Stefan Brupbacher: «KI, Berufsbildung und Schweizer Werte: Eine starke Kombination»
In seiner Kolumne zeigt Stefan Brupbacher auf, warum Künstliche Intelligenz die Berufsbildung und technische Berufe aufwertet – und weshalb Schweizer Werte wie Qualität, Zuverlässigkeit und Fleiss auch im KI-Zeitalter entscheidend bleiben.
Quelle: zvg
Stefan Brupbacher ist Direktor von Swissmem.
Künstliche Intelligenz (KI) verändert unser Leben fundamental. Brauchte man bisher Stunden für ein Strategiepapier, genügt heute die konzeptionelle Vorarbeit. KI füllt relevante Lücken; der Autor kontrolliert das Ergebnis. Der Zeitgewinn ist enorm.
Auch in der Industrie gibt es Beispiele: Das Swissmem-Mitglied OC Oerlikon entwickelt mithilfe von KI neue Beschichtungen mit weniger oder ganz ohne das seltene Metall Yttrium. Das reduziert Abhängigkeiten von marktmächtigen Lieferanten und von Unwägbarkeiten geopolitischer Verwerfungen. Zugleich lassen sich Entwicklungsprozesse wesentlich beschleunigen.
Für Arbeitnehmende ist der Wandel einschneidend. Von den USA bis zur Schweiz finden Universitätsabgänger – Juristen, Programmierer oder Historiker – immer weniger Einstiegsjobs. Damit trifft KI auf eine seit Jahren laufende Fehlentwicklung: In der Hoffnung auf mehr Lohn und höheren Status wollen immer mehr Eltern ihre Kinder in die Universitäten bringen.
Doch das ist eine Sackgasse. Peter Turchin beschreibt in «Endzeit: Eliten, Gegeneliten und der Pfad zum politischen Zerfall» die Überproduktion von «Bildungseliten». Nach Jahren des Studiums finden viele keinen Job und lehnen sich frustriert gegen das System auf.
Italien leidet seit Jahrzehnten unter stellenlosen, falsch ausgebildeten Uniabgängern. Die Schweiz blieb dank der Berufsbildung davon verschont. Doch Eltern, für die ihre Kinder schon bei Geburt potenzielle Nobelpreisträger sind, sowie Zugewanderte aus Ländern ohne Berufsbildung, treiben die Gymnasialquote in die Höhe. Damit tun sie ihren Kindern und der Gesellschaft keinen Gefallen.
KI führt zum Revival technischer und handwerklicher Berufe. Viele Büroarbeiten kann sie schneller und besser erledigen als der Mensch. Umso wichtiger wird technisches Verständnis – auch um KI-Ergebnisse zu prüfen. Handwerkliche Berufe und damit auch Berufe auf dem Bau gewinnen an Bedeutung. Trotz Automatisierungspotenzial bleiben Arbeitnehmende bei Bestandsbauten zentral.
Wer wichtiger wird, kann mehr verdienen. Nur ist das Bauen in der Schweiz bereits teuer. Sündenbock Nummer eins sind Einsprachen und zu lange Bewilligungsverfahren. Hier braucht es wohl einen Abbau per «Kettensäge». Nummer zwei ist der von vielen Bauherren beklagte Zerfall von
Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Das führt zu Kostenüberschreitungen. Seit Jahrzehnten machen Schweizer Werte unsere Industrieprodukte trotz hoher Löhne zu Exportschlagern. Zwar wird auch in billigere Länder verlagert. Doch dort sind Qualität, Lieferzuverlässigkeit und Flexibilität oft schlechter – und das Endresultat teurer. In vielen Bereichen arbeiten deshalb Swissmem-Mitglieder eng zusammen. Gemeinsame Werte und langjährige Zusammenarbeit führen zu besseren Resultaten.
Eine solche Rückbesinnung würde dem Bau – und anderen Sektoren inklusive der Industrie – eine neue Ausrichtung ermöglichen: weg von der billigsten Offerte, hin zu einer Umsetzung mit den tiefsten Lebenszykluskosten.
Nicht nur der Bau, sondern die ganze Gesellschaft braucht eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte: Qualität, Zuverlässigkeit, Fleiss, Freude an Arbeit und den Willen zur Extrameile. Menschen mit Berufsbildung fällt dies leichter. Mit Lehrbeginn mit 16 Jahren lernen sie Pünktlichkeit und Verantwortung. Sie kennen das Leben. Damit bleibt die Berufslehre der Königsweg – auch im Zeitalter von KI. Danach stehen Berufsleuten über Weiterbildungen alle Türen bis hin zur ETH offen. ■
Quelle: This Is Engineering, Unsplash
KI verändert die Arbeitswelt, aber der Mensch bleibt entscheidend.