10:11 BAUREGIONEN

Bauwirtschaft Ostschweiz: Wohnbau treibt Wachstum, Thurgau an der Spitze

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: HRS

Die Bauregion Ostschweiz legt kräftig zu: Die geplanten Hochbauinvestitionen stiegen um 25,5 Prozent auf 9,1 Milliarden Franken. Der Kanton Thurgau löst dank starkem Wohnbau und Grossprojekten erstmals St. Gallen als volumenstärksten Kanton ab. 

Die Bauregion Ostschweiz konnte die Investitionsdynamik der Vorperiode fortsetzen, wenn auch mit deutlichen Unterschieden zwischen den Kantonen. Die auf Basis von Baugesuchen erhobenen Hochbauinvestitionen summierten sich von August 2025 bis Juli 2026 in den Kantonen St. Gallen, Graubünden, Thurgau, Schaffhausen, Glarus sowie in Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden auf 9,1 Milliarden Franken. Das entspricht einem Plus von 25,5 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode, wie Zahlen der Infopro Digital Schweiz GmbH zeigen.

Getragen wurde dieses Ergebnis von einer breiten Basis: Fünf der sieben Kantone verzeichneten ein Plus, wobei sowohl der Wohnbau als auch der übrige Hochbau zulegten. Den grössten Beitrag leistete der Kanton Thurgau, der mit einem Plus von 49,8 Prozent auf 3,02 Milliarden Franken zum volumenmässig grössten Kanton der Bauregion avancierte. Zwar fielen die prozentualen Zuwächse in Glarus (+78,2 %) und Appenzell Innerrhoden (+68,9 %) höher aus, angesichts ihres kleineren Bauvolumens sind diese Werte jedoch weniger aussagekräftig als der breit abgestützte Zuwachs in Graubünden (+20,2 %) und St. Gallen (+12,3 %).

Wie bereits bei der Bauregion Nordwestschweiz trug auch in der Ostschweiz der Wohnbau den grössten Beitrag zum Wachstum bei. Die geplanten Investitionen in diesem Segment stiegen in den Ostschweizer Kantonen um 10,4 Prozent auf 5,73 Milliarden Franken an und machten damit weiterhin knapp zwei Drittel der gesamten Hochbausumme aus. Sowohl das Segment der Mehrfamilienhäuser (MFH) als auch jenes der Einfamilienhäuser (EFH) legten zu, wenn auch in unterschiedlichem Tempo: Bei den MFH betrug das Plus 12,2 Prozent auf 4,35 Milliarden Franken, während sich die für EFH vorge­sehenen Investitionen um 5,3 Prozent auf 1,38 Milliarden Franken erhöhten.

Überbauung an der Burgerholzstrasse in Frauenfeld

Quelle: HRS

Visualisierung: Die HRS plant an der Burgerholzstrasse in Frauenfeld TG eine Überbauung mit acht Gebäuden, die rund 120 Miet- und Eigentumswohnungen umfassen.

Thurgau übernimmt das Zepter

Der Kanton Thurgau verzeichnete mit einem Anstieg des MFH-Neubaugeschäfts auf 1,34 Milliarden Franken den höchsten Wert innerhalb der Bauregion und löste damit erstmals den Kanton St. Gallen ab. Dies unter anderem dank mehrerer Überbauungen, darunter ein Bauvorhaben der HRS: Die Immobiliendienstleisterin hat Anfang Juli ein Baugesuch für eine neue Wohnüberbauung an der Burgerholzstrasse in Frauenfeld mit rund 120 Miet- und Eigentumswohnungen eingereicht. Die Bauarbeiten sollen im Frühling 2027 starten. Daneben realisiert die HRS im Auftrag der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft für knapp 48 Millionen Franken an der Walzmühlestrasse in Frauenfeld eine weitere Überbauung mit 108 Wohnungen.

Auch der Kanton Graubünden legte im MFH-Segment kräftig zu (+15,4 Prozent auf 1,15 Milliarden Franken), massgeblich getragen von der neuen Wohnsiedlung Promulins in Samedan (45,5 Millionen Franken). Die Bürgergemeinde Samedan schafft auf einer eigenen Landreserve im Gebiet Promulins bezahlbaren Wohnraum für die einheimische Bevölkerung. Demgegenüber entwickelte sich der Wohnbau im Kanton St. Gallen mit +2,4 Prozent deutlich verhaltener und Schaffhausen stagnierte mit nur einem leichten Plus (+1,3 %) nach dem starken Vorjahr auf hohem Niveau. Beim EFH-Segment zeigte sich ein gemischtes Bild: Während Graubünden (+17,5 %) und Appenzell Innerrhoden (+16,7 %) zulegten, gingen die geplanten EFH-Investitionen in Appenzell Ausserrhoden (−9,9 %), Schaffhausen (−8,6 %) und Glarus (−6,8 %) zurück.

Schub im übrigen Hochbau

Noch deutlicher als im Wohnbau-Segment fiel die Zunahme im übrigen Hochbau aus: Die Investitionssumme wuchs um 62,9 Prozent auf 3,42 Milliarden Franken. Massgeblich getragen wurde dieses Ergebnis vom Segment Industrie & Gewerbe, das sich mehr als das Zweieinhalbfache steigerte (+151,9 Prozent auf 2,01 Mrd. Franken). Auch das Segment Infrastruktur legte markant zu (+87,7 Prozent auf 318,5 Mio. Franken). Im Gesundheitsbereich resultierte ein Plus von 89 Prozent auf 153,5 Millionen Franken, was primär auf ein einzelnes Vorhaben im Kanton Appenzell Innerrhoden zurückzuführen ist. 

Rückläufig entwickelten sich dagegen der Bildungsbau (−32,8 %) sowie das Segment Gesellschaft, Kultur & Freizeit (−20,6 %); in beiden Fällen folgt die aktuelle Periode auf überdurchschnittlich hohe Vorjahreswerte. Handel & Verwaltung (+5,3 %) bewegte sich in vergleichsweise gemässigten Bahnen. Das Segment Hotellerie & Gastgewerbe legte deutlicher zu (+16,8 %), was primär auf ein grosses Einzelprojekt im Kanton Graubünden zurückzuführen ist.

Grossprojekte prägen das Bild

Ein grosser Teil des Wachstums im übrigen Hochbau lässt sich auf einzelne Grossprojekte zurückführen. Im Kanton Thurgau reichte der Verband KVA Thurgau im August 2025 das Baugesuch für den Ersatzneubau der Kehrichtverwertungsanlage Weinfelden ein – mit 558 Millionen Franken das mit Abstand grösste Einzelprojekt der Ostschweizer Bauregion. Allerdings haben die Delegierten der 70 Eigentümergemeinden des Verbands das Projekt im März 2026 vorerst gestoppt und eine Arbeitsgruppe aus Gemeindevertretern eingesetzt, die eine Neubeurteilung vornehmen soll. Der geplante Baustart im Herbst 2026 ist deshalb auf unbestimmte Zeit verschoben, was die tatsächliche Bautätigkeit etwas dämpfen dürfte.

Im Kanton Glarus treibt die geplante Lachszuchtanlage der Firma Swiss Blue Salmon in Mollis mit einer Investitionssumme von 180 Millionen Franken das Segment Industrie & Gewerbe an. Auf einer 2,5 Hektaren grossen Fläche im Industriegebiet Biäsche, direkt an der A3, sollen ab 2029 jährlich rund 4000 Tonnen Lachs produziert werden. Gegen das Baugesuch haben jedoch die Organisationen Fair-Fish und Campax Einsprache erhoben und im April eine Petition eingereicht. Auf gesicherterem Weg ist dagegen die Sanierung und Erweiterung des Bürgerheims in Appenzell AI mit einer geplanten Bausumme von 38 Millionen Franken, die im Bergkanton den grössten Teil des Anstiegs im Gesundheitssegment erklärt. Hier ist inzwischen die Baueingabe erfolgt, der Baustart ist für Januar 2027 vorgesehen.

Thermal-, Hotel- und Wohnareal Acuforta in San Bernadino

Quelle: PD / San Bernardino Swiss Alps

Visualisierung: So soll das Grossprojekt «Acuforta» in San Bernardino dereinst aussehen.

Auch im Kanton Graubünden prägt ein einzelnes Grossprojekt die Statistik: Im Juni 2026 reichte die San Bernardino Swiss Alps SA ein Baugesuch für «Acuforta» ein, ein geplantes Wellness- und Ferienresort beim historischen Mineralquellgebiet von San Bernardino mit einem Fünf-Sterne-Hotel, einem Thermal- und Spa-Bereich sowie 163 hotelbewirtschafteten Wohnungen. Die Gesamt­investitionen für das Vorhaben werden auf 200 Millionen Franken veranschlagt. Es ist damit der massgebliche Treiber des auffälligen Anstiegs im Segment Hotellerie & Gastgewerbe des Kantons Graubünden. Allerdings sind im Juli 2026 Einsprachen gegen das Projekt eingegangen, sodass auch hier der weitere Zeitplan noch nicht gesichert ist. Die Talgemeinde Mesocco muss diese nun prüfen.

Zwei Kantone als Ausnahme

Die einzigen Kantone der Bauregion mit rückläufigen Investitionen waren Schaffhausen mit einem Minus von 13 Prozent auf 431,2 Millionen Franken und Appenzell Ausser­rhoden mit 19,6 Prozent auf 96,2 Millionen Franken. Der Rückgang in Schaffhausen geht dabei zu einem grossen Teil auf einen Ba­siseffekt im Bildungsbau zurück: Im Vorjahr hatte die Stadt Schaffhausen das Baugesuch für die Sanierung und Erweiterung der Schul­anlage Steig eingereicht, ein vergleichbares Projekt fehlte in der aktuellen Periode. In Appenzell Ausserrhoden fiel der Rückgang breiter über mehrere Segmente aus, allen voran den Wohnbau, wo insbesondere das EFH-Segment nachgab (−9,9 Prozent), wobei hierbei jedoch die für kleinere Kantone stärkere Schwankungsanfälligkeit berücksichtigt werden muss.


Im Fokus: Bautätigkeit

Die Bautätigkeit in der Ostschweiz ist gemäss Zahlen des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) im 1. Halbjahr 2026 mit 1,44 Mrd. Franken gegenüber Vorjahr deutlich zurückgegangen (−17,3 %) und liegt auch unter dem Fünfjahresschnitt. Den stärksten Rückgang verzeichnete der Tiefbau, der um 28,6 Prozent sank und damit auch unter dem Fünfjahresschnitt liegt (−17,0 %). Der Wohnungsbau gab ebenfalls leicht nach (−4,7 %), liegt aber weiterhin deutlich über dem Fünfjahresschnitt.

Im Fokus: Arbeitsvorrat

Ein anderes Bild zeigt der Arbeitsvorrat der Baufirmen: Er ist per 30. Juni 2026 um 15,9 Prozent auf 3,21 Milliarden Franken gestiegen – was einem neuen  Höchstwert in der betrachteten Reihe entspricht. Besonders stark wuchs der Auftragsbestand im Wohnungsbau (+63,5 %) sowie im übrigen Hochbau (+66,5 %) – beides neue Höchstwerte. Der Tiefbau bildet dabei die Ausnahme: Sein Auftragsbestand sank um 8,4 Prozent, bleibt damit aber weiterhin über dem Vierjahresschnitt (+18,2 %).

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