Benjamin Schmid: «Aus der Not eine Tugend machen»
In seiner Kolumne zeigt Benjamin Schmid, Geschäftsführer Ziegelindustrie Schweiz, warum Tonbaustoffe in allen Bereichen der Nachhaltigkeit überzeugen – und weshalb heimische Ressourcen, faire Rahmenbedingungen und Innovationsbereitschaft entscheidend für eine zukunftsfähige Bauwirtschaft sind.
Quelle: zvg
Benjamin Schmid ist Geschäftsführer der Ziegelindustrie Schweiz.
Kintsugi ist eine japanische Kunstform, bei der zerbrochene
Keramik mit Goldpulver und speziellem Lack repariert wird. Bruchlinien werden
nicht versteckt, sondern betont, was das Objekt einzigartig und wertvoll macht.
Die im Kintsugi praktizierte Kunst, aus der Not eine Tugend
zu machen, lädt zum Weiterdenken ein. Die Schweiz gilt als ressourcenarmes
Land: Es kommt darauf an, die wenigen verfügbaren Ressourcen umsichtig und
nachhaltig zu nutzen. Das gilt besonders für die Bauwirtschaft, deren
Entscheidungen oft über Jahrzehnte hinweg wirken. Mit ihrer Materialwahl
bestimmen Planerinnen und Planer massgeblich, wie nachhaltig ein Gebäude wird.
Sie sollten deshalb ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermassen
berücksichtigen.
Ökologisch betrachtet haben Tonbaustoffe klare Vorteile. Die
Schweiz verfügt über reiche natürliche Tonvorkommen. Bereits während des Abbaus
entstehen in Tongruben wertvolle Biotope, die die Biodiversität fördern. Kurze
Transportwege tragen zusätzlich zur Reduktion von Emissionen bei. Im fertigen
Gebäude sorgen schadstofffreie Backsteine für ein gesundes Raumklima. Am Ende
des Lebenszyklus lassen
sich Tonbaustoffe wiederverwenden oder recyceln.
Aus ökonomischer Sicht sind Tonbaustoffe eine kalkulierbare und zuverlässige Grösse im Bauprozess. Ihre flexible Verwendung schafft Raum für kreative Ideen, die verlässlich funktionieren. Das Geld für elektrische Kühlgeräte spart, wer Backsteinmauerwerk als natürliche Klimaanlage einsetzt: Backstein speichert Wärme und gibt sie zeitversetzt wieder ab. Bei kalten Aussentemperaturen sorgen die guten wärmedämmenden Eigenschaften von Backsteinmauerwerk für niedrige Heizkosten – guter Schallschutz und Feuchteausgleich inklusive. Hinzu kommen niedrige Baufolgekosten, die sich aus der Langlebigkeit und dem geringen Unterhaltsaufwand massiver Baustoffe ergeben.
Quelle: zvg, Ziegelindustrie Schweiz
Kintsugi macht aus der Not eine Tugend.
Neben den ökologischen und ökonomischen Vorteilen zählen aus meiner Sicht auch soziale Aspekte. Zum einen demokratisieren Tonbaustoffe die Forderung nach Nachhaltigkeit. Klimafreundliches Bauen sollte kein Luxus sein: Die Errichtungskosten von Backsteinmauerwerk sind merklich niedriger als bei anderen Wandvarianten – und das bei höchster Wohnqualität und Wohngesundheit. Zum anderen stärkt die heimische Produktion unser Land. Unsere Mitgliederfirmen sind allesamt Schweizer Familienunternehmen mit langer Tradition und in höchstem Masse heimatverbunden. Sie tragen zum allgemeinen Wohlstand bei, bilden Fachkräfte aus und schaffen insbesondere in ländlichen Regionen wertvolle Arbeitsplätze.
Zwischenfazit: Tonbaustoffe überzeugen in allen Bereichen der Nachhaltigkeit. Das darf jedoch kein Anlass für lähmende Selbstzufriedenheit sein. Der Anspruch, einen bewährten Baustoff mit zukunftsweisenden Innovationen weiterzuentwickeln, treibt die Mitgliederfirmen von Ziegelindustrie Schweiz an, gezielt in Bildung und Forschung zu investieren. Als Verband unterstützt Ziegelindustrie Schweiz die hochschulübergreifende Forschung und Lehre an der ETH Zürich und der Hochschule Luzern. Die Innovations- und Forschungsarbeit zeigt Wirkung. Beispiel Klimaschutz: Die Schweizer Ziegeleien haben ihre CO2-Emissionen seit 1990 substanziell redzuiert und streben bis 2050 eine klimaneutrale Produktion an.
Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, braucht es neben dem Engagement der Baubeteiligten auch geeignete politische Rahmenbedingungen. Regulierung muss wirksam und verhältnismässig sein und darf insbesondere die heimischen KMU nicht überlasten. Zentral sind zudem Planungssicherheit, technologieoffene Instrumente sowie eine transparente Kosten- und Lastenverteilung in der Energie- und Klimapolitik. Sie ermöglichen es Produktionsbetrieben, Effizienzprogramme, Umstellungen und erneuerbare Eigenversorgung wirtschaftlich sinnvoll umzusetzen. Gleichzeitig sollte auf die einseitige, ideologisch getriebene staatliche Förderung einzelner Baustoffe verzichtet werden. Sie geht zulasten der Nutzung alternativer heimischer Ressourcen und begünstigt im schlechtesten Fall ausländische Importe auf Kosten des Werkplatzes Schweiz.
Soweit unser Gedankensprung «über den Tellerrand». Was uns die japanische Kunst des Kintsugi ausserdem lehrt: Oft verleihen erst die Brüche einem Objekt Tiefgang. Denken Sie an die raue Oberfläche eines Backsteins, an seine Patina und die Narben, die ihm die Zeit schlägt. Sie machen ein Gebäude einzigartig. Statt klinisch glatt zu wirken, erzählen sie eine facettenreiche Geschichte von Handwerk, Tradition und Beständigkeit. Der Ton macht den Charakter.