07:11 BAUBRANCHE

Ein Stück Schweizer Industriegeschichte

Teaserbild-Quelle: Gabriel Diezi

Die Fabrik Stoffel hat während 120 Jahren das Leben in Mels SG geprägt. Dank ihr wandelte sich das Bauerndorf zum Industriestandort. Doch der Niedergang der Schweizer Textilindustrie machte auch vor dem Sarganserland nicht halt.

Historische Luftaufnahme Stoffel Mels

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Stiftung Luftbild Schweiz

Die Textilfabrik Stoffel auf einer undatierten Luftaufnahme: Gut erkennbar sind die einzelnen Gebäude des stolzen Ensembles mit der Weberei links der Mitte, der Spinnerei rechts der Mitte sowie der dahinterliegenden Öffnerei.

Im Jahr 1866 will der Glarner Industrielle Jakob Schuler-Heer expandieren. Er sucht den idealen Standort für eine weitere Textilfabrik, die er mit Wasserkraft betreiben kann. 40 Meter oberhalb des Sarganserländer Dorfs Mels wird er fündig – in Hanglage und unmittelbarer Nähe zum Bachlauf der Seez. Seine Handelsfirma Johannes Heer erwirbt auf der «Steigs» 65‘000 Quadratmeter Bauland und beginnt 1867 mit dem Segen der Melser Ortsbürger, die Wasserbauten zu errichten und die Zufahrtsstrasse zu bauen. 1874 startet dann der Bau der Fabrikgebäude. Nur vier Jahre später surren 43‘000 Spindeln in der Spinnerei und 450 Webstühle in der Weberei. Das Schicksal des Dorfs ist in den folgenden Jahrzehnten eng mit demjenigen der Textilfabrik verknüpft, schliesslich beschäftigt diese zu ihren besten Zeiten rund 600 Männer und Frauen.

1920 kauft der Grossindustrielle Beat Stoffel die Spinnerei und Weberei Mels und wird endgültig zum Textilmogul der Ostschweiz. Nach dem Ersten Weltkrieg modernisiert er die Fabrikation und übergibt 1929 die Geschäftsleitung an seinen Sohn Max. Dieser kann mit seiner Textilfabrik in den folgenden Kriegszeiten bestehen, nicht zuletzt dank der Lancierung des «Stoffel-Tüechlis», das sich bestens verkauft. 1947 investiert Stoffel in bessere Arbeitsbedingungen für seine Belegschaft und eröffnet eine Betriebskantine.

Das Ende der Textilfabrik Stoffel zeichnet sich Anfang der 60er-Jahre ab. Die amerikanische Burlington Industries schluckt das Traditionsunternehmen Stück für Stück. 1968 ist die komplette Übernahme abgeschlossen. Zwei weitere Besitzerwechsel in den Jahren 1974 und 1989 können den Untergang der Melser Textilindustrie nur noch hinauszögern. 1995 wird dann der Betrieb in Mels aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Das 33‘000 Quadratmeter grosse Fabrikareal versinkt in einen fast 20-jährigen Dornröschenschlaf, den erst die Alte Textilfabrik Stoffel AG mit ihrem Umnutzungsprojekt «Uptown Mels» beendet. 145 Millionen Franken wollen sich die Investoren ihre Vision des neuen Stoffel-Areals kosten lassen. (gd)

Mehr zur grossangelegten Transformation, bei der sich die Industriebrache zum neuen Quartier mit 224 Wohnungen wandelt, erfahren Sie im nächsten Baublatt.

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Ehemaliger Stv. Chefredaktor Baublatt

Gabriel Diezi war bis November 2020 als stellvertretender Chefredaktor beim Baublatt tätig.

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