09:11 BAUPRAXIS

Architektur von Tankstellen: An der Tränke

Geschrieben von: Manuel Pestalozzi (mp)
Teaserbild-Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Fotograf: Comet Photo AG

Tankstellen sind zwar allgegenwärtig. Als grosses Thema der Architektur gelten sie aber nicht. Ihre Tage mögen mit dem Siegeszug der Elektromobilität gezählt sein. Trotzdem gelten sie da und dort als Kulturgut. Typische Tankstellenmerkmale werden uns sicher noch über manche Jahrzehnte begleiten.

Tankstellen Feldbach Zürich

Quelle: Manuel Pestalozzi

Die Dächer des Pavillonpaars in Feldbach (ZH) wollen die Seestrasse  «in die Zange nehmen».

Ohne Tankstelle verdursten die Benziner. Solange Fahrzeuge mit Tanks versehen sind, braucht es deshalb ein engmaschiges Netz von ihnen. Eigentlich haben Tankstellen den selben sozialen Rang wie Brunnen. Aber Brunnen, die mitunter kunstvoll geschmückt werden, sind traditionelle Treffpunkte. Manche Ehe wurde in alten Tagen am Brunnen angebändelt, wie man aus dem Alten Testament weiss.

Tankstellen sind im Gegensatz dazu Orte der Anonymität; der Wortteil «Stelle» steht für den möglichst kurzen Aufenthalt – wie das auch bei Halte- oder Mautstellen gilt. Der Wortteil «Tank» stammt entweder aus dem indischen Sanskrit oder dem Portugiesischen, die Fachleute sind sich nicht einig, ob sein Ursprung bei der Zisterne oder dem gewollten, künstlich erzeugten Rückstau von Fliessgewässern liegt. Jedenfalls bezeichnete der Tank eine meist ziemlich umfangreiche bauliche Massnahme. Die Tankstelle ist demnach ein Reservoir, aus dem sich Fahrzeuge betanken lassen.

Eher Design als Architektur

Eine entscheidende Eigenschaft der Tankstelle besteht darin, dass das grösste Volumen der Anlage, das Reservoir, so gut wie immer im Untergrund versteckt und vollkommen unsichtbar ist. Zu erkennen sind nur die Zapfsäulen, aus denen der Saft einst mit Muskelkraft gepumpt werden musste. Die Ursprünge des Bautyps Tankstelle kreisen um diese Zapfsäulen, die in erster Linie einfach gut erreichbar sein müssen. Es existieren Fotos aus einer früheren Schweiz, in denen solche Benzinbrunnen auf einem niedrigen Podest einsam und völlig ungeschützt mitten in einer Kreuzung stehen. Um Benzin zu pumpen, braucht es kein grosses Trara.

Häufig sind Tankstellen Beigaben zu anderen Nutzungen, etwa Reparaturwerkstätten, Transportunternehmen, Einstellhallen oder Parkplatzfelder. So finden sich die Zapfsäulen sehr häufig am Rand von Raum- oder Dienstleistungsangeboten. Und die Randständigkeit äussert sich auch in ihrer Architektur – die eigentlich keine ist. Viel eher muss man von Design sprechen, denn im Zentrum der Tankstelle steht eben eine Handlungsabfolge, für die eine gut proportionierte Anlage zur Verfügung stehen muss: heranfahren, aussteigen, Fahrzeug betanken, eventuell sein Zustand prüfen, Scheibenreinigung, zahlen, einsteigen, wegfahren. Dafür gibt es universelle Gestaltungs-Regeln, wie man sie beispielsweise in der deutschen Entwurfsbibel «Neufert» findet – übrigens ohne jeglichen Bezug zum Tank, der in einem anderen Kapitel abgehandelt wird.

Tankstelle Autometro an der Rämistrasse in Zürich

Quelle: Creative commons BY SA 4.0 / Baugeschichtliches Archiv, Wolf-Bender's Erben

Die Tankstelle Autometro an der Rämistrasse in Zürich ist heute die Vorzone einer Weinhandlung. Sie wurde in den 1930er-Jahren vollständig in die Architektur von Karl Knell integriert.

James Bond Tankstelle in Andermatt

Quelle: Markus Hartmann, Präsident James Bond Club Schweiz

Die Nostalgie-Tankstelle des Hotels Aurora steht am Ortsausgang von Andermatt (UR). Sie hat einen kurzen, aber prägnanten Auftritt im James Bond-Film «Goldfinger» aus dem Jahr 1964. Für Fans ist sie ein Pilgerort. Ihre Tage sind aber gezählt, ein Ersatzneubau für das Aurora ist in Vorbereitung.

In Siedlungsgebieten sind Tankstellen an grössere Gebäude angelagert oder in sie integriert. Einen Gegensatz zu ihnen bilden pavillonähnliche Strukturen auf freiem Feld, an Landstrassen oder Autobahnen, wo das Tanken zur Hauptsache wird. Die Pavillons vervollständigen das notwendige Versorgungsnetz und haben grundsätzlich ein erhebliches gestalterisches Potenzial, wie man etwa schon beim Filmklassiker «Die Drei von der Tankstelle» (1930) mit Heinz Rühmann feststellen kann. Auch die Schalenstruktur von Heinz Isler über der denkmalgeschützten Raststätte Deitingen Süd an der A1, die an geblähte Segel erinnert, lässt sich in diese Kategorie der Tankstellen-Pavillons einordnen.

Insgesamt hat die Tankstelle Architektinnen und Architekten wenig inspiriert. Zu eng sind die Vorgaben der Betreiber, die oft dem Designprogramm eines Erdölkonzerns folgen müssen, zu banal ist die Nutzung, zu beschränkt meist der verfügbare Raum, um zu grossen gestalterischen Würfen anzusetzen. Dennoch haben sich verschiedene Architekten an dieser Aufgabe versucht. Der amerikanische Jahrhundertarchitekt Frank Lloyd Wright tat dies im Zusammenhang mit seiner Städtebau-Vision «Broadacre City», einer suburbanen, dezentralen Landschaft, in der das eigene Auto von essenzieller Wichtigkeit ist. Der Däne Arne Jacobsen, der nicht nur Häuser entwarf, sondern auch Möbel und Leuchten designte, machte aus seiner im Auftrag von Texaco entworfenen Tankstelle im Jahr 1936 eine grosse Leuchte, mit dem Tankstellendach als Reflektor.

Lindholm-Tankstelle in Cloquet, Minnesota

Quelle: Jonathunder / Wikimedia Commons

Die Lindholm-Tankstelle in Cloquet, Minnesota beruht auf einem Entwurf des Architekten Frank Lloyd Wright. Sie wurde 1958 eröffnet.

Tankstelle Deitingen Süd

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Fotograf: Comet Photo AG

Über der Tankstelle Deitingen Süd scheinen sich Betonschalen von Ingenieur Heinz Isler zu blähen, wie Segel im Wind.

Typische Elemente

Obwohl die Tankstelle ein vergänglicher Bautypus ist, hat sie bestimmte Charakteristiken, die sich stark ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben und die im gebauten Raum permanente Spuren hinterlassen haben. Das wichtigste architektonische Merkmal ist die Überdachung, welche meistens auch als Trägerin von Logos oder einer weitergehenden Corporate Identity genutzt wird. Ein weiteres Charakteristikum ist die Verwendung von Fahnen, welche die Autos auf die Tankstelle aufmerksam machen wollen. Diese Eigenschaft prägte schon die legendäre «James Bond-Tankstelle» am Ortsausgang von Andermatt, die im Film «Goldfinger» (1964) einen kurzen aber unvergesslichen Auftritt hatte. Eine jüngere Erscheinung sind die leuchtenden Preisanzeigen, die aus dem Strassenbild kaum mehr wegzudenken sind.

Im Zusammenhang mit dem Dach steht die Nachtarchitektur von Tankstellen. Beim Einbruch der Dunkelheit wird der Witterungschutz zum Leuchtkörper oder zum Reflektor. Oft bilden Tankstellen nach Sonnenuntergang veritable Lichtinseln, die nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Insekten anlocken. Der Nachtbetrieb wird an günstigen Lagen angereichert durch stets geöffnete Tankstellenshops, welche die Tränke doch noch zu einem potenziellen Begegnungsort machen können. Nächtlicher Tankstellenbetrieb wird allerdings in Siedlungsgebieten eher kritisch betrachtet. Heute ist die Beleuchtung meistens stark gedimmt – Tankstellen werden so besonders in Siedlungsgebieten zu etwas trüben aber dennoch anheimelnden, vertrauten Laternen.

Tankstelle Dussnang Thurgau

Quelle: Manuel Pestalozzi

Am Ortsrand von Dussnang (TG) ist die Tankstelle auch gestalterisch Teil einer Landi-Verkaufsstelle.

Tankstelle Hardturmstrasse Zürich

Quelle: Christian Lylloff / Wikimedia Commons

Unter dem Dach der einstigen Tankstelle an der Hardturmstrasse in Zürich befindet sich heute der Aussensitzplatz einer kleinen Imbiss-Stube.

Umnutzungen relativ selten

Welche baulichen Elemente könnten die ursprünglich angedachte Funktion der Tankstelle überdauern? Umnutzungen kommen zwar vor, sind aber doch relativ selten, da das Angebot an Innenräumen meistens bescheiden ist. Mehr als eine kleine Imbiss-Stube oder eine bescheidene Boutique liegt selten drin. Die häufig weit ausgreifenden Dächer sind allerdings oft für die halbe Ewigkeit gebaut, und die häufig anzutreffenden Pilzstützen als Dachträger verraten gelegentlich einen gestalterischen Ehrgeiz, den es eigentlich zu würdigen gilt.

Ob sich die einstige Vorfahrt als Portal oder Signal eignet, hängt von der übrigen Architektur und dem Standort ab. Manchmal gelingt eine unerwartete Umnutzung. In Berlin verwandelte der aus der Schweiz stammende Galerist Jürg Judin eine Tankstelle im Stadtteil Schöneberg in das «Kleine Grosz Museum», das dem berühmten Maler und Karikaturisten George Grosz gewidmet ist. Es wurde im vergangenen Jahr eröffnet. Unter dem Tankstellendach gibt es jetzt einen möblierten Aussensitzplatz, der an einen Seerosenteich grenzt.

Tankstelle von Arne Jacobsen in Skovshoved, Dänemark

Quelle: Christian Lylloff / Wikimedia Commons

Die Tankstelle von Arne Jacobsen in Skovshoved, Dänemark, entstand 1936. Das Dach ruht auf einer Pilzstütze und dient in der Nacht als Reflektor.

Tankstelle Rosenbergstrasse Wallisellen

Quelle: Manuel Pestalozzi

An der Rosenbergstrasse in Wallisellen (ZH) prägt die Tankstelle das Ortsbild gemeinsam mit dem Kirchturm.

Von der «Stelle» zur «Station»

Mit der zunehmenden Elektrifizierung des motorisierten Individualverkehrs erhält die Tankstelle Konkurrenz durch die Ladestation. Da sich die Elektromobilität für eine feste Installation von Batterien in Autos entschieden hat – anstelle des schnellen Auswechselns erschöpfter Speicher durch frische – muss die Energiezufuhr an Stationen erfolgen. Der stationäre Zustand dauert weitaus länger als bei der Betankung mit Brennstoff.

Ladestationen sind oft nicht öffentlich, sie bedürfen abgesehen vom Ladekabel auch keiner speziellen Installationen oder Schutzvorrichtungen. Wenn sich bei der Mobilität das Laden an breiter Form durchsetzt, bedeutet das einen tiefgreifenden Wandel bei der Versorgung von Fahrzeugen mit Energie. Die Tankstellen würden dadurch überflüssig. Wegen ihrer geringen Bedeutung als sozialer Brennpunkt werden ihnen wohl nur wenige eine Träne nachweinen.

Tankstelle Wohnüberbauung Wettingen, Aargau

Quelle: Manuel Pestalozzi

Diese neue Wohnüberbauung in Wettingen (AG) wurde mit einer grösseren Tankstelle kombiniert.

Trotz diesen Perspektiven scheinen manche bei den Ladestationen ein gewisses architektonisches Potenzial zu erkennen. So entwickelte das deutsche Architektur- und Designbüro Graft im Auftrag des Energiekonzerns «E.ON» von 2018-2022 den Prototyp für eine ultraschnelle Ladestation. Eine Stahldachkonstruktion schafft über den Ladepunkten einen geschützten Raum. Diese Neuinterpretation des Tankstellendachs verwandle den Ladebereich in einen Ruheplatz, schreibt Graft in der Präsentation ihres Projekts.

Das modulare Konzept soll erweiterbar sein und zahlreiche Steckpunkte umfassen können. Zum entwickelten Bausatz gehören auch «Lounges», die man als eine neue Variante des Bahnhof-Wartesaals bezeichnen könnte. In der «E.ON»-Zentrale in Essen wurde 2021 ein erster Prototyp realisiert. Basierend auf zwei Grundmodulen kann das System eine Vielzahl von Lade- und Parksituationen abdecken. Aktuell kann man sich allerdings schwer vorstellen, dass sich diese Art der Tankstellen-Nachfolge auf breiter Front durchsetzen wird.

Prototyp Schnelladestation Energiekonzern E.ON Essen

Quelle: Michael Romstöck

Der Prototyp einer öffentlichen Schnell-Ladestation steht auf dem Areal des Energiekonzerns «E.ON» in Essen, Deutschland.

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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