Portugal porträtiert und kommentiert. Anhand von sieben «Hydrogeografien», also Brennpunkten der Wasserfassung und -leitung im gebirgigen Land, werden deren Problematiken analysiert. Die Wasserversorgung veränderte sich über die letzten Jahrzehnte vor allem durch die intensivierte Landwirtschaft, aber auch durch den Bergbau.

Für diese Ausstellung arbeiteten Künstler und Architekten in Teams zusammen. Entstanden sind beeindruckende Installationen, die nicht nur die vorgefundenen Situationen präsentieren, sondern auch künstlerisch gelungen kommentieren. Die spannend verpackten Inhalte der Thematik machen diesen Pavillon zu einen der interessantesten nationalen Beiträge.

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Quelle: Bento

Für den Pavillon wurden Sägespäne mit Mycel versetzt. So soll ein neuer Baustoff entstehen.

Alt und neu 

Die Ausstellung im belgischen Pavillon «In-Vivo» zeigt Mycel, also Pilzfäden, die aus Sägespänen ein neues Baumaterial formen. Bausteine und Platten in verschiedenen Wachstumsphasen beschreiben die Entstehung dieses Materials. Das zentrale Ausstellungsstück ist ein zwölf Meter langes, sechs Meter breites und sechs Meter hohes Holzgerüst, an dem die erzeugten Platten aufgebracht wurden.

In seiner Optik und Haptik wirkt die Oberfläche der Mycel-Platten wie Spanplatten, durchwachsen mit der samtigen Struktur einer Camemberthaut. Mycel kann durch seine Zellstruktur loses, organisches Material durchwachsen und festigen. Das fast transluzente, leichte Material muss neben seinen statischen Eigenschaften auch noch auf dessen Verträglichkeit für Menschen getestet werden. So berichteten manche Besucher von «Hustenanfällen», die sie beim Eintritt in diesen Pavillon hatten.

Deutscher Pavillon

Quelle: Matteo de Mayda/Courtesy of La Biennale di Venezia

Im deutschen Pavillon wurde im Vorfeld der ­Biennale vor allem altes Material sortiert, das man für neue Bauaufgaben wiederverwenden kann.

Die deutschen Kuratorinnen und Kuratoren setzen auf «Re-use». Das Team sammelte die Materialen von vierzig Installationen der Kunstbiennale des letzten Jahres. Der Pavillon ist «Wegen Umbau geöffnet«. Er verwandelte sich in eine gut sortierte Materialbank mit funktionstüchtiger Gemeinschaftswerkstatt. Inspiriert von der Hausbesetzerszene der Achtziger-Jahre in Berlin, wird hier so manches wiederverwendet, was sonst entsorgt werden würde. Die Kuratorinnen und Kuratoren arbeiten dabei eng zusammen mit einem Zusammenschluss von Architekten der ­lokalen Gruppierung «Rebiennale», die damit soziale Projekte in der Stadt unterstützen.

Anstatt Materialien sammelten die Kuratoren des slowenischen Pavillons altes Wissen. Mit über 50 Architekturschaffenden aus ganz Europa erstellten sie eine Bibliothek von baulichen Elementen, die in traditionellen Bauten Energieeffizienz boten. Vom isländischen, gut isolierenden Algendach bis zum traditionell angewandten «Raum-im-Raum»-Prinzip eröffnen sie damit eine Palette von Möglichkeiten, um altes Wissen auch in die aktuelle Architekturpraxis zu integrieren. 

Storytelling und Video 

Erfrischend ist dieses Jahr der Aufbruch ins Ungewisse: Noch gibt es zu wenige Antworten auf die Frage, wie CO2-neutrales Bauen aussehen soll, und Ressourcen besser genutzt oder geschont werden könnten. Es scheint unklar, wie sich Architektur in einer internationalen Schau nach dem ­Zeitalter der Autorenarchitektur präsentieren soll. 

Sehr viele Exponate verwenden Videos und setzen auf Erzähler, anstatt die Themen in Skizzen und Texten zu abstrahieren. Damit mangelt es bei so manchem Beitrag am gebührlichen emotionalen Abstand, um mit den Mitteln der architektonischen Planung wie Grafiken, Plänen und Modellen das Präsentierte für das geschulte Architektenauge fassbar zu machen. Es fehlt die Abstufung der Informationen in verschiedenen Massstäben und Darstellungsformen.

Besucherinnen und Besucher wird dadurch die Möglichkeit genommen, in ihrer eigenen Geschwindigkeit und Detailverliebtheit die Informationen zu verarbeiten. Gerade die vielen Videos als Teil von Ausstellungsstücken verlangen zu viel Aufmerksamkeit, bannen die Betrachter durch die nicht manipulierbare Erzählgeschwindigkeit des Filmes zu lang auf eine Stelle. Vieles bleibt dadurch, ähnlich wie bei einer Betrachtung eines Projekts aus zu hoher Flughöhe, verborgen. Dabei sind es doch gerade Architekten, die den Sprung zwischen verschiedenen Massstäben, vom Allgemeinen ins Spezielle, auch durch Pläne und Modelle schätzen.

Vielleicht beschreibt der Titel der Biennale treffend, was die Schau dieses Jahr tatsächlich darstellt: Ein Labor der Zukunft. Die Ideen fliegen noch hoch. Doch das Zeitalter des postkolonialistischen, zirkulären Bauens ist erst in der Entwurfsphase. Die Detailfragen sind noch lange nicht gelöst.

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