165 Jahre Bahnhof Bern: Ein Jahrhundertbau im ständigen Wandel
Mit dem Ausbau des Schienennetzes müssen Bahnhöfe neuen Bedürfnissen angepasst werden. Zurzeit wird der Bahnhof Bern bei laufendem Betrieb umgestaltet. Ein historischer Rückblick veranschaulicht die städtebauliche Integration des Bahnhofs.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_M12-0200-0002-0002
Der Bau des Bahnhofs in Bern war ein komplexes Unterfangen. Mehrmals mussten Perrons und Gebäude neuen Bedürfnissen angepasst werden. Bild: die noch heute bestehende Struktur im Jahr 1963 im Bau mit den Aufgängen zu den Perrons.
Technische Errungenschaften müssen sich erst bewähren, bahnen sich aber ihren Weg. Die Entwicklung von Eisenbahnen erfolgt im vorletzten Jahrhundert disruptiv. Und bald schon sind Bahnhöfe mehr als Ankunfts- und Abfahrtsorte, denn sie prägen die Entwicklung von Städten und Agglomerationen. Dabei lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit am Beispiel des Hauptbahnhofs in Bern, der momentan im Rahmen des Projekts «Zukunft Bahnhof Bern» umgestaltet wird.
Die Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnstrecke der Schweiz fällt in eine turbulente Zeit. 1847 fährt der erste Zug von Zürich nach Baden. Jahre zuvor kam es im Vorfeld der Gründung des modernen Bundesstaats zu innenpolitischen Wirren im Zusammenhang mit dem Sonderbund. An einen staatspolitisch historischen Kreuzungspunkt der Schweiz wird die Rauchfahne von Dampflokomotiven zum Symbol eines verbindenden Elements. Statt Tage dauert eine Reise nur noch Stunden. Allen politischen Differenzen zum Trotz rückt die Schweiz zusammen.
Bahn beschleunigt industrielle Entwicklung
Ein damals in Baden beliebtes Gebäck findet schneller den Weg zur Kundschaft in Zürich, was der ersten Bahnverbindung der Schweiz den entsprechenden Namen bescherte. Rund 45 Minuten dauert die Fahrt. Dank der Verbindung wird das Bäderstädtchen nach und nach zum wichtigen Industriestandort. Die Brown Boveri & Cie hat später hier ihren Sitz. Genau genommen handelt es sich bei der «Spanisch Brötli Bahn» nicht um die erste Eisenbahnverbindung der Schweiz, sondern um die erste Bahnstrecke, die sich gesamthaft auf Schweizer Staatsgebiet befindet. Denn bereits 1844 wurde die Bahnlinie von Strassburg bis in die Stadt Basel verlängert. Mit dem Anschluss ans internationale Schienennetz boomt der Bau von Eisenbahnverbindungen. Fusionen folgen auf Neugründungen, um Skaleneffekte zu realisieren. Die Betreiber der Strecke Zürich – Baden gründen schon 1853 mit der Zürich-Bodenseebahn die Schweizerische Nordostbahn (NOB).
In Basel erfolgt im gleichen Jahr die Gründung der Schweizerischen Centralbahn (SCB). Zweck des Unternehmens ist die Schaffung eines schweizerischen Eisenbahnkreuzes in Olten, wie der technisch-historische Atlas über das Schienennetz Schweiz das damalige positive Umfeld für Firmengründungen beschreibt. Doch der Ausbau des Schienennetzes und der Aufbau sowie der Betrieb von Gesellschaften erfordern hohe Investitionen. Erträge und Gewinne können starken Schwankungen unterworfen sein und fliessen nicht wie erhofft, weil zu hohe Erwartungen an Eisenbahnen als effizientes Transportvehikel geweckt werden. Die Unsicherheit über die Ertragskraft und das Passagieraufkommen von Bahnstrecken macht Aktienmärkte nervös. Die Mehrheit der SCB-Aktien halten damals Banken mit Sitz in Paris. Nach einem Kurssturz tätigen die Kantone Bern und Luzern Stützungskäufe und greifen der kriselnden Gesellschaft finanziell unter die Arme.
Ankunft beim Bahnhof per Kutsche
Ohnehin zeichnete es sich ab, dass dampfbetriebene Zugmaschinen in absehbarer Zeit aufs Abstellgleis geraten werden. Denn deutscher Erfindergeist brachte 1879 die weltweit erste elektrisch betriebene Lokomotive auf die Gleise, nachdem der Physiker James C. Maxwell Anfang der 1860er-Jahre und davor der Naturforscher Michael Faraday die Basis der modernden Elektrotechnik gelegt hatten. Mit der Elektrifizierung müssen Bahntransporteure daher mit zusätzlichem Investitionsbedarf rechnen. Vorerst behält die Kolbendampfkraft aber ihre Bedeutung. Unter Dampf hält das Eisenbahnzeitalter im Kanton Bern Einzug. 1857 kann die SCB die Bahnstrecke von Olten nach Bern in Betrieb nehmen. Allerdings führt die Verbindung damals nur bis zum Wylerfeld an der Aare und nicht mitten in die Stadt. Weil die Brücke noch nicht fertiggestellt ist, müssen Reisende damals mit Postkutschen von der provisorischen Haltestelle zum ersten Berner Bahnhof ins Zentrum der Stadt befördert werden.
Gegen Ende des Jahres 1858 rollen dann die ersten Züge über die Eisenbrücke bis zur Innenstadt. Weil die Empfangshalle des Bahnhofgebäudes zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt ist, endet für die Passagiere die Reise beim nahen Güterbahnhof Villette im Westen der Stadt. Im gleichen Jahr ist Spatenstich für den Bau des Bahnhofs, der bereits im Mai 1860 eingeweiht werden kann. Die Zugreise endet aber in einem Kopfbahnhof, der sich zwischen Heiliggeistkirche und Burgerspital befindet. Das Passagieraufkommen steigt rasch.
Historischer Turm muss weichen
Der Ausbau des Schienennetzes kommt auch im Kanton Bern zügig voran. Bereits ab Juli 1859 sind Bahnreisen bis Thun möglich, 1872 bis nach Interlaken. In der Folge werden Pläne geschmiedet für den Bau von Bergstrecken wie zu den Aussichtspunkten Schynige Platte und Jungfraujoch. Wichtiger aber ist vorerst die Verbindung nach Lausanne, die Anfang September 1862 fertiggestellt ist. Eine bautechnisch herausragende Ingenieursleistung war die Errichtung des Grandfey-Viadukts, wie dem technisch-historischen Atlas mit Fokus auf das Schienennetz in der Schweiz zu entnehmen ist.
Quelle: Wikimedia Commons – Spartanbu CC-BY-SA-4.0 – eignes Werk
Der ehemalige Kopfbahnhof befand sich zwischen Heiliggeistkirche und Burgerspital. Dichtere Fahrpläne und komplizierte Rangiermanöver brachten den Bahnhof bald an Kapazitätsgrenzen. Links im Bild das Spital, rechts die Kirche.
In Bern stösst der Betrieb des Kopfbahnhofs aufgrund des dichteren Fahrplans und den komplizierten Rangiermanöver rasch an Kapazitätsgrenzen. Daher lanciert die Schweizerische Centralbahn 1870 ein Bahnhofprojekt mit durchgehenden Gleisen in Richtung Westen, was weitere Eingriffe in die Gebäudesubstanz der Stadt erfordert. Der Christoffelturms, der im 14. Jahrhundert als Teil der Stadtmauer errichtet worden war, muss dafür weichen. Der Durchgangsbahnhof wird schliesslich bis 1891 umgesetzt. Mit der wohl grössten städtebaulichen Intervention wird am Nordrand des Bahnhofs die Böschung abgetragen. Doch bereits 1897 wird das Empfangsgebäude durch einen Brand zerstört, 1902 dann auch die Personalunterkünfte.
Schritt für Schritt wird das Umland der Agglomeration Bern ans Bahnnetz angeschlossen wie 1912 die Bahnstrecke nach Zollikon. Zehn Jahre später übernimmt die Solothurn-Zollikofen-Bern-Bahn zusätzliche Transportaufgaben. Auf dem Gebiet der Stadt Bern wird die Strecke mit Meterspurgeleisen aber erst 1965 neu trassiert und unter den Perrons von SBB und BLS ein neuer Kopfbahnhof der umfirmierten Regionallinie Bern-Solothurn (RBS) gebaut.
Erfolg des öV bedingt Umgestaltung
Mit den zusätzlichen Linien verbunden sind rasch steigende Fussgängerfrequenzen im Bahnhofsgebäude. Nach dem Bau des Durchgangsbahnhofs wird daher bereits 1914 der Plan für ein neues Bahnhofsgebäude diskutiert. Nach dem positiven Ausgang einer Abstimmung wird das alte Gebäude ersetzt durch einen Stahlbetonbau im typischen Baustil der 1960er- und frühen 1970er Jahre und 1974 in Betrieb genommen.
In den letzten Jahren wurde im Rahmen des Projekts «Zukunft Bahnhof Bern» der gesamte Bahnhofbereich bei laufendem Betrieb umgestaltet und neue Zugangsbereiche geschaffen sowie die Zufahrt und der RBS-Bahnhof erweitert. Doch nun gerät das Projekt in Verzug. Mit der Inbetriebnahme des RBS-Tiefbahnhofs dürfte laut Mitteilung der Bauherrschaften erst 2031 zu rechnen sein bei deutlich höheren Kosten. Als Gründe für die Mehrkosten werden statische Probleme und Altlasten von Schadstoffen genannt. Ursprünglich ging die Planung für den Umbau mit neuer Personenunterführung und RBS-Tiefbahnhof von Kosten im Umfang von annähernd einer Milliarde aus. Angedacht ist, dereinst mit Verlängerung bestehender Trassees im Untergrund der Stadt eine S-Bahn zu realisieren.