Über die Grenze geblickt: Naturschützer klagen wegen Abbruch eines KKW-Kühlturms
Das Kernkraftwerk Biblis in Südhessen wird bis 2033 rückgebaut. Im Januar ist nun der letzte Kühlturm abgebrochen worden. Dagegen wehrt sich der Wildtierschutz mit einer Klage. Ursache ist eine Mehlschwalbenkolonie.
Quelle: Iswoar, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,
Mehlschwarlbe füttert ihre Jungen. (Symbolbild)
Rund 13 Kilometer westlich von Worms befindet sich das Kernkraftwerk Biblis, oder vielmehr, was davon übrig ist: Nachdem sein Leistungsbetrieb 2011 geendet hatte, wurde es im Juni 2017 stillgelegt. Seither laufen die Rückbauarbeiten, sie sollen 2033 abgeschlossen sein.
Im Januar wurde der letzte der vier Kühltürme abgebrochen – zum Leidwesen einer der grössten Mehlschwalbenkolonien Südhessens: Die rund 800 Vögel hatten den oberen Rand des verbliebenen Kühlturms zu ihrem Brutplatz erkoren und dort rund 430 Nester an die Mauer geklebt. Zwar bot ihnen die Kraftwerksbetreiberin RWE Nuclear GmbH Ersatz und errichtete dazu acht Schwalbentürme mit insgesamt 432 Kunstnestern und 288 Plätzen zum Eigennestbau.
Schwalbenhäuser bieten aktuell keine Alternative
Quelle: Richard Bowdler Sharpe, aus "A monograph of the Hirundinidae", Public Domain,
Mehlschwalbe im Flug. (Illustration aus "A Monograph of the Hirundinidae", 1894.
Allerdings stiess die Alternative bei den Tieren auf wenig Interesse, wie einem Bericht von Wildtierschutz Deutschland zu entnehmen ist: «Bei dieser Anzahl wurde nicht berücksichtigt, dass klimatische Bedingungen etwa bei vollsonniger Lage diese Schwalbenhäuschen nahezu unbenutzbar machen. Die frei stehend konzipierten Schwalbenhäuschen heizen sich in Zeiten anhaltender Hitzesommer besonders stark auf. Dies führt dazu, dass Jungtiere aus den Nestern springen.»
Die Türme seien seit 2023 nachweisbar nicht angenommen worden, heisst es weiter. Laut Wildtierschutz Deutschland sind die acht Schwalbenhäuser auch «nach vier vollständigen Brutperioden» unbesiedelt.
Deshalb hat Wildtierschutz Deutschland zusammen mit weiteren Naturschutzorganisationen beim Verwaltungsgericht Darmstadt Klage gegen die Abbruchsgenehmigung erhoben. Mit dem Rückbau des Kühlturms hat sich die Klage nach Angaben der Organisation jedoch nicht erledigt. Ein wesentlicher Teil der Abbruchgenehmigung wirkt demnach weiter: Sie verpflichtet RWE, den Verlust der Mehlschwalbennester mit CEF-Massnahmen auszugleichen.
CEF steht für «continuous ecological functionality». Solche Massnahmen sollen die kontinuierliche ökologische Funktion einer Lebensstätte sicherstellen und beispielsweise gewährleisten, dass der Artenschutz erhalten bleibt, wenn im Zuge eines Bauprojekts der Lebensraum einer Art zerstört wird. (mai)