11:06 BAUPRAXIS

Urban Psychology: «Es braucht einen Golden-Retriever-Effekt»

Teaserbild-Quelle: Alice Hollenstein

Damit sich Quartierbewohner in einer Bebauung wohlfühlen, muss die Planung von Gebäuden vor Ort beginnen. Monotone Aneinanderreihungen wirken deprimierend, ein komplettes Durcheinander macht uns nervös. Vielfalt mit einer gewissen Ordnung sieht die Psychologin Alice Hollenstein als städtebauliches Konzept. Denn Bauwerke haben auch eine Verpflichtung gegenüber der Umgebung.

Neubau von Staufer & Hasler in Zürich

Quelle: Alice Hollenstein

Der Neubau von Staufer & Hasler in Zürich bietet einen sanften Übergang zum öffentlichen Raum und eine gute Mischung von Komplexität und Ordnung.

Alice Hollenstein ist Psychologin und beschäftigt sich intensiv mit der Fragestellung, welche Details eine städtische Umgebung lebenswert und attraktiv machen. Wenn ein Projekt von Anfang an unter den richtigen Gesichtspunkten durchdacht ist, können mit überschaubarem Aufwand Orte entstehen, welche die Menschen als einladend und angenehm empfinden. Das muss weder viel teurer noch aufwendiger sein als «Kilometerarchitektur », doch schaffen durchdacht gestaltete Umgebungen gute Voraussetzungen für ein positives Lebensgefühl der Bewohner, die sich solche Orte rasch aneignen und lebendig werden lassen.

Baublatt: Das urbane Lebensgefühl verlangt nach Identität, Vielfalt, Lebendigkeit. Dies in ein Leitbild zu schreiben ist einfach. Bebauungen so zu planen, dass sie von den Bewohnern tatsächlich als urbaner Lebensraum empfunden werden, ist etwas anderes. Was braucht es,damit Menschen sich in einer Bebauung wirklich wohlfühlen?

Alice Hollenstein: Um das zu erreichen muss man die Planung mit anderen Hebeln beginnen als üblich. Sie muss beim Leben vor Ort beginnen. Erst wenn man das Verhalten der Menschen an einem Ort versteht, kann man den öffentlichen Raum planen. Und dann, am Schluss erst, die Gebäude darin entsprechend gestalten.

Was wäre ein typisches Beispiel, bei dem man das Verhalten des Menschen im Raum zu wenig beachtet?

Wir sehen oft, dass an eher peripheren Lagen in guter Absicht kleine Cafés und Shops zur ‹Belebung› geplant werden. Diese können aber nicht funktionieren. Ihnen fehlen die Passantenströme. Shops muss man dort konzentrieren, wo von selbst viele Menschen vorbeikommen. Statt später mit Leerständen zu kämpfen, kann man an solchen Lagen besser Erdgeschosswohnungen mit einladenden Vorgärten vorsehen. Die werten ebenfalls auf und sorgen auf andere Weise für Lebendigkeit, weil die Menschen sich dort gern aufhalten und ihren Aktivitäten nachgehen.

Gelbes Haus

Quelle: Alice Hollenstein

Hier wäre eine mutigere Gestaltung der Umgebung wünschenswert. Die Urban Psychology sieht hier eine monotone Umgebung. Auch wenn immerhin versucht wird, Gegensteuer zu geben mit fröhlich wirkender gelber Farbe und einem am linken Hauseck platzierten Gartenzwerg.

Was braucht es, damit eine Überbauung von den Passanten als optisch gelungen empfunden wird?

Wichtige Kriterien sind Vielfalt mit einer gewissen Ordnung, der Eindruck, dass sich hier jemand um den Ort kümmert, und einer gewissen Vertrautheit, so genannte flüssig wahrnehmbare Formen. Eine monotone Aneinanderreihung des Gleichen wirkt deprimierend, ein komplettes Durcheinander macht uns nervös. Gelungene Überbauungen bieten Identifikationspunkte und Abwechslung zugleich, ohne gekünstelt zu wirken.

Die Balance zu finden, kann eine echte Herausforderung für die Planer sein.

Leider kommt trotz bester Absichten noch zu häufig eine Kilometerarchitektur heraus oder eine grobe Variation, bei der dann hier blaue Balkone, dort grüne Balkone platziert werden. Da seit den 1960er-Jahren immer wieder grosse Gebiete aufs Mal bebaut werden, hat das um sich gegriffen. Man versucht mit solchen Kunstgriffen, notdürftig zu individualisieren. In dieser Beliebigkeit funktioniert das natürlich nicht. Es wirkt willkürlich, kitschig, grob.

Wie sollte also eine Häuserzeile gestaltet sein?

Vorausgesetzt, es sollte gefällig sein, braucht es einen gewissen ‹Golden Retriever› Effekt, keinen ‹Bulldoggen-Effekt› der Extreme. Schliesslich soll sich eine grosse Zahl von Menschen mit sehr verschiedenen Geschmäckern in dieser Lebensumgebung wohlfühlen. Es geht nicht ums Auffallen um jeden Preis. Laien urteilen meist sehr intuitiv, ihnen sind raffinierte Konstruktionsprinzipien egal, wenn sie das Endergebnis als hässlich empfinden.

Welche Gestaltungsprinzipien meinen sie damit konkret?

Für Passanten ist es wertvoll, Interessantes auf Augenhöhe zu sehen wie schöne Türen, Gärten, Pflanzentöpfe, Schaufenster und Fassaden. Es gibt viele Möglichkeiten. Ideal ist beispielsweise ein Fassadenwechsel alle zehn bis zwanzig Meter. Aber das ist nur ein grober Richtwert.

Gebäude

Quelle: Alice Hollenstein

Architektonisch zeigt sich hier durchaus eine Anspruchshaltung. Aus Sicht der Urban Psychology erhitzen sich die kargen Gebäudelandschaften jedoch im Sommer so stark, dass die Aufenthaltsqualität fraglich sein dürfte.

Wie lassen sich Individualität und Ordnung vereinbaren?

Regelwerke mit Freiheiten haben sich gut bewährt. Zum Beispiel eine wenige Meter breite Übergangszone zwischen Häusern und Strasse. Diese für Passanten einsehbaren Vorgärten können dann individuell gestaltet werden. Auch Ortsbezug ist wichtig, etwa Konzepte, die natürlich vorkommende Materialien und Farben der Gegend aufnehmen. So kann jeder sein Haus individuell gestalten, aber es gibt nicht ein knallgelbes modernes Haus neben einem Chalet, das das Gesamtbild stört.

Wie weit kann man Individualität zulassen, ohne das Gesamtbild zu stören?

Wichtig scheint mir, klare Territorien zu schaffen, welche sich die Bewohner aneignen können. Hierbei kann man auch wieder gewisse Regeln definieren, die Freiheiten lassen, ohne gross zu beeinträchtigen. Beispielsweise könnte es erlaubt sein, zur Abgrenzung Hecken zu pflanzen, die nicht höher als 1,60 Meter sind. Damit vermeidet man einen anonymen Strassenzug mit hohen Wänden aus dem Gartencenter. Dennoch haben die Leute einen Gestaltungsspielraum. Schon bei einem Balkon kann man viel gestalten. An einen Balkon mit Staketengeländer kann man Gegenstände anhängen, ihn individualisieren. Ein Balkon mit Glasscheiben als Geländer lässt das nicht zu.

Auch Abgrenzungen müssen durchdacht sein?

Die Regelung der eigenen Privatsphäre ist ein wichtiger Aspekt, damit sich Menschen wohl fühlen. Gleichzeitig birgt eine zu starke Abschottung die Gefahr, ein Gefühl der Anonymität und Unsicherheit zu erzeugen, da die soziale Kontrolle verloren geht. Auch hier ist es wichtig, eine gute Mischung zu finden. Bei Balkon- Trennwänden funktionieren zum Beispiel Abgrenzungen zum Nachbarn sehr gut, die auf den letzten zwanzig Zentimetern einen Durchblick ermöglichen. So kann man seine Nachbarn sehen und miteinander in Kontakt treten, wenn man es will. Man kann sich aber auch zurückziehen.

Wenn es um richtig grosse Überbauungen geht. Was macht diese attraktiv und lebenswert?

Ein Bauprojekt hat eine Verpflichtung gegenüber seiner Umgebung und der Stadt, nicht nur gegenüber den Investoren. Kleinteilige Strukturen statt Monotonie, dazu Begrünung und flexibler Wohnraum machen eine Bebauung lebenswert. Es muss Möglichkeiten geben, sich zu begegnen und Kontakte zu knüpfen und sich den öffentlichen Raum in der Wohnumgebung anzueignen, ihn zu nutzen. Die Gemeinden sollten vermehrt dafür sorgen, dass ein attraktiver Lebensraum entsteht. Davon profitieren langfristig auch die Investoren.

Strassenzug in Zürich

Quelle: Alice Hollenstein

Das ästhetische Prinzip einer Vielfalt mit einer gewissen Ordnung, wie es bei einem älteren Strassenzug in Zürich umgesetzt wurde. Individuell gestaltete Freiräume ergänzen die Gebäudestrukturen.

Zur Person

Die Psychologin Alice Hollenstein ist stellvertretende Managing Director des Center for Urban & Real Estate Management (Curem) an der Universität Zürich und Gründerin von Urban Psychology Consulting & Research. Urban Psychology ist ein Spezialgebiet der Psychologie und beschäftigt sich mit einem Blick auf Gebäude und Siedlungsgebiete, der die Menschen, die sich dort aufhalten, in den Mittelpunkt stellt. Sie beschäftigt sich also mit dem Erleben und Verhalten in der gebauten Umwelt. Ihr Ziel ist es, menschliches Erleben und Verhalten in diesem Zusammenhang vorherzusagen.

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