14:47 BAUPROJEKTE

Justizvollzugsanstalt Pöschwies, Regensdorf: Architektur des Freiheitsentzugs

Geschrieben von: Manuel Pestalozzi (mp)
Teaserbild-Quelle: Filippo Bolognese Images

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies in Regensdorf braucht mehr Platz. Dieser soll innerhalb der bestehenden Einfassungsmauer geschaffen werden. Fünf Teams beteiligten sich am Studien­auftrag für die Verdichtung. Das Siegerprojekt orientiert sich stark am Bestand.

Verdichtung Justizvollzugsanstalt Pöschwies Regensdorf

Quelle: Filippo Bolognese Images

Den Insassen stehen verschiedene Aufenthalts- und Arbeitsorte zur Verfügung. Die Ummauerung ist nicht zu erkennen.

Die Architektur des Freiheitsentzugs hat sich im Laufe der Geschichte mehrfach verändert. Im Kanton Zürich – und nicht nur dort – ist sie auch mit einem Standortwechsel verbunden. In alten Zeiten wurden Gefangene in der Stadt untergebracht. In Zürich kennt jedes Kind die Geschichte des Wellenbergs. Der Turm aus dem Mittelalter stand einst auf der Höhe des Schiffländeplatzes in der Limmat und diente sehr lange Zeit als Gefängnis.

Im frühen 19. Jahrhundert wurde im Stadtzentrum das frühere Kloster Oetenbach am heutigen Standort der Urania-Amtshäuser zur kantonalen Strafanstalt hergerichtet – ganz im Sinne der heute so angesagten adaptiven Architektur. Um die Wende ins 19. Jahrhundert setzte sich die Einsicht durch, dass der Freiheitsentzug besser ausserhalb der Stadt in einer speziell für diesen Zweck errichteten Anlage stattfindet. Mit einer Ausschreibung wurde der Bauplatz für eine neue Strafanstalt im Kanton Zürich gesucht.

Die Gemeinden hatten zumindest auf der Führungsebene nichts dagegen, eine solche Anlage auf ihrem Gebiet zu sehen, ganz im Gegenteil: Nicht weniger als 39 Gemeinden bewarben sich aktiv um die Strafanstalt. Ein Bauplatz in Regensdorf, rund einen halben Kilometer nordöstlich vom Ortskern, machte das Rennen. Er entsprach dem Anforderungsprofil am besten: eine Entfernung von etwa zehn bis zwölf Kilometer von der Stadt, ein kiesiger Untergrund, ein Gleisanschluss und Quellwasser von mindestens 30 Minutenliter konnten auf der Checkliste abgehakt werden.

Luftaufnahme von 2011 der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf

Quelle: Heinz Leuenberger/ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Die Luftaufnahme aus dem Jahr 2011 zeigt die JVA Pöschwies mit ihren niedrigen Bauten innerhalb der Umfassungsmauer. Die Ummauerung ist nicht zu erkennen.

Vom Panoptikon zum Campus

Heute heisst die 1901 eröffnete Kantonale Strafanstalt Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies und befindet sich noch immer am selben Ort im ebenen Gelände. Mit der Namensänderung kam auch eine neue Architektur. Anstelle des Zellenbaus in Kreuzform mit einer Wächterkanzel im Zentrum, einem klassischen Panoptikon mit maximaler Einsehbarkeit, entstanden auf einem erweiterten, 176241m2 grossen, ummauerten Areal Ersatzneubauten nach den Plänen des Architekturbüros Tanner + Loetscher aus Winterthur.

Die von 19871996 realisierte Anlage wurde 2021 ins kommunale Inventar der Heimat- und Denkmalpflegeschutzobjekte aufgenommen. Innerhalb der gattungsspezifischen Entwicklung der Gefängnisbauten der Schweiz nehme die JVA Pöschwies eine Alleinstellung ein, schreibt die kantonale Baudirektion in ihrer Begründung. Ihr seien im Sinne des modernen Strafvollzugs städtebauliche Überlegungen zugrunde gelegt worden. Nach dem Vorbild zeitgenössischer Campusanlagen ist die Anlage nach Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Betreuung, Freizeit) in separate Trakte aufgegliedert und in ein Netz von gedeckten Verbindungsgängen eingebunden. Es gibt diverse Freiräume für eine individuelle Gestaltung (etwa Senkgärten oder asphaltierte Aussenbereiche) und für den Aufenthalt der Insassen (alles Männer).

Das Erweiterungsprojekt steht in Zusammenhang mit dem  Auftrag des Regierungsrats, eine Standortstrategie zur Sicherstellung des zukünftigen Flächenbedarfs für den geschlossenen Vollzug im Kanton Zürich auszuarbeiten. Die aktuelle Bedarfsprognose weist bis zum Jahr 2035 einen Mehrbedarf von rund 50 Haftplätzen auf, vorwiegend im Bereich des Kurzstrafenvollzugs. Bei den heute für diesen genutzten Gefängnissen erkennt man quantitative und auch qualitative Mängel, deshalb soll er künftig in der JVA Pöschwies stattfinden. Vor diesem Hintergrund wurde nach einer Machbarkeitsstudie ein Studienauftrag für ein Erweiterungsprojekt JVA+ mit 120 bis 180 neuen, in Etappen realisierbaren Gefangenenplätzen lanciert. Die beteiligten Planungsteams hatten dar­zulegen, wie ein räumlicher Mehrbedarf von rund 16000m2 in einem Neubau oder mehreren Neubauten sowie innerhalb der Bestandsbauten zu realisieren ist. Hierbei waren die Qualitäten der Anlage, etwa die langen Sichtachsen, die differenzierte Ge­staltung der Aussenräume und die direkte Belüftung der Innenräume zu erhalten.

Situation Verdichtung Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf

Quelle: Penzel Valier

Die Ergänzungsbauten fügen sich so in den Bestand ein, dass sie kaum von diesem zu unterscheiden sind.

Verdichtung hinter Mauern

In einem Präqualifikationsverfahren wählte die Jury 2024 fünf Generalplanungsteams für die Teilnahme am Studienauftrag aus. Es folgten eine Kick-off-Sitzung in der JVA Pöschwies, eine Fragerunde, und zwei Zwischenbesprechungen im Juni und im Oktober 2024. Die beteiligten Teams reichten danach ihre endgültigen Vorschläge zum Jahreswechsel 2024 / 25 ein. Die sich aus diesem Verfahren ergebende schrittweise Entwicklung der fünf Projekte bezeichnet die Kantonale Baudirektion als angemessen und zielführend. Das Verfahren endete im März 2025 mit der einstimmigen Empfehlung der Jury, das Verfasserteam ARGE Penzel Valier AG, Drees & Sommer Schweiz AG, beide aus Zürich mit der Weiterbearbeitung der Bauaufgabe zu beauftragen.

Das Siegerprojekt orientiert sich in Höhe und Dimensionierung stark an der bestehenden Architektur und verdichtet sie innerhalb der grundsätzlich fünfseitigen Einfassungsmauer, deren Verlauf an einen facettierten Diamanten erinnert. Die vier neuen Trakte orientieren sich an bestehenden Fluchten; ein langgezogenes Volumen für die Abteilung für Alter und Gesundheit (AGE) folgt jenen der sich quer durch das Areal ziehenden Bauten, die parallel zum entfernten, nach Südwesten orientierten Mauerabschnitt ausgerichtet sind. Die beiden Neubauten für die Wiedereingliederungs- und Schwerpunktabteilung sowie das Themenhaus (WSA TH) und der Erweiterungsbau Multifunktional (EWM) erstrecken sich entlang dem nach Westen orientierten Abschnitt der Mauer. Der kurze Trakt für Vollzugskoordination & Sozial­wesen (V&SW) ist in eine kammförmige bestehende Baugruppe integriert und vervollständigt sie.

Verdichtung Justizvollzugsanstalt Pöschwies Regensdorf

Quelle: Filippo Bolognese Images

Im Aussenraum schlägt das Siegerprojekt einen runden Kiosk und gedeckte Wege vor.

Verdichtung Justizvollzugsanstalt Pöschwies, Regensdorf

Quelle: Penzel Valier

Die Visualisierungen der Innenräume lassen erkennen, dass der Versorgung mit Tageslicht grosse Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Die Achsen- und Erschliessungslogik des Bestands wird geschärft durch den Rückbau einer zentral gelegenen Lagerhalle. Die Abfolge der unterschiedlichen Frei- und Aufenthaltsräume auf dem Areal wirkt klarer als zu vor, die Jury meint, dies erleichtere eine intuitive Orientierung auf dem Areal. Mit den baulichen Ergänzungen wird ein neuer zentraler Grünraum eingefasst, dem man identitätsstiftende Qualitäten zuspricht. Eine prägnante Passerellenstruktur akzentuiert das Wegnetz und sorgt für eine spannungsvolle Abfolge der verschiedenen Freiräume.

Die innere Organisation der Neubauten wirkt logisch und übersichtlich. Die Korridore sind mit Oberlichtern, Lufträumen und Vor- und Rücksprüngen zoniert. Ein Farbkonzept verspricht eine freundliche Atmosphäre. Die Zellen sind hingegen eher neutral und ruhig gestaltet. Die Jury lobt die Art, in der haptische und visuelle Aspekte geschickt zur Stärkung einer wohnlichen Atmosphäre genutzt werden, während sie gleichzeitig langlebig und strapazierfähig wirken.

Das Projekt lässt einen relativ kleinen, oberirdischen Fussabdruck erkennen. und bietet von den fünf Projekten des Studienauftrags die grösste zusammenhängende Grünfläche an. Insgesamt ist dieser Verdichtungsvorschlag eine Hommage an die Anlage aus dem späten 20. Jahrhundert. Man könnte daraus schliessen, dass sich seither in der Architektur des Freiheitsentzugs nichts mehr getan hat und Konzepte von damals bis heute ihre Gültigkeit unter Beweis gestellt haben. Dies ist insofern bemerkenswert, als die bebaute Fläche im unverändert bestehenden Mauerring ja zulasten der Freiräume zugenommen hat.

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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