14:12 VERSCHIEDENES

Hitobashira: Vor 400 Jahren wurden in Japan für Brücken Menschen geopfert

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Katsushika Hokusai wikimedia gemeinfrei

Bis zum 16. Jahrhundert gab es in Japan eine grausame Praktik beim Bau von Burgen und Brücken: Menschen wurden als Opfer lebendig im Fundament oder in den Pfeilern eingemauert, damit die Götter die Bauten vor Naturkatastrophen schützen. Die Praktik war als «Hitobashira» bekannt.

Japanischer Holzschnitt einer Brücke von 1830

Quelle: Katsushika Hokusai wikimedia gemeinfrei

Holzschnitt einer Brücke von 1830: Für ihren Bau wurden in der Edo-Zeit teilweise Menschen geopfert.

Die Herrscher des alten Japan glaubten, dass die Erdbewegungen, die grosse Bauprojekte verursachen, das «Fengshui» des Bodens störten: Das heisst, dass sie die Harmonie zwischen Mensch und Natur belasten, was wiederum Unfälle oder Naturkatastrophen während und nach dem Bau auslöst. 

Aus ihrer Sicht waren solche Opfer nötig, um die Götter zu besänftigen. Davon versprach man sich, dass die jeweiligen Gebäude nicht durch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder durch feindliche Angriffe zerstört werden würden. 

Göttliche Vision forderte zwei Menschenopfer 

Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über «Hitobashira» finden sich im Nihonshoki – dem zweitältesten noch existierenden Geschichtswerk von Japan. Darin wird eine Geschichte erzählt, die sich um 300 nach Christus ereignet haben soll: Dabei geht es um zwei Flüsse – Kitakawa und Mamuta – die immer wieder über die Ufer getreten waren, verheerende Schäden verursacht und Menschenleben gefordert hatten. 

Der damalige Kaiser Nintoku soll darauf in seinen Träumen eine «göttliche Vision» erlebt haben, in der ihm erzählt wurde, dass jemand namens Kowakubi in der Provinz Mushashi und jemand namens Koromono-ko in der Provinz Kawachi lebt. Die Überschwemmungen würden aufhören, wenn diese beiden Menschen gefunden und jeweils einem der Flussgötter geopfert werden. Der Geschichte nach wurden daraufhin beide aufgespürt und gefangen genommen.

Kowakubi wurde dann mit einem Gebet an die Gottheit in die Fluten des Kitakawa-Flusses geworfen.  Koromono-ko versuchte seinem Schicksal laut der Aufzeichnung zu entkommen. So brachte er am Tag seines Opfers zwei Kürbisse mit und wandte sich direkt an den Flussgott: Er sei hergekommen, um dem Gott sein Leben zu opfern. Sollte dieser sein Leben aufrichtig haben wollen, solle er diese Kürbisse versenken. Wenn er dies nicht tue, sei er nicht die wahre Gottheit, und es würde sein Leben vergebens lassen. Natürlich gingen die Kürbisse nicht unter, und Koromono-ko wurde freigelassen.

Denkmal an der Matsue-Ohashi-Brücke in Japan

Quelle: アラツク wikimedia CC BY-SA 4.0

Ein Denkmal an der Matsue-Ohashi-Brücke weist noch heute auf die Menschen hin, die für den Bau geopfert wurden.

Menschenopfer gegen Fluss-Überschwemmung 

Eine andere Geschichte, in der die «Hitobashira»-Praktik ein Dorf vor dem Zorn eines Flusses gerettet haben soll, wurde von den Einwohnern Aiharas in der Provinz Buzen überliefert. Die Gemeinde wurde im 12. Jahrhundert von Yuya-danjo Motonobu und sechs weiteren Gemeindevertretern regiert. Die Menschen litten jedes Jahr unter den Überschwemmungen des Yamakuni-Flusses. Die sieben Vertreter beteten daraufhin eine Woche lang Tag und Nacht im örtlichen Schrein. 

Als das nichts nützte, beschlossen sie, dass es ein Menschenopfer brauchte. Jedoch fand sich natürlich niemand, der freiwillig bereit dazu war. Daraufhin schlug Yuya-danjo seinen sechs Kameraden vor, ihre Hosen auszuziehen und sie in den Fluss zu werfen. Derjenige, dessen Hose unterging, sollte der Gottheit sein Leben opfern. Schlussendlich sank jene von Yuya-danjo und sein Leben war verwirkt. Nach seinem Opfer sollen der Fluss nicht mehr über die Ufer getreten sein.

Hitobashira oft für Wasserbauten praktiziert 

«Hitobashira»-Traditionen wurden fast immer in Verbindung mit dem Bau komplexer, gefährlicher und oft wasserbezogener Projekte, wie etwa Brücken, durchgeführt. Das Yasutomi-ki – ein Tagebuch aus dem 15. Jahrhundert – dokumentiert die bekannte Tradition des «Nagara-no Hitobashira». Dieser Überlieferung zufolge wurde eine Frau, die den Fluss Nagara überquerte, gefangen genommen, geopfert und an der Stelle begraben, an der eine grosse Brücke über dem Fluss gebaut werden sollte. 

Auch die «Matsue-Ohashi»-Brücke in der heutigen Stadt Matsue wurde der Legende nach durch ein Menschenopfer errichtet. Als in der Keichō-Ära der damalige Fürst von Izumo zum ersten Mal einen Übergang bei der Flussmündung errichten wollte, hatten die Baumeister arg zu kämpfen. Denn es schien keinen festen Boden zu geben, auf dem die Pfeiler ruhen konnten. Daraufhin sollen die Baumeister eine riesige Menge an Steinen in den Fluss geworfen haben.

Schliesslich wurde die Brücke gebaut. Bald darauf begannen die Pfeiler aber zu sinken. Später trug gar eine Flut die Hälfte der Brücke fort. Nach jeder Reparatur wurde das Bauwerk wieder zerstört. Den letzten Ausweg sah man dann in einem Menschenopfer, das die bösen Geister der Flut besänftigen sollte. Daraufhin wurde ein Mann lebendig im Flussbett unterhalb der Stelle des mittleren Pfeilers begraben, wo die Strömung am tückischsten war. Nach dem Opfer soll die Brücke 300 Jahre lang erhalten geblieben sein. 

Maruoka-Burg in Japan

Quelle: baku13 wikimedia CC BY-SA 2.1 JP

Das Schloss Maruoka in der Stadt Sakai ist eine der ältesten noch erhaltenen Burgen Japans und soll Gerüchten zufolge mit Hitobashira errichtet worden sein.

Burg Maruoka mit Menschenopfer errichtet? 

Die Tradition der Menschenopfer in Japan ist auch mit dem Bau grosser Burgen verbunden. Die Burg Maruoka in der Stadt Sakai ist eine der ältesten noch erhaltenen Burgen Japans, die Gerüchten zufolge mit «Hitobashira» errichtet wurde. Als ein General das Bauwerk in Maruoka errichten liess, stürzte die Steinmauer immer wieder ein. Daraufhin wurde vorgeschlagen, jemanden zu opfern.  

Die Wahl fiel auf O-shizu, eine Mutter zweier Kinder. Als Preis dafür soll sie verlangt haben, dass eines ihrer Kinder zum Samurai werden sollte. Später wurde die Frau unter dem zentralen Pfeiler des Burgfrieds begraben und der Bau wurde erfolgreich abgeschlossen. Der General wurde danach aber in eine andere Provinz versetzt und der Sohn von O-shizu nicht zum Samurai ernannt. Dadurch soll ihr Geist verärgert gewesen sein, den Burggraben mit Frühlingsregen zum Überlaufen gebracht und dadurch die Stabilität der Mauern erneut untergraben haben. 

Die meisten dieser Geschichten über Menschenopfer wurden in der Tokugawa-Periode (Edo-Zeit) – das heisst in den letzten drei Jahrhunderten – verfasst. Noch heute führen viele japanische Gesellschaften für geplante Bauprojekte Scheinopfer und aufwendige Zeremonien in Schreinen durch. Zum Glück aber ohne menschliche Opfer. 

Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Zeichnet, schreibt und kreiert gerne. Themenbereiche: Bauprojekte sowohl international als auch regional, News aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Design.

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