10:02 BAUBRANCHE

Verkehrsplanung: Wenn die Lebensader im Dorf leidet

Teaserbild-Quelle: Ignacio Palomo Duarte, Unsplash

Hauptverkehrsstrassen zerschneiden die Ortskerne der Schweiz. Damit die Zentren wieder zum Herz der Dörfer werden können und sich motorisierter Verkehr und Fussgänger nicht in die Quere kommen, braucht es planerische Massnahmen für mehr Durchlässigkeit und Überlagerung der Nutzungen.

«Die Hauptverkehrsstrassen ziehen sich oft als ‹Achsen der Zerstörung› durch die Schweizer Dörfer», sagte Paul Hasler vom Team Netzwerk Altstadt der Espace Suisse an der Tagung «Lebendiger Ortskern trotz oder dank Verkehrsachse», die von Espace Suisse Anfang Jahr in Brugg organisiert worden ist. «Wir müssen weg von der Siebziger-Jahre-Logik, nur das Auto bringt den Wohlstand.»

Es ist ein Huhn-Ei Problem, mit dem zahllose Gemeinden konfrontiert sind: Der Detailhandel ist ist auf das Auto angewiesen. Jedoch zerschneidet zu viel Verkehr die Orte entlang ihrer wichtigsten Achsen. Sind die Läden nicht mehr mit dem Auto erreichbar, fürchten ihre Inhaber, Kunden zu verlieren.

«Historisch gewachsene Ortskerne liegen in der Regel an den Hauptachsen, die die Verbindungen zwischen den Gemeinden und Städten herstellen. Die Verkehrsachsen sind die Lebensadern der Gemeinde. Jeder Versuch, ihre Verbindungsfunktion mit ihrer städtebaulichen Funktion in Einklang zu bringen, birgt auch grosses Konfliktpotential», bringt Raumplaner Rainer Klostermann das Thema auf den Punkt. «Für mich ist ‹Kerntangente› fast schon ein Unwort. So lange die reinen Leistungsfähigkeit des individuellen motorisierten Verkehrs der absolute Vorrang eingeräumt wird, lässt sich der Stadtraum kaum noch gestalten.»

Mehr Dorfleben auf der Strasse

Statt dessen wäre es im Sinne attraktiver Ortszentren dringend geboten, «Sicherheit, Gestalt und Funktion der Strassenräume gleichwertig zu betrachten und integral zu planen», hält Rupert Wimmer, Raum- und Verkehrsplaner beim Tiefbauamt Zürich, fest. Das ist nur über einen aufwendigen Planungsprozess zu erreichen. Wenn ein solch anspruchsvolles Vorhaben Erfolg haben soll, müssen alle Stakeholder an einen Tisch zusammen kommen. Sie müssen sich genug Zeit für Bestandsaufnahme und Analyse nehmen.

Erst dann können sie daran gehen, Ziele zu definieren und erste Planungsschritte skizzieren. «Es ist kein Ziel, sondern eine Massnahme. Nicht die Massnahme, sondern die erwünschte Wirkung muss jedoch im Mittelpunkt stehen», nennt Klostermann einen der typischen Fallstricke. Rupert Wimmer ergänzt, dass der Strassenraum naturgemäss beschränkt ist: «Die zahlreichen Nutzungsansprüche an ihn können nicht immer addiert werden. Stattdessen ist Überlagerung anzustreben. Grundpfeiler dafür sind eine angebotsorientierte Verkehrsplanung und angepasste Geschwindigkeiten.»

Das lange übliche Vorgehen, zuerst die Flächen für den motorisierten Individualverkehr festzulegen, auf dem verbleibenden Raum den öffentliche Nahverkehr zu platzieren und den Fussgängern zu überlassen, was übrig bleibt, ist mittlerweile überholt. In den meisten Fällen ist im Grunde nicht die Menge an Verkehr das wahre Problem, sondern ihre Lenkung. Es braucht integrierte Strassen, wenn mehr Dorfleben auf der Strasse möglich werden soll.

Von den Verhältnissen wie diesen in Tokio ist man in der Schweiz noch weit entfernt.

Quelle: Ignacio Palomo Duarte, Unsplash

Von den Verhältnissen wie diesen in Tokio ist man in der Schweiz noch weit entfernt.

Leere Ladenlokale laden nicht zum Bummeln ein

Martin Eggenberger vom Team Netzwerk Altstadt von Espace Suisse formuliert das so: «Ein Ort braucht ein Herz, er braucht ein Wohnzimmer. Fehlt es, überlebt das Zentrum nicht». Es sei häufig ein schwieriger Prozess, das in den Gemeinden zu erkennen. Und ein noch schwierigerer, das auch durchzusetzen. Dabei ist die Gelegenheit günstig wie selten: Die Leerstände entlang der längst nicht mehr zum Bummeln einladenden, hochfrequentierten Strassen sind hoch wie nie.

«Das ist kein Schnupfen, sondern ein Trend. Dieser Trend bietet Chancen», sagt Hasler. Der Umbruch im Handel macht neue Nutzungen der ehemaligen Läden möglich, sofern alle an einem Strang ziehen. Auch hier ist die wichtigste Voraussetzung, dass die Beteiligten miteinander reden und sich darüber einig werden, wohin der Weg gehen soll.

Hasler betont, dass entscheidend sei, die Eigentümer der Liegenschaften mit ins Boot zu holen: «Eine Planung, die das Ortszentrum grundlegend verändern soll, muss eine Planung von Fassade zu Fassade sein. Erst wenn eine Vision da ist, die alle mittragen können, investieren die Eigentümer auch wieder in ihre Gebäude.»

Auch das Grün gehört dazu. «Wenn man grundlegend erneuern will, darf man auch beim Grün nicht vergessen, dreidimensional zu denken», merkt Rainer Klostermann an. «Bäume brauchen ausreichend Platz im Untergrund. Städte wie Zürich oder Bern zum Beispiel sind sehr intensiv an diesem Thema dran.»

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