08:00 MANAGEMENT

Diana Gutjahr: «Digitalisierung soll unterstützen – nicht ersetzen»

Geschrieben von: Corinne Pitsch-Obrecht (cpo)
Teaserbild-Quelle: zvg

In der Rubrik «Chefsache» nehmen Exponentinnen und Exponenten der Baubranche im «Baublatt» Stellung zu Fragen rund um Führung und ihre Arbeit. Diesmal im Fokus: Diana Gutjahr. Sie setzt auf Eigenverantwortung, Vertrauen und Pragmatismus. Im Interview spricht sie über Führung, Fachkräftemangel und Digitalisierung – und darüber, weshalb die Bauwirtschaft auch anspruchsvolle Zeiten meistern wird.

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Quelle: Adrien Barakat

Wird alle zwei Jahre verliehen: Der Schweizer Stahl- und Metallbau­preis Prix Acier. Hier eines der Siegerprojekte in Genf.

Welcher Grundsatz prägt Ihren Führungsstil?

Mein Führungsstil basiert auf dem Grundsatz: Verantwortung übernehmen – und übertragen. Ich gebe die Richtung vor, erwarte aber, dass Lösungen aus dem Team kommen. Mir ist wichtig, dass nicht einfach bei mir nachgefragt wird, sondern dass unterschiedliche Ideen eingebracht und diskutiert werden. Denn die beste Lösung entsteht selten aus einer einzelnen Meinung, sondern im Austausch. Ich verstehe Führung deshalb als Zusammenspiel: klare Erwartungen setzen, Raum geben – und gemeinsam bessere Entscheidungen treffen.

Wie fördern Sie junge Talente?

Für mich ist jeder Mensch zunächst ein ungeschliffener Diamant. Entscheidend ist, wer bereit ist, Einsatz zu zeigen und sich weiterzuentwickeln. Gerade das duale Bildungssystem bietet dafür eine starke Grundlage, weil man die ganze Wertschöpfung kennenlernt. Fördern heisst für mich immer auch fordern. Wer Eigeninitiative zeigt, Verantwortung übernimmt und über längere Zeit zuverlässig arbeitet, bekommt Chancen und wird gezielt weiterentwickelt. Konkret heisst das: Ich übertrage Verantwortung und gebe Raum, sich zu beweisen. Denn echte Entwicklung entsteht dort, wo man gefordert wird und Vertrauen bekommt.

Wie entscheiden Sie, wenn Fakten und Bauchgefühl kollidieren?

Ich starte oft mit einem ersten Gedanken – das ist in der Regel mein Bauchgefühl. Danach prüfe ich die Fakten und wäge Chancen und Risiken ab. Einfach stur an etwas festzuhalten, wenn es nicht passt, ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Deshalb überprüfe ich meine Einschätzung bewusst. Am Ende überwiegt für mich aber das Bauchgefühl. Es basiert auf Erfahrung und Intuition – und gerade der erste Impuls ist oft der richtige. Entscheidend ist, darauf zu hören und dann konsequent zu handeln.

Was beunruhigt Sie aktuell in der Bauwirtschaft – und was stimmt Sie zuversichtlich?

Beunruhigend ist die zunehmende Regulierung und Bürokratie. Projekte dauern länger, Verfahren werden komplexer und unberechenbarer. Dazu kommen steigende Kosten. Erschwerend kommt hinzu, dass Entscheidungen oft sehr spät getroffen werden – gleichzeitig muss am Ende alles schnell gehen. Den Zeitdruck tragen dann die Handwerker auf der Baustelle. Kritisch sehe ich auch, dass Bauen teilweise ideologisch getrieben wird. Materialien sollten nach ihren tatsächlichen Eigenschaften und ihrem Nutzen eingesetzt werden – nicht nach politischen Trends. Zuversichtlich stimmt mich die Lösungsorientierung. Die Bauwirtschaft war immer anpassungsfähig – und ich bin überzeugt, dass sie auch diese Herausforderungen meistern wird.

Wo sehen Sie das grösste Potenzial der Digitalisierung?

Vor allem in der besseren Vernetzung. Digitale Modelle und Prozesse helfen, Fehler zu reduzieren und effizienter zu arbeiten. Ein grosses Potenzial liegt auch darin, schneller zu werden – etwa, indem man verschiedene Modelle digital prüfen kann. Diese Komplexität kann ein Mensch alleine kaum mehr überblicken, hier schafft Digitalisierung einen echten Mehrwert. Gleichzeitig sehe ich darin auch eine Gefahr: Man darf sich nicht blind auf digitale Tools verlassen. Entscheidend bleibt, selbst zu denken, Zusammenhänge zu verstehen und Ergebnisse zu plausibilisieren. Digitalisierung soll unterstüt­-zen – nicht ersetzen.

Was braucht es, um Fachkräfte langfristig zu halten?

Menschen bleiben dort, wo sie sich wertgeschätzt fühlen. Entscheidend sind ein gutes Team, sinnvolle Aufgaben und eine Führung, die Orientierung gibt und Vertrauen schafft. Gleichzeitig wird es schwieriger, Mitarbeitende langfristig zu binden. Wechsel passieren heute schneller und häufiger. Klar ist aber auch: Über den Lohn alleine kann man Menschen nicht im Betrieb halten. Entscheidend ist die innere Überzeugung: Passt das Umfeld, stimmt die Aufgabe, sehe ich eine Perspektive? Wenn sich jemand mit dem Unternehmen identifizieren kann, entsteht echte Bindung – und nicht nur eine kurzfristige.

Welche politische Massnahme würde der Baubranche sofort helfen?

Schnellere und klarere Bewilligungsverfahren wären ein grosser Hebel. Heute verzögern Einsprachen und komplexe Prozesse viele Projekte. Ebenso wichtig ist ein bewusster Umgang mit Regulierung: Nicht jedes Problem lässt sich mit neuen Vorschriften lösen. Es braucht weniger Vorgaben und mehr Vertrauen in die Praxis. Gerade im öffentlichen Bauen braucht es zudem mehr Sachlichkeit. Ausschreibungen sollten weniger ideologisch geprägt sein, sondern so ausgestaltet werden, dass am Ende das passende Material und die beste Lösung zum Zug kommen.

Welche Konflikte kommen am häufigsten vor – und wie entschärfen Sie sie?

Konflikte entstehen oft an Schnittstellen – zwischen Planung und Ausführung oder zwischen verschiedenen Gewerken. Ich beobachte, dass heute häufig zu wenig entschieden wird. Verantwortung wird eher vermieden, viele möchten sich nicht mehr klar festlegen. Dadurch entsteht Unsicherheit, die später zu grösseren Problemen führt. Um mich abzusichern, bleibt oft nur, mehr schriftlich festzuhalten. Das hilft zwar, Probleme im Nachhinein zu vermeiden, ist aber eigentlich eine negative Entwicklung. Früher gab es den Handschlag – der fehlt heute oft. Ich bin überzeugt, wir sollten wieder mehr Vertrauen wagen und stärker zu klaren Entscheidungen stehen. Das würde vieles vereinfachen und die Prozesse wieder schlanker machen.

Wenn Sie morgen eine neue Fähigkeit «downloaden» könnten: Welche wäre das?

Ganz ehrlich: Ich würde mir wünschen, Namen – und generell Informationen – besser behalten zu können. Das ist mir manchmal etwas unangenehm. Gerade weil heute so vieles gleichzeitig auf einen einprasselt, bleibt oft weniger hängen, als man gerne hätte. Man ist sehr kurzfristig unterwegs, verarbeitet viel – aber speichert weniger nachhaltig. Das ist wohl der Preis unserer schnellen Zeit. Trotzdem sehe ich es nicht als Ausrede, sondern eher als Ansporn. Aber wenn ich mir etwas aussuchen dürfte, wäre genau das meine erste Wahl.

Wer war der Held Ihrer Kindheit?

Als Kind haben mich Figuren wie Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Fred Feuerstein – und vielleicht auch ein wenig der Pumuckl – begleitet. Michel steht für Taten­drang und Lernbereitschaft, Pippi für Eigenständigkeit und Mut, Fred Feuerstein für Bodenständigkeit und den starken Bezug zur Familie. Und Pumuckl erinnert mich daran, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Diese Mischung passt heute gut zu mir: Ich bin ein Familienmensch, gehe meinen Weg mit Überzeugung und vertrete meine Haltung konsequent – aber mit einer guten Portion Humor.

Wie laden Sie Ihre Energie wieder auf?

Durch Zeit mit Familie und Freunden und bewusst eingeplante Auszeiten. Dieser Ausgleich ist für mich zentral. Kraft tanke ich auch beim Sport, etwa beim Joggen – und ganz besonders im Garten bei meinen Rosen. Dort sieht man sehr schön: Wenn man pflegt und investiert, kann etwas wachsen und blühen. Das erdet und gibt neue Energie.

Was wünschen Sie der Schweiz?

Dass sie ihre Stärken bewahrt: Eigenverantwortung, Innovationskraft und wirtschaft­liche Vernunft. Ich wünsche mir auch, dass die Schweiz eigenständig bleibt und nicht zu stark nach aussen schaut. Jede Familie hat ihre eigenen Regeln – genau so sollte es auch im Land bleiben. Und dass wir den Mut haben, unseren eigenen Weg weiterzugehen und Chancen zu nutzen, statt uns von Risiken lähmen zu lassen. Das ist mir persönlich sehr wichtig.

Diana Gutjahr, metal.suisse

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Quelle: zvg

Diana Gutjahr absolvierte eine KV-Lehre im elterlichen Unternehmen und schloss ihr Studium der Betriebswirtschaft in St. Gallen als Betriebsökonomin FH ab. Heute ist sie Delegierte des Verwaltungsrats und Mitglied der Geschäftsleitung der Ernst Fischer AG in Romanshorn, die sie gemeinsam mit ihrem Ehemann führt. Zudem präsidiert sie den Branchenverband metal.suisse.

Politisch engagierte sie sich von 2012 bis 2017 als Kantonsrätin im Grossen Rat des Kantons Thurgau. Die SVP-Politikerin vertritt seit 2017 den Thurgau im Nationalrat. Bei den eidge­nössischen Wahlen 2019 erzielte sie das beste Wahlresultat ihres Kantons. Ihre politischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Wirtschaft und Bildung. Sie ist Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur sowie Co-Präsidentin verschiedener parlamentarischer Gruppen. Diana Gutjahr ist verheiratet, Mutter eines Sohnes und lebt in Amriswil.(cpo)

Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Begeistert von Bauprojekten aller Art. Weitere Interessensbereiche sind Geschichte, Politik, Management und Gesellschaft. Zudem ist sie für die Kolumne und die Chefsache zuständig und steht deshalb in Kontakt mit allen Verbänden und Exponenten.

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