07:08 MEINUNG

Kolumne von Thomas Müller: «Bevölkerungswachstum gehört weit oben auf die Agenda»

Geschrieben von: Thomas Müller
Teaserbild-Quelle: Philipp Böni

In der Kolumne berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute beschäftigt sich Thomas Müller, stellvertretender Direktor des SIA, mit dem Bevölkerungswachstum in der Schweiz. 

Thomas Müller stellvertretender Direktor SIA

Quelle: Philipp Böni

Thomas Müller ist stellvertretender Direktor des SIA.

Die Schweiz wächst. Laut OECD ist die Bevölkerung unseres Landes in den letzten zwei Jahrzehnten um 20 Prozent oder 1.46 Mio. Menschen gewachsen. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) bestätigt das und zeigt, dass das Wachstum zu rund vier Fünfteln auf Zuwanderung zurückgeht und zu 20 Prozent auf den Geburtenüberschuss. Ein Vergleich mit unseren Anrainerstaaten hilft bei der Einordnung und macht deutlich, dass die 20 Prozent sehr viel sind: Gemäss OECD kommen Österreich und Frankreich im selben Zeitraum auf 11 Prozent, Italien auf 4 und Deutschland gerade mal auf 1 Prozent.

Und so attraktiv unser Land nach wie vor ist, wird das Wachstum der Schweiz auch weiterhin sehr hoch bleiben. Nach einem kurzfristigen Rückgang der Nettozuwanderung im Rahmen des freien Personenverkehrs ist für 2022 wieder ein Anstieg derselben auf 60'000 bis 70'000 Menschen prognostiziert. Dazu kommen aktuell zudem rund 100'000 Ukrainerinnen und Ukrainer sowie Flüchtende aus weiteren Ländern, denen es Schutz zu gewähren gilt. Dies in Kombination mit dem Geburtenüberschuss von rund 20’000 Kindern dürfte 2022 in einem Wachstum von gegen 200’000 Personen münden. Und mehr Menschen brauchen auch mehr Wohnungen, Schulen, Verkehrswege, Verwaltung, und so weiter und so fort. Sie brauchen mehr Ver- und Entsorgungsinfrastrukturen, sie brauchen mehr Energie, sie brauchen mehr Strom.

Aktuell, wie wir wissen, scheinen wir von letzterem im kommenden Winter nicht mehr genug zu haben – und das trotz einer Senkung des Verbrauchs pro Kopf in den letzten 20 Jahren um rund 10 Prozent. Auch unser Autobahnnetz gerät an den Anschlag. Das sagte Jürg Röthlisberger, Direktor des Astra, nachzulesen in der NZZ. Und auch die SBB oder der Zürcher Verkehrsverbund deuten schon seit längerem an, dass sie mit dem Ausbau und Unterhalt ihrer Verkehrsinfrastrukturen nicht mehr nachkommen und im Betrieb immer öfter an die Belastungsgrenze geraten.

Nebst der grösseren Anzahl Einwohnerinnen und Einwohner hat halt auch die Anzahl der täglich pro Person zurückgelegten Kilometer von 2000 bis 2015 – aktuellere Zahlen hat das BFS leider nicht – um 5 Prozent zugenommen. Die davon in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegte Distanz sogar um 50 Prozent. Die Belegungsdichte von Schweizer Wohnungen lag 2020 bei 2.2 Personen pro Wohnung. Wer rechnet, der realisiert: bei der prognostizierten Bevölkerungszunahme 2022 ergibt das einen Bedarf von 90'000 zusätzlichen Wohnungen. Gegenwärtig erstellt werden jährlich rund 54'000.

Wie wir die Herausforderung angehen? Ich weiss es noch nicht. Sie ist aber auf jeden Fall immens und deshalb gehört das Thema Bevölkerungswachstum weit oben auf die Agenda der Planungs-, Bau- und Immobilienbranche. Wir brauchen Strategien, wie wir das Bauwerk Schweiz so weiterentwickeln und unterhalten, dass wir mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten können. Und dem ist ab sofort, wie nun hoffentlich auch die Letzten begriffen haben, nur noch verantwortbar Genüge getan, wann all unser Tun auch kompromisslos in ökologischer, ökonomischer, sozialer und gestalterischer Nachhaltigkeit münden. Wir beim SIA gehen diese Herausforderung an und werden Lösungen entwickeln – gemeinsam mit unseren Partnern aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Geschrieben von

Kommunikationsberater des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA).

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