07:00 BAUPRAXIS

Sanierung in Mulegns GR: Die Weisse Villa war mal bunt

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Stefan Kaiser

Die Fassade der Weissen Villa in Mulegns GR war ursprünglich deutlich farbiger als heute. Sondagen an 49 Stellen haben Pastelltöne, dekorative Malereien und farbige Begleitlinien zutage gefördert. Nun erhält das Haus im Zuge einer Sanierung sein buntes Kleid zurück.

Das elegante Haus an der Julierstrasse in Mulegns trägt seinen Namen zu Unrecht. Denn die «Weisse Villa» war in ihrer Bauzeit alles andere als weiss: Der französische Architekt Jean-Baptiste Lafargue aus Bordeaux – bekannt für seine Kirchen- und Schlossbauten – entwarf für den Bündner Zuckerbäcker Jean Jegher ein ausgesprochen farbiges, repräsentatives Wohnhaus mit Pastelltönen und dekorativen Begleitlinien. 

Erst im Laufe der Jahrzehnte verschwanden die Farben unter immer neuen Schichten – bis das Haus schliesslich jenen einheitlich weissen Anstrich erhielt, der ihm den heutigen Namen verlieh. Aktuell wird das historische Gebäude durch die Bündner Kulturinstitution Nova Fundaziun Origen saniert: Die Fassaden werden neu gefasst, die Balkone saniert und die Fenster ertüchtigt. Dabei soll die Villa auch ihre einst bunte Fassung zurückerhalten.

Schicht für Schicht

«Die ursprüngliche Gestaltung war wesentlich differenzierter und sorgfältiger ausgeführt als bislang angenommen», sagt Giovanni Netzer von der Nova Fundaziun Origen auf Anfrage. Um herauszufinden, wie das frühere Farbkleid ausgesehen hatte, setzen die Restauratoren auf Sondagen: An 49 Stellen werden kleine Freilegungsschnitte angelegt, die die verschiedenen Farbfassungen der Villa Schicht für Schicht sichtbar machen. Untersucht werden dabei nicht nur die Putzflächen, sondern auch Holz- und Metallelemente der Fassade. Die Farbtöne werden anhand des NCS- beziehungsweise RAL-Farbordnungssystems näherungsweise bestimmt und fotografisch festgehalten.

Steinerne Fensterrahmen der Weissen Villa in Mulegns

Quelle: Stefan Kaiser

Die steinernen Fensterrahmen sollen von der Farbe befreit werden, um die Pastelltöne darunter neu zu interpretieren und dem Haus seine verspielte Aura zurückzugeben.

Wie Netzer sagt, deuten die bisherigen Untersuchungen darauf hin, dass für die erste Fassadenbemalung Kalkfarben auf einem Kalkputz verwendet wurden, beim Holzwerk vermutlich Ölfarben. Die Materialbestimmungen beruhen auf restauratorischen Untersuchungen und einfachen Baustellentests; für eine abschliessende wissenschaftliche Materialanalyse sind laut Netzer weiterführende Laboruntersuchungen erforderlich. Bereits klar ist aber, dass die vom Architekten entworfene Farbfassung von violetten, rosa, grünen und ockerfarbenen Tönen geprägt war. Die Farben sowie weitere dekorative Malereien kamen unter den späteren Übermalungen zum Vorschein.

Eine derart reich gestaltete Architektur war für ein Bündner Bergdorf zur damaligen Zeit aussergewöhnlich. «Die Farbigkeit unterstrich den repräsentativen Anspruch der Villa sowie den internationalen Einfluss», erklärt Netzer. Zugleich verweise sie auf die Architektur des späten 19. Jahrhunderts, in der polychrome Fassaden bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt wurden. Das bunte Kleid war also kein dekorativer Zufall, sondern Teil eines anspruchsvollen architektonischen Gesamtkonzepts. Die spätklassizistische Villa stand damit in bewusstem Kontrast zur lokalen, bäuerlichen Baukultur des Dorfes.

Farbensondage bei der Weissen Villa in Mulegns

Quelle: Stefan Kaiser

Da die Farben im Laufe der Zeit durch Alterung, UV-Strahlung, Verschmutzung oder spätere Übermalungen verändert wurden, ist der ursprüngliche Farbton nicht exakt reproduzierbar.

Keine exakte Kopie

«Grundsätzlich dient die erste, bauzeitliche Farbfassung als wichtigste Referenz.» Da Farben im Laufe der Zeit durch Alterung, UV-Strahlung, Verschmutzung oder spätere Übermalungen verändert wurden, können die heute sichtbaren Befunde den ursprünglichen Farbton jedoch nicht mehr eins zu eins wiedergeben. Eine exakte Kopie der ursprünglichen Farbfassung der Villa kann deshalb nicht wiederhergestellt werden. Stattdessen werden die Befunde restauratorisch interpretiert und anschliessend anhand von Bemusterungen direkt am Gebäude überprüft. Ziel sei keine schematische Rekonstruktion, sondern eine zeitgenössische Interpretation der historischen Fassung, sagt Netzer. «Diese soll neben dem historischen Befund auch den veränderten baulichen Kontext und die neue, öffentliche Funktion des Hauses berücksichtigen.»

Wer heute in Mulegns an der Weissen Villa vorbeifährt, sieht ein in bunte Blachen gehülltes Gebäude. Diese haben eine Doppelfunktion: Einerseits machen sie die ursprüngliche Farbigkeit des Hauses nach aussen sichtbar – jede Fassade verweist auf eine andere historische Malschicht in der 170-jährigen Geschichte des Hauses. Andererseits dienen sie als Farbstudie im realen Kontext: «Die kraftvollen Blachen erlauben uns, die Farbgebung im Kontext des Bestandes zu studieren», so Netzer. Die Restaurierung soll ein öffentlicher Prozess sein, der mit Führungen, Installationen, Probebetrieben und Publikationen begleitet wird. Interessierte sollen so für den kulturgeschichtlichen Wert der Villa sensibilisiert und Teil des Projekts werden.

Geschichte der Weissen Villa

Verschiebung der Weisse Villa im August 2020

Quelle: Stefan Kaiser

Vor sechs Jahren wurde die Weisse Villa auf Schienen um acht Meter verschoben.

Die Weisse Villa wurde 1856 vom Bündner Zuckerbäcker Jean Jegher erbaut, der in Bordeaux zu Wohlstand gekommen war. Für den Entwurf engagierte er den französischen Architekten Jean-Baptiste Lafargue – so entstand mitten in einem Bergdorf ein aussergewöhnliches Wohnhaus, das französische Architektur- und Gestaltungsideen mit lokaler Bautradition verband und das spätklassizistische Quartier am Mulegnser Fallerbach begründete. 

Die Villa erzählt damit exemplarisch die Geschichte der Bündner Zuckerbäcker, die im 19. Jahrhundert in europäischen Metropolen ihr Glück suchten und mit ihrem Erfolg neue kulturelle Einflüsse in ihre Heimat zurückbrachten. Jahrzehnte später sollte die Villa dem Ausbau der Julierstrasse weichen. Das Haus konnte aber vor dem Abbruch bewahrt werden: Es wurde im August 2020 auf Schienen um acht Meter zur Seite verschoben und steht inzwischen unter eidgenössischem Denkmalschutz. Künftig soll die Villa als Teil des neuen Zuckerbäckermuseums das Dorf Mulegns beleben. (pb)

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