12:02 VERSCHIEDENES

«Topiaria Helvetica 2021»: Im tiefen Waldesgrunde

Teaserbild-Quelle: Robert Zünd

Ob Waldkathedrale für Chorherren oder Naherholungsgebiet für Städter: Der Wald ist dies und noch mehr. Das aktuelle Jahrbuch «Topiaria Helvetica» der Schweizerischen Gesellschaft für Gartenkultur nimmt mit auf eine Zeitreise durch die Kulturgeschichte des Waldes.

"Eichenwald" von Robert Zünd um 1882.

Quelle: Robert Zünd

"Eichenwald" von Robert Zünd um 1882.

Auch wenn er unter dem Klimawandel leidet, ist der Wald noch immer mächtig. Er erstreckt sich über rund einen Drittel der gesamten Landfläche der Erde. Er wuchert als Dschungeldickicht am Amazonas, er breitet sich mit zahllosen Rotbuchen in den slowakischen und ukrainischen Waldkarpaten aus, er schützt in den Alpen vor Lawinen und er lockt in Zürich am Wochenende Ausflügler auf den Uetliberg.

Im Zuge wachsender Städte und steigender Temperaturen ist der Wald in der Landschaftsarchitektur, im Städtebau und in der Architektur angekommen: In dichtbebauten Gebieten soll er im Sommer helfen, die von der Sonne aufgeheizten Strassen und Plätze zu kühlen. «Nach urbaner Gartenkultur und urbaner Landwirtschaft wird nun auch die urbane Forstwirtschaft zum Thema», heisst es im Vorwort der «Topiaria Helvetica», die die Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur (SGGK) alljährlich herausgibt. Sie hat die Publikation heuer dem Thema «Ab in den Wald – von heiligen Hainen, Waldgärten und Stadtwäldern» gewidmet.

Die einzelnen Beiträge laden zu einem abwechslungsreichen Spaziergang durch den Wald, als sich stetig wandelnde Kulturlandschaft, ein. Sie bieten allgemeine Hintergrundinformationen zu seiner Bedeutung im 21. Jahrhundert und in vergangenen Epochen und stellen besondere Kultur- und Naturdenkmäler vor.

94 Kastanien aus Basel

So finden die Chorherren des Stifts St.Michael in Beromünster nicht nur in der
Kirche und der Kapelle des Stifts geistige Einkehr, sondern auch in einer Waldkathedrale: Die 140 Meter lange Anlage ist Ende des 18. Jahrhunderts aus 94 aus Basel importierten wilden Kastanienbäumen und 3500 «Hagenbuochli» geschaffen worden. Ihr Bau war aufwendig. Bevor die Bäume gesetzt werden konnten, musste die Hügelkuppe ausgeebnet und der Grund vorbereitet werden, indem man je nachdem Steine sprengte und Wurzelstöcke ausgrub. Im Laufe der Zeit verfiel sie zunehmend; Buchen, Ahorne und Linden machten sich in der Anlage breit.

Davon, wie die Kathedrale wieder sichtbar gemacht wurde, berichten unter anderem die Landschaftsarchitektin Julie Dové, Robert Suter, Förster der Korporation Beromünster, sowie
Georg Carlen, Denkmalpfleger des Kantons Luzern, in einem separaten Kapitel.

Neben der Waldkathedrale rollt der Band auch die Geschichte des grössten Landschaftsgartens der Schweiz auf, der ebenfalls Ende des 18.Jahrhunderts angelegten Ermitage in Arlesheim.

Natur für Städter

Nicht um das Vergnügen weniger Privilegierter, sondern um die Erholung einer ganzen Stadtbevölkerung ging es ein Jahrhundert später in Zürich bei der Gestaltung der Stadt. Massgeblich daran beteiligt war der Verschönerungsverein Zürich (VVZ). Neben dem Uetliberg, der schon damals zu den beliebten Ausflugszielen gehörte, hatte der VVZ in seinen Anfängen vor allem den Zürichberg, auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt zu seinem Wirkungsfeld erkoren: Es wurden Wege geschaffen, Bäche mit Brücken zugänglich gemacht, Spielplätze eingerichtet, Bänke aufgestellt, malerische Waldlichtungen angelegt und gar zwei Aussichtstürme gebaut. «Fern vom Getriebe der Stadt soll der Wanderer die Schönheit des Waldes erleben», schrieb Emil Gossauer vom VVZ damals. «Wohlan denn, so mag jeder Spaziergang eine Entdeckung werden.»

Damit schlägt das Büchlein einen Bogen in die Gegenwart. Während der Corona-Pandemie dürften sich wieder viele Menschen über Entdeckungen in der Natur in ihrer nächsten Umgebung freuen.

«Topiaria Helvetica Band 2021», Herausgeberin SGGK,
vdf  Hochschulverlag, 112 Seiten, broschiert, ISBN: 978-3-7281-4041-8, 42 Franken


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