12:09 BAUBRANCHE

Studie: Das Potential der Kreislaufwirtschaft für die Schweiz

Teaserbild-Quelle: Leuchtturm81, Pixabay-Lizenz

Während Rohstoffe immer knapper werden, hat die Kreislaufwirtschaft gerade für die Schweiz als ressourcenarmes Land grosses Potential. Dennoch macht bisher nur ein Bruchteil der Schweizer Unternehmen davon Gebrauch.

Blume auf Asphalt (Schmuckbild)

Quelle: Leuchtturm81, Pixabay-Lizenz

Die Kreislaufwirtschaft hat ihre Blüte in der Schweiz noch nicht erreicht, hat aber grosses Potential um die Bauindustrie grüner zu machen.

Aktuell landen viele Güter nach dem Gebrauch in der Kehrichtverbrennung - und mit ihnen wichtige Rohstoffe. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft will deshalb bestehende Ressourcen effizienter nutzen, um diese im Umlauf zu halten. Doch lediglich knapp 10 Prozent der Schweizer Unternehmen engagieren sich laut einer Studie von 2021 der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) und der Berner Fachhochschule (BFH) „substanziell“ in der Kreislaufwirtschaft. Viele Unternehmen hätten das Thema bisher noch kaum auf dem Radar, lautet das Fazit.

Entsprechende Rahmenbedingungen

 „Will die Schweiz künftig noch wettbewerbsfähig sein, muss sie effizienter mit den vorhanden Ressourcen umgehen“, sagte Studienautor Tobias Stucki im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Stucki ist Leiter des Instituts Sustainable Business an der BFH. Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse betont, dass die Kreislaufwirtschaft den Unternehmen Wettbewerbsvorteile bringen kann. „Die Wiederverwendung von Rohstoffen kann zudem zu Kosteneinsparungen führen“, sagt Alexander Keberle, Leiter Infrastruktur, Energie & Umwelt beim Verband.

Um das Potential der Kreislaufwirtschaft vollends auszuschöpfen, braucht es gemäss Stucki Druck von Seiten der Politik. „Auf politischer Ebene müssen nun die Rahmenbedingungen geschaffen werden, um eine dauerhafte Verbesserung der Ressourceneffizienz zu erreichen“, heisst es auch von Seiten Economiesuisse. - Der Bundesrat hatte im März erste Pläne bekanntgegeben, wie er die Kreislaufwirtschaft stärken will. In einem ersten Schritt soll aufgezeigt werden, wo Potentiale bestehen und welche Gesetze, Verordnungen und Reglemente die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft behindern. Insbesondere im Bausektor und in der Ernährungswirtschaft will der Bundesrat den Rohstoffverbrauch verbessern. Die Schweiz wäre gemäss Stucki für eine Vorreiterrolle in diesem Bereich prädestiniert: „Kreislaufwirtschaft ist letztendlich eine Form der Innovation und in der Schweiz wissen wir wie Innovation funktioniert. Gleichzeitig haben wir eine hohe Kaufkraft.“ Und wie Keberle von Economiesuisse zudem betont, hat Schweizer Wirtschaft durch Kreislaufwirtschaft das Potential, einen Reputationsgewinn zu erzielen.

Die „drei R“

Bauschutt Abbruch Bagger

Quelle: Christoph Meinersmann, Pixabay-Lizenz

Rund 84 Prozent des Schweizer Abfallbergs werden von der Baubranche verursacht.

Die wichtigsten Pfeiler der Kreislaufwirtschaft sind die „drei R“: reduce (reduzieren), reuse (wiederverwenden), recycle (rezyklieren). Verschiedene Firmen haben ihre Anwendung bereits in ihrer Firmenphilosophie verankert. Nachfolgend einige Beispiele.

  • Reduzieren: Hier geht es in erster Linie darum, weniger Rohstoffe zu verbrauchen. Die Bauindustrie kann mit einem grossen Hebel ansetzen. Schliesslich entfällt auf sie laut Bundesamt für Umwelt mit 84 Prozent der grösste Anteil der Schweizer Abfallmenge.
    Um dem entgegenzuwirken, stellt der Bauchemikalienhersteller Sika zum Beispiel diverse Produkte bereits zu einem Grossteil aus nachwachsenden Rohstoffen her. Für ein Fliessmittel, das zur Herstellung von Beton verwendet wird, wurden beispielsweise über 80 Prozent der ölbasierten Rohstoffe durch nachwachsende pflanzliche Stoffe ersetzt, die als Abfall bei der Zuckerproduktion anfallen.
    Derweil stellt Holcim einen "grünen" Beton namens Ecopact her. Je nach Produkt enthält dieser bis zu 95 wiederverwertete Rohstoffe. Bis 2025 will die weltgrösste Zementherstellerin damit ein Viertel des Transportbetonumsatzes generieren. Mittlerweile hat der Zementkonzern über eine Million Kubikmeter des "grünen" Betons verkauft. Zum Vergleich: 2021 hatte der Konzern gesamthaft 46,5 Millionen Kubikmeter Transportbeton abgesetzt. Auch der Zement von Holcim besteht zu einem Fünftel aus Bau- und Abbruchabfällen.
  • Wiederverwenden: Mit einem Projekt an der Müllerstrasse in Zürich will der Schweizer Immobilienriese SPS das Potential der Kreislaufwirtschaft aufzeigen. Das bestehende Gebäude wird nicht abgerissen, sondern bis auf die Tragstruktur rückgebaut und dann mit neuer Fassade, Dach und Technik versehen. Wenn möglich werden die abgebauten Materialien wiederverwendet. Bei der Fassade seien dies bis zu 80 Prozent.
    Und der Maschinenbauer Bystronic setzt bereits seit einigen Jahren auf modulare Maschinen. "Dadurch können einzelne Bauteile über unseren Service einfacher und schneller vor Ort ausgetauscht werden", teilt ein Sprecher von Bystronic mit. Hat eine Maschine nach 10 bis 15 Jahren trotz Reparaturen das Ende ihrer Lebensdauer erreicht, wird sie in einem Aufarbeitungszentrum von Bystronic überholt. Dadurch werden für die „neue“ Maschine nur 2 Prozent neues Material verwendet. 2021 hat Bystronic in den Aufarbeitungszentrum 90 Anlagen wieder auf Vordermann gebracht.
  • Rezyklieren: Letztlich gibt es aber immer wieder Bestandteile, die nicht mehr gebraucht werden können. Anstatt dass diese in der Kehrichtverbrennung landen, setzt die Kreislaufwirtschaft auf Recycling. So hat Holcim zum Beispiel im vergangenen Jahr über 50 Millionen Tonnen Material rezykliert. Diese Menge soll bis 2030 gar verdoppelt werden. Ein Teil davon wird dann zu umweltfreundlichen Baulösungen verarbeitet.

Solche Beispiele zeigen verschiedene Wege, das Thema Kreislaufwirtschaft anzugehen. Aber für grosse Unternehmen ist es einfacher, das System der zirkulären Wirtschaft zu erschliessen als für KMU. Zu diesem Schluss kommt auch die Studie von KOF und BFH. „Der Veränderungsdruck ist bei den sehr grossen Unternehmen oftmals höher“, erklärt Martin Wörter, Professor der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH, ebenfalls ein Autor der Studie. Zudem mangle es bei den kleinen Unternehmen häufiger am notwendigen Know-how. (Milena Kälin, AWP)


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