08:00 MANAGEMENT

Chefsache mit Hans Wicki: «Wir müssen wieder mehr Mut entwickeln»

Geschrieben von: Corinne Pitsch-Obrecht (cpo)
Teaserbild-Quelle: Thomas Egli, zvg

In der Rubrik «Chefsache» nehmen Exponenten der Baubranche im «Baublatt» Stellung zu Fragen rund um Führung und ihre Arbeit. Diesen Monat im Fokus: Hans Wicki, Präsident von Bauenschweiz und Ständerat. Er spricht über Vertrauen als Führungsbasis, den Umgang mit unterschiedlichen Interessen – und darüber, warum die Bauwirtschaft verlässliche Rahmenbedingungen braucht.

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Quelle: Johannes Weckstrom, Unsplash

Die Bauwirtschaft setzt in den kommenden Jahrzehnten zentrale Herausforderungen um – von der Schaffung von Wohnraum über energetische Sanierungen bis hin zur Anpassung von Gebäuden und Infrastrukturen an Klimawandel, Mobilität und Energiebedarf.

Welcher Grundsatz prägt Ihren Führungsstil?

Es sind eher Grundwerte als ein Grund­-satz. Team, Transparenz und Dialog – ich bin überzeugt, dass eine offene Kommunikation, das Führen über Ziele und damit auch das Grundelement Vertrauen wichtig sind, um die Motivation in einem Team hochzuhalten. In meinen aktuellen Funktionen, zum Beispiel als Präsident von Bauenschweiz, bin ich auch ein Sparringspartner für die Direktorin und kann meine Erfahrung in der Weiterentwicklung der Organisation einbringen.

Wie entscheiden Sie, wenn Fakten und Bauchgefühl kollidieren?

Eine sehr schwierige Frage. Gerade in meiner Funktion als Ständerat und damit Vertreter des Kantons Nidwalden in Bern braucht es neben Bauch und Kopf auch noch das Herz. Wenn es hart auf hart kommt, orientiere ich mich aber an den Fakten. Auf diese kann man auch bei neuen Entwicklungen zurückkommen.

Welche Konflikte kommen am häufigsten vor – und wie entschärfen Sie sie?

Im politischen Handwerk gehört der Abgleich von Meinungen und Interessen zum Alltag. Ich leite unsere Gruppe im Ständerat. Ich lasse Raum für alle Argumente in einem Konflikt, versuche meine Kolleginnen und Kollegen aber mit gezielten Zusammenfassungen und Rückfragen wieder auf den Weg Richtung Kompromiss und gemeinsame Haltung zu bringen.

Welches Ritual hält Ihren Kopf frei?

Rückzugsorte sind unsere Lounge bei uns im Garten oder ein Spaziergang am Seeufer in meiner Gemeinde Hergiswil. Der Blick auf den Pilatus, das ruhige Wasser, die Boote, die langsam vorbeiziehen. Das hat etwas Meditatives. Man denkt über alles nach – und über nichts gleichzeitig.

Wie laden Sie Ihre Energie wieder auf?

Ich gehe mit meiner Frau in die Berge oder im Sommer auf den Golfplatz. Beim Ski­fahren oder beim Golfen kann ich meine Batterien sehr gut wieder aufladen.

Wenn Sie morgen eine neue Fähigkeit «downloaden» könnten: Welche wäre das?

Dinge, die ich ändern kann, tatsächlich zu ändern und Dinge, die ich nicht ändern kann, in Gelassenheit zu ertragen. Dann wäre es super, die Weisheit zu haben, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Von welcher Person – lebend oder verstorben – haben Sie am meisten über Führung gelernt?

Da gibt es viele Menschen, die mich in meiner Entwicklung geprägt haben. Aber eine Person jetzt hervorzuheben, wäre unfair gegenüber den anderen, die mir so vieles beigebracht haben.

Wer war der Held oder die Heldin Ihrer Kindheit?

Einen Held hatte ich nicht, aber ich war Fan von vielen damaligen Sportgrössen – Bernhard Russi, Roland Collombin, René Botteron oder Ruedi Elsener.

Was beunruhigt Sie aktuell in der Bauwirtschaft – und was stimmt Sie zuversichtlich?

Die Bauwirtschaft steht wie kaum eine andere Branche für Stabilität, Fortschritt und Verlässlichkeit. Das stimmt mich auch in aktuell unsicheren Zeiten zuversichtlich. Unser Sektor schafft zwölf Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung und beschäftigt rund eine halbe Million Menschen. Diese enorme Wertschöpfungskette ist Rückgrat und Zukunftsmotor der Schweiz – aber braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Das beunruhigt mich. Eine Stop-and-Go-Politik ist zum Beispiel bei den notwendigen Investitionen in Baumaterial und Bauweisen kontraproduktiv. Die Branche investiert seit Jahren in neue Lösungen, Materialien und in die Ausbildung. Das darf jetzt nicht gebremst werden.

Was schätzen Sie an der Baubranche und was nicht?

Die Karrierewege sind vielfältig: von der Lehre in die Selbständigkeit, über Fachhochschulen bis hin zu praxisnahen universitären Abschlüssen. Hinzu kommt, dass die Bauwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten fast alle aktuellen Herausforderungen umsetzt – Wohnraum schaffen, energetische Sanierungen zur Erreichung der Klimaziele, Gebäude und Infrastruktur fit machen gegen zunehmenden Starkniederschlag oder die Sicherung der Mobilität und Bereitstellung von Energie. Wo wir noch Potenzial haben: Eine noch stärkere Wahrnehmung und damit noch mehr Relevanz für die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Kräfte, die sich um unsere Infrastrukturen kümmern.

Welche politische Massnahme würde der Baubranche sofort helfen?

Eine konsequente Entlastung der Unternehmen und Büros von administrativem Aufwand. Ein konkretes Beispiel ist die Harmonisierung und Vereinfachung der öffentlichen Ausschreibungen auf allen drei Staatsebenen. Auf Bundesebene sollte bis Ende Jahr eine aktuelle Bereichsstudie mit konkreten Massnahmen vorliegen – dafür hat sich Bauenschweiz eingesetzt. Zudem wurde meine Motion zur Erhöhung sowie zur transparenten Berechnung der Schwellenwerte unter Einbezug der betroffenen Branchen in der Frühjahrssession vom Ständerat ohne Diskussion angenommen. Nun ist der Nationalrat am Zug.

Was wünschen Sie der Schweiz?

Dass wir wieder mehr Mut entwickeln. Zum Beispiel beim Thema Baubewilligungen. Hier braucht es eine stärkere Steuerung durch die Exekutive, um die Innenentwicklung und die Schaffung von mehr Wohnraum ins Zentrum zu stellen. Gleichzeitig gilt es, unnötige zusätzliche Bearbeitungstiefen in den Verwaltungen zu vermeiden. Wir müssen uns wieder auf den eigentlichen Sinn einer Baubewilligung zurückbesinnen – die Überprüfung eines Gesuchs auf die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen. Alles andere kann den Bauherren, Planenden und Ausführenden überlassen werden. Kurzum: Mehr gesunder Menschenverstand und weniger Ideologie!

Bauenschweiz

Bauenschweiz ist der Dachverband der Schweizer Bauwirtschaft mit rund 70 Mitgliedsverbänden aus den Bereichen Planung, Bauhauptgewerbe, Ausbau und Ge­bäudehülle sowie Produktion und Handel. Die Bauwirtschaft trägt 12 Prozent zur gesamten Schweizerischen Wirtschaftsleistung bei und beschäftigt rund 500'000 Fachkräfte. Sie zählt zu den fünf grössten Arbeitgebern und bildet 20  Prozent aller Lernenden in der Schweiz aus. (mgt)

Zur Person

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Quelle: Thomas Egli, zvg

Hans Wicki sitzt für den Kanton Nidwalden seit 2015 im Ständerat und ist Präsident von Bauenschweiz. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich und sammelte berufliche Erfahrung in der Bankenbranche sowie als Geschäftsführer eines Elektrotechnik-Unternehmens. 

Politisch war er unter anderem während insgesamt sechszehn Jahren im Gemeinderat von Hergiswil sowie im Regierungsrat des Kantons Nidwalden aktiv, bevor er in den Ständerat gewählt wurde. Daneben engagiert er sich in Führungsfunktionen bei Bergbahnen und Branchenorganisationen. Er wohnt mit seiner Familie in Hergiswil. (mgt/cpo)



Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Begeistert von Bauprojekten aller Art. Weitere Interessensbereiche sind Geschichte, Politik, Management und Gesellschaft. Zudem ist sie für die Kolumne und die Chefsache zuständig und steht deshalb in Kontakt mit allen Verbänden und Exponenten.

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