Instandsetzung Atelier Hermann Haller: Künstlerhaus mit Patina
In Zürich begegnet man den sich reckenden Frauenskulpturen von Hermann Haller an manchen Orten. Das Atelier Hermann Haller hingegen ist weniger bekannt – bis jetzt. Denn nach einer sorgfältigen Instandsetzung kommt dessen Charme noch besser zur Geltung. Seit Juni 2026 ist das architektonische Bijou mit Baujahr 1932 während der Sommermonate wieder fürs Publikum geöffnet.
Quelle: Björn Siegrist
Das Schlichte Ateliergebäude wurde nach fast 100 Jahren Bestehen sorgfältig instandgestellt.
Wasserflecken auf den Holzdielen, in einer Wand steckt ein rostiger Nagel, wolkige Verfärbungen auf den Innenwänden. Die Spuren der Zeit sind deutlich zu sehen im Gebäude, auch nach dem Umbau. Das war Absicht. «Es sollte so aussehen, als wäre Hermann Haller gerade eben aus seinem Atelier hinausgelaufen», sagt Sebastian Holzhausen vom Büro Holzhausen Zweifel Architekten, das für die baulichen Bereiche zuständig war. Tatsächlich fehlen nur Künstlerutensilien oder Skulpturen, damit das Atelier noch lebendiger aussähe. Auch die Projektverantwortliche der Stadt Zürich, Simone Retter, betont, dass genau diese Wirkung gewünscht wurde: «Das Objekt ist kein Museum, sondern ein Künstler-Atelier, das soll spürbar sein.» Die Wiedereröffnung des historischen Arbeitsraums im Juni 2026 wird mit der Ausstellung «*.sculptr Zwischen Screen und Material», die bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen ist, gefeiert. Sie zeigt auf, wie zeitgemässe Künstlerinnen und Bildhauer Formen am Computer in Animationen, Scans und 3D-Drucken verwandeln. Dies im Unterschied zur traditionellen Arbeitsweise von Hermann Haller, der Werke aus Ton, Gips, Englischzement und Bronze schuf. Das Atelier Hermann Haller entstand 1932 nach dem Entwurf von Hermann Haller (1880 – 1950) unter Mitwirkung des damaligen Stadtbaumeisters Hermann Herter. Es befindet sich im Inventar der kommunalen Denkmalpflege und beherbergt bedeutende Teile des künstlerischen Nachlasses des Bildhauers. Atelier und Nachlass, der neben Gipsmodelle und Bronzefiguren auch Skizzen umfasst, gingen 1982 durch eine Schenkung an die Stadt Zürich.
Quelle: Hilmar_Lokay, um 1940
Hermann Haller an der Arbeit in seinem Atelier an der Höschgasse.
«Unsichtbare Erneuerung»
«Das Gebäude hat sich über die Jahre unterschiedlich gesetzt, unter anderem wegen seiner Nähe zum Seeufer», rekapituliert Architekt Holzhausen. Die Fundamente, welche bisher Punktfundamente waren, mussten verstärkt werden. Heute ist das Gebäude mit einem Ringfundament sowie mit punktuellen Injektionen im Erdreich stabilisiert. Diese Eingriffe waren das Hauptthema bei der Instandstellung, die im Frühling 2024 begann und Ende 2025 abgeschlossen wurde. Ein weiteres Thema war das Dach, das teilweise undicht war. Dieses wurde neu abgedichtet und mit einer neuen Faserzementschindelung eingedeckt. «An den Fassaden wurden die Faserzementschindeln nur gesäubert und im unteren Bereich weiss gestrichen», so der Architekt, denn die Denkmalpflege war ein wichtiger Partner im Projekt und achtete darauf, dass möglichst viele originale Bauteile erhalten wurden. «Es sollte quasi eine unsichtbare Erneuerung sein. Insofern mussten wir sehr behutsam vorgehen und Material, Farbe und Verarbeitung immer eng am Bestand orientieren, um möglichst einen im Kontext 'selbstverständlichen' Ausdruck zu erhalten», ergänzt Holzhausen.
Im Gebäudeinnern gab es einige sicherheitsrelevante Eingriffe. So entsprachen etwa die Geländer auf der Galerie und der Treppe nicht mehr den baupolizeilichen Anforderungen an Absturzsicherung. Deshalb wurden diese angepasst. Von den alten Stromleitungen aus Blei mussten einige mit dickeren Leitungen aus Aluminium ersetzt werden. Ebenfalls erneuert wurde das Beschattungssystem mit den Seilen und den Textilbahnen. Die hohe Raumqualität ist nicht zuletzt den Oblichtern zu verdanken. Diesbezüglich wurden die Rahmen neu in Stahl gefertigt und mit innenliegenden Plexiglasscheiben verstärkt. Die alten Leuchtmittel wurden alle mit LED-Lampen ersetzt, auch jene der imposanten, kugelförmigen Hängeleuchte mit Stoffschirm. Nach Einschätzung der Denkmalpflege handelt es sich dabei wahrscheinlich um eine originale Leuchte, für die der Künstler einen textilen Schirm als Blendschutz kreiert hat.
Quelle: Björn Siegrist
Blick in den Hauptraum mit Galerie, grossem Dachfenster und der Originalleuchte mit textilem Schirm.
Einzig im Aussenbereich wurden neue Bauelemente eingefügt. Die bisherigen Möglichkeiten, Werke vor Ort zu lagern, waren nicht optimal. «Die Kunstwerke waren nicht adäquat vor Kleintieren und Witterungseinflüssen geschützt», sagt Holzhausen und ergänzt: «Zudem waren vom Atelier zum Aussenlager ein paar Stufen zu überwinden, was das Manövrieren der Skulpturen erschwerte.» Diese Stufen wurden nun entfernt und ein ebenerdiger Boden eingebaut. Zudem wurden die Wände komplett verschlossen. Neben den baulichen Interventionen sind aber die Eingriffe im Kleinen, bei den Details, zentral für das authentische Raumgefühl. Dafür zuständig war ein auf Restaurierungen spezialisiertes Unternehmen. Was diese baukosmetische Arbeit bei diesem Objekt speziell machte, erzählt der Restaurator Marius Fontana im folgenden Interview.
Quelle: Björn Siegrist
Die Innenräume weisen dank Oblichtern viel Tageslicht auf und zeigen auch nach der Instandstellung bewusst Gebrauchsspuren auf.
Quelle: Björn Siegrist
Das Lager im Aussenbereich mit Werken des Künstlers war bisher wenig geschützt gegen Witterung und Kleintiere. Deshalb wurde es nun komplett mit Wänden geschlossen.
Nachgefragt... bei Marius Fontana
Quelle: zvg
Der Restaurator Marius Fontana machte bei seiner Arbeit einen Kompromiss zwischen Konservieren und dem Erzählen der Gebäudegeschichte.
Das Familienunternehmen Fontana & Fontana AG in Jona-Rapperswil ist auf Maler-, Gestaltungs- und Restaurationsarbeiten spezialisiert und wird in fünfter Generation geführt. Der Mitinhaber Marius Fontana blickt zurück auf seine Restaurierungsarbeit im Atelier Hermann Haller.
Herr Fontana, aus Sicht des Restaurators, was haben Sie im Gebäudeinneren vorgefunden vor der Sanierung?
Es war wirklich notwendig, das Gebäude instandzustellen. Von Vorteil war, dass viel Tageslicht durchs Dach einfällt und dass der Innenraum in einem Grauton gestrichen war. Bei der Farbe handelte es sich zudem um eine Emulsionsfarbe, welche einen Feuchtigkeitsaustausch zulässt und zudem ökologisch ist. Dies alles waren Punkte, die ideal waren für unsere Restaurierungssarbeiten.
Aber der Anstrich hat sicher stark gelitten im Laufe der Zeit?
Natürlich, und Hermann Haller selbst hat viele Ausbesserungen mit Spraydosen vorgenommen. Obwohl diese Eingriffe nicht fachgerecht ausgeführt worden waren, wollten die Stadt und die Denkmalpflege diese erhalten. Unsere Arbeit war deshalb ein Spagat zwischen Konservieren bzw. Restaurieren und dem Erzählen der Gebäudegeschichte.
Wo haben Sie am stärksten eingegriffen?
Bei den Wasserflecken, die von der Undichte des Dachs kamen. Diese haben wir farblich retuschiert, denn die Wasserschäden haben nichts zur Gebäudegeschichte beigetragen. Sie hatten nichts mit Hallers Wirken zu tun und waren deshalb historisch nicht relevant.
Mit welchen Mitteln und Materialien haben Sie die Spuren auf den Wänden behandelt?
Diese haben wir mit speziellen Gummischwämmen, die ähnlich wie ein Radiergummi funktionieren, gereinigt. Bis vor nicht allzu langer Zeit hat man das übrigens mit Weissbrot gemacht, eine gut funktionierende Methode, die aber Schimmel verursacht hat.
Wie sind Sie eigentlich zu diesem Auftrag gekommen?
Für die Stadt Zürich durften wir bereits bei der Instandstellung des Le Corbusier Pavillon arbeiten. Dieser steht ja ganz nah beim Atelier Hermann Haller, das eine ganz andere Ausstrahlung und Materialität hat. Neben dem bekannten Pavillon wirkt das Atelier eher wie ein Schopf – schön, aber schlicht. (ka)