08:07 KOMMUNAL

Stadtentwicklung: Die soziale Durchmischung soll es richten

Geschrieben von: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: tookapic, Pixabay-Lizenz

Sozial gemischte Siedlungen und Quartiere sind ein wichtiges Ideal der Stadtplanung. Städte und Wohnbaugenossenschaften fördern die soziale Durchmischung. In der Wissenschaft ist der Nutzen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens aber umstritten.

Favela Morumbi Sao Paulo

Quelle: Keystone AP, Alexandre Meneghini

Arm und Reich streng getrennt: Die Favela Morumbi, einer der grössten Slums in São Paulo, grenzt an eines der reichsten Viertel der Stadt.

Slums und Villenviertel, getrennt nur durch eine hohe Mauer: In vielen Grossstädten in Lateinamerika leben Arm und Reich häufig dicht nebeneinander, doch die oberen Zehntausend verschanzen sich in geschlossenen Wohnsiedlungen. Auch in der Schweiz finden sich sogenannte Gated Communities, zum Beispiel in Küssnacht am Rigi. Wie viele es sind, weiss niemand. Kein Bundesamt erfasst sie, keines zählt sie. Klar ist: Es entstehen laufend neue. Die Nachfrage ist gross – von Personen, die im Ausland schon in abgeschotteten Wohnanlagen lebten und hier dieselbe Sicherheit suchen, aber auch von ebenso vielen Schweizern.

Einige finden nichts dabei, wenn sich ein paar Menschen mit Geld hinter Mauern zurückziehen und es sich gut gehen lassen. Für andere ist es weiterer Schritt zu einer Zweiklassengesellschaft. In grossen Schweizer Städten wie Bern und Zürich geht schon lange das Schreckgespenst der Gentrifizierung um. Der Begriff stammt aus England, wo der Landadel – die sogenannte Gentry – im 18. Jahrhundert vom Land in die Städte zog und dort die ansässige Bevölkerung verdrängte.

Gegen Ausgrenzung und Armut

In der Stadtpolitik sind sich viele einig: In einer durchmischten Gesellschaft geht es allen besser – den Starken und den Schwachen. Hier leben Handwerker neben Akademikern, Kinder neben Rentnern, Menschen mit Migrationshintergrund neben Einheimischen. Manche sehen soziale Mischung als Heilmittel gegen Armut, Ausgrenzung und Rassismus. Doch was ist mit sozialer Durchmischung von Siedlungen oder Quartieren gemeint? Warum soll sie angestrebt werden, und welches sind die Ziele dabei? Diesen Fragen ging ein Online-Fachseminar der Hochschule Luzern (HSLU) sowie der Verbände Wohnbaugenossenschaften Schweiz und Wohnen Schweiz nach.

«Das Konzept der sozialen Durchmischung reicht weit in die Planungsgeschichte zurück und spielt bis heute in aktuellen Debatten der Stadtentwicklung eine grosse Rolle», so Stephanie Weiss, Dozentin und Projektleiterin am Institut für soziokulturelle Entwicklung der HSLU. Soziale Mischung hat laut Weiss drei Ziele: Sie soll die ungleiche Verteilung von einzelnen Bevölkerungsgruppen im Stadtgebiet verringern, eine räumliche Polarisierung der Gesellschaft mit sozialen Brennpunkten und abgeriegelten Quartieren verhindern und die Integration von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft fördern.

Eine lange Vorgeschichte

Die historischen Wurzeln dieser Diskussionen reichen ins 19. Jahrhundert zurück, in die Frühphase der kapitalistischen Verstädterung. Miserable Wohnungsverhältnisse und eine starke soziale Trennung bestimmten die Lebensverhältnisse in den schnell wachsenden Städten. Die Wohnungsfrage war so von Beginn an eng verbunden mit Problemen der sozialräumlichen Verteilung. Aus Angst vor Seuchen in den Arbeiterquartieren und vor Revolutionen sowie zur Einbindung des Proletariats ersann das Bürgertum die Idee der sozialen Durchmischung. Bereits 1907 entstand in Zürich am Limmatplatz die erste städtische Siedlung. Damit sollte besonders für benachteiligte Bevölkerungskreise Wohnraum geschaffen werden.

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Seine Spezialgebiete sind politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.

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