Mittelgrosse Städte sind Zürich und Genf in der Wohnattraktivität voraus
Es muss nicht Zürich oder Genf sein: Städte wie Solothurn, Fribourg, Aarau, Vevey oder Lugano sind vor allem für Familien attraktiver als die beiden grössten Schweizer Metropolen. Das zeigt der aktuelle Wohnattraktivitätsindikator der UBS.
Quelle: UBS
Die drei jeweils attraktivsten Gemeinden für eine Familie mit zwei Kindern mit mittlerem Einkommen pro Region.
«Für Familien mit zwei Kindern sind mittelgrosse Städte in allen Landesteilen attraktiver als die Grosszentren», sagt UBS-Ökonom Thomas Rieder anlässlich einer Videokonferenz. Angeführt wird die Rangliste von Kantonshauptorten wie Solothurn, Fribourg, Sion, Basel, Luzern, Aarau, Chur und St. Gallen sowie den «Mittelzentren» Vevey und Lugano. Zürich und Genf sind nicht in den Top Drei vertreten. Die Experten der UBS beurteilten die Städte dabei nach Infrastruktur, Freizeitmöglichkeiten und Lebenshaltungskosten.
Allerdings: Weil rund 70 Prozent aller Umzüge in der Schweiz innerhalb eines Umkreises von weniger als zehn Kilometern erfolgen, wurden für den Wohnattraktivitätsindikator die Gemeinden nicht schweizweit, sondern innerhalb von zehn Regionen, die sich an den Arbeitsmarktgrossregionen des Bundesamts für Statistik orientieren, verglichen.
Die regionalen Ranglisten zeigen klar: Mittelgrosse Städte zählen in allen Landesteilen zu den attraktivsten Gemeinden. Sie bieten eine gut ausgebaute Infrastruktur, vielfältige Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten sowie Zugang zu diversen Dienstleistungen – zum Beispiel im Bereich der Bildung und der Kinderbetreuung. Gleichzeitig liegen die Lebenshaltungskosten laut UBS in den meisten mittelgrossen Städten deutlich unter denjenigen der Grosszentren. So sind die Kosten in Vevey rund 15 Prozent geringer als jene in Genf. In Aarau und Schaffhausen sind sie 28 beziehungsweise 34 Prozent tiefer als in Zürich. Dieses günstige Verhältnis zwischen Standortqualität und Kosten mache die mittelgrossen Städte für Familien zu attraktiven Wohnorten, heisst es weiter.
Alternativen - Agglomerationsgmeinden und ländliche Wohnorte
Neben den Zentren sind auch viele Agglomerationsgemeinden wie Zollikon, Baar, Granges-Paccot, Gaiserwald oder Morges in Sachen Wohnen attraktiv. Gründe dafür sind die gute Erreichbarkeit und hohe Lebensqualität bei oft tieferen Steuern oder Wohnkosten als in den benachbarten Zentren. Auch Gemeinden an den Agglomerationsrändern oder im ländlichen Raum, etwa La Roche, Düdingen, Erlach, Sissach und Walenstadt, belegen in ihren Regionen Spitzenplätze, wie die UBS-Experten festgestellt haben. Sie überzeugen trotz einer vergleichsweise weniger gut ausgebauten Infrastruktur häufig mit einer hohen Lebensqualität und vergleichsweise tiefen Wohnkosten.
Quelle: Alexander Fae, Unsplash
Idylle am Genfersee, an einer der attraktivsten Wohnlagen der Region Genève-Lausanne: Vevey belegt sowohl bei den tiefen als auch den mittleren und den hohen Einkommen Rang eins.
Die Attraktivität eines Wohnorts hängt auch stark vom Haushaltstyp
und den finanziellen Möglichkeiten ab: Haushalte mit hohem Einkommen
orientieren sich laut UBS tendenziell stärker an steuerlichen Vorteilen
und können höhere Wohnkosten eher tragen. Für sie sind steuergünstige
Gemeinden wie Freienbach, Cologny, Appenzell, St. Moritz oder Paradiso
attraktiv. Haushalte mit niedrigerem Einkommen sind stärker durch die
Lebenshaltungskosten eingeschränkt. Sie entscheiden sich deshalb
häufiger für bezahlbare Kleinzentren, Agglomerations- oder ländliche
Gemeinden mit ausreichender Infrastruktur, zum Beispiel Grenchen,
Langenthal, Zofingen, Wattwil oder Thusis.
Wohnkosten und Pendelwege – was bei der Wahl des Wohnorts zählt
Beim Entscheid für einen Wohnort ist die geografische Lage einer Gemeinde ein zentraler Faktor. Für den Wohnattraktivitätsindikator wird sie mittels Fahrzeiten zu Gross-, Mittel- und Kleinzentren sowie der Grösse des Einzugsgebiets erfasst. Gemeinden mit grossem Einzugsgebiet bieten Zugang zu vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten. Eine gute Erreichbarkeit der Zentren erleichtert zudem die Nutzung von Infrastruktur und Freizeitangeboten.
Allerdings können hohe Lebenshaltungskosten auch zentral gelegene Gemeinden im Wohnattraktivitätsranking ausbremsen: So liegen die jährlichen Lebenshaltungskosten einer Familie mit zwei Kindern in einer Agglomerationsgemeinde mit 10 bis 15 Minuten ÖV-Fahrzeit zu einem Grosszentrum im Durchschnitt 6700 Franken unter dem Niveau des jeweiligen Zentrums. In der Region Zürich ist das Kostengefälle zwischen Stadt und Umland besonders stark ausgeprägt: Haushalte in Agglomerationsgemeinden mit gleicher ÖV-Fahrzeit sparen jährlich rund 11 500 Franken gegenüber dem Zentrum, bei einer ÖV-Fahrzeit von 45 Minuten oder mehr sogar über 20 000 Franken. Die geringeren Pendlerkosten – Transportkosten und Zeitaufwand – in zentralen Gemeinden relativieren die hohen Lebenshaltungskosten teilweise. Letztlich hängt die Wahl des Wohnorts zu einem grossen Teil auch vom individuellen Nutzen und den persönlichen Präferenzen ab. (mgt/sda/mai)
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