17:26 BAUBRANCHE

Fiktiver Windpark «Petra und Paula» in St. Gallen: Was wäre wenn…?

Teaserbild-Quelle: josealbafotos, Pixabay-Lizenz

Wie steht die St. Galler Bevölkerung zur Windenergie? Würde sie einen Windpark akzeptieren? - Diese Fragen untersuchte ein Team der Universität St. Gallen anhand eines fiktiven Windparkprojekts anlässlich einer Studie. Drei Viertel der Befragten würden dem Projekt zustimmen. Entscheidend für ein Ja ist etwa, woher die Technologie stammt und wer am Projekt beteiligt ist.

Zu stehen kommen sollte der fiktive Windpark auf einem der beiden Stadthügel St. Gallens, beim Wildpark Peter und Paul. Wie er aussehen sollte, zeigte eine Visualisierung der Anlage mit dem passenden Namen «Petra und Paula. Für die Studie fühlte das Team  des Institute of Responsible Innovation, Sustainability and Energy der HSG bei 322 Personen aus dem Umkreis von 10 Kilometern um den Standort in einer repräsentativen Umfrage auf den Zahn: Es wollte von ihnen wissen,  wie sie bei einer Abstimmung über das Projekt entscheiden würden. Die Zustimmung fiel klar aus: 75,4 Prozent der Befragten hätten dazu Ja oder eher Ja gesagt.

Ein Nein zum fiktiven Projekt hätten 10,9 Prozent in die Urne gelegt, weitere 9,6 Prozent sagte «eher Nein». Daraus schlossen die Forscherinnen und Forscher, dass die Grundhaltung der Bevölkerung zur Windenergie «mehrheitlich positiv» ist, wie es an der Präsentation der Studie am Montag in St. Gallen hiess.

In einem zweiten Schritt erhoben sie «die Intensität der Gefühle». Dabei stellte das Wissenschaftsteam «eine emotionale Asymmetrie» fest. Anders ausgedrückt: Nur die entschlossenen Gegnerinnen und Gegner bringen starke Gefühle zum Ausdruck. Laut Studienleiterin Martina Rothenberger beschert solches dieser Gruppe oft überproportional viel Aufmerksamkeit.

Dänische Windparktechnologie statt solche aus den USA oder China

Des Weiteren wurde in der Studie auch der Frage nachgegangen, wie ein Windpark ausgestaltet sein muss, damit die Akzeptanz möglichst hoch ist. Das Resultat: Den grössten Einfluss hat das Herkunftsland des Windturbinenherstellers. Windräder eines dänischen Herstellers machen das Projekt deutlich beliebter, als wenn Technologie eines US-amerikanischen oder chinesischen Herstellers zum Einsatz kommt. «Der Krieg im Nahen Osten unterstreicht die Bedeutung von einheimischer Energie», wird dazu Studienleiter Rolf Wüstenhagen in der Medienmitteilung zitiert. «Windenergie kann einen wichtigen Beitrag zur Diversifikation unserer Energieversorgung leisten, und stösst in weiten Kreisen der St.Galler Bevölkerung auf Zustimmung.» 

Der zweitebFaktor, der die Akzeptanz des Windprojekts erhöhte: das Material des Turms. Die meisten Windturbinen haben einen Stahlturm, es gibt jedoch auch Betontürme und erste Anbieter, die Türme aus Holz herstellen. Im Vergleich dieser drei Technologien schneidet Beton in der Wahrnehmung der Befragten am schlechtesten ab. Kommt hingegen Stahl oder Holz zum Einsatz, steigt die Akzeptanz. 

Auch diversifizierte Besitzverhältnisse, etwa eine Kooperation zwischen der Ortsbürgergemeinde, einer Bank und einem Energieversorgungsunternehmen, wirkten sich positiv auf die Akzeptanz aus. Gleiches gilt für einen Windzins, mit dem die Standortgemeinde oder Anwohnerschaft für die Veränderung des Landschaftsbildes kompensiert werden könnten. Der Einfluss dieses Merkmals sei jedoch schwächer ausgeprägt gewesen als etwa die Herkunft des Technologielieferanten, heisst es im Communiqué.

Windzins für Bäume in der Stadt St. Gallen oder den Wildpark «Peter und Paul»

Bezüglich der Verwendung der Mittel aus einem solchen Windzins konnten die Befragten zwischen verschiedenen Projekten wählen. Auf die grösste Resonanz stiess die Pflanzung von Bäumen in der Stadt St.Gallen zur Klimaanpassung, an zweiter Stelle folgten eine Erholungsinfrastruktur im Wald sowie Förderbeiträgen für den Wildpark «Peter und Paul». Auch kreative Ideen fanden Anklang, etwa eine Aussichtsplattform auf der Windturbine oder eine Seilbahn zum Wildpark. 
Realitätstest in Chur

Eine ähnliche Studie gab es bereits 2015, wie Rolf Wüstenhagen erklärt. Damals zeigte sich in drei Ostschweizer Kantonen (SG, TG, GR)  ebenfalls eine Zustimmung zur Windenergie bei drei Viertel der Befragten.  Das galt auch für die Region Chur, wo in Haldenstein seit 2013 eine Windturbine betrieben wird. Das Ergebnis der Umfrage hat später ein Volksentscheid bestätigt: Im Februar 2025 bewilligten 83 Prozent der Churer Stimmberechtigten eine zweite Anlage. «Was in Chur geht, sollte auch anderswo möglich sein»,  so Wüstenhagen.

Studie hilft bei einer sachlichen Einordnung zu Diskussionen über Windkraft

Aber was lässt sich für die kantonale Politik aus der Zustimmung zu einem fiktiven Projekt ableiten? Laut Regierungsrätin Susanne Hartmann liefert die Studie liefere einen wichtigen Beitrag zur sachlichen Einordnung der Diskussion über Windkraft. Es gebe eine grundsätzliche Zustimmung zur Nutzung der Windenergie. Man nehme aber auch den Widerstand ernst, versicherte sie. Das Ergebnis lasse sich als Zeichen eines Umdenkens in der Gesellschaft lesen. Es könne beispielsweise beruhigend sein, wenn der Strom "in Sichtweite" produziert werde. Mit den Ergebnissen der Studie sehe sich die Regierung in ihrem Weg bestätigt.

Unterstützung gab es zuletzt auch von der Mehrheit des Kantonsrats. Dieser entschied, dass für Windenergie-Projekte kantonale Sondernutzungspläne ausreichen. Auch das ganze Verfahren läuft über den Kanton und nicht über die Standortgemeinden. Eine lokale Abstimmung über einen Windpark im kantonalen oder nationalen Interesse - wie in der Versuchsanlage für die HSG-Studie angenommen - würde es deshalb im Kanton nicht geben.

Entscheidend für die Realisierung der laufenden Projekte sei neben der Rechtmässigkeit vor allem die Haltung der jeweiligen Eigentümerinnen und Eigentümer des Bodens, auf dem die Anlage geplant ist. Diese würden teils stark unter Druck gesetzt, erklärte die Bauchefin.  (sda/mgt/mai)

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