15:23 VERSCHIEDENES

Wo in der Schweiz wegen Hochwasser Schäden drohen

Geschrieben von: Stefan Schmid (sts)
Teaserbild-Quelle: Mobiliar Lab für Naturrisiken / Multirotors Team / CC BY-SA

Die Regenfälle der letzten Tage führten schweizweit bei Flüssen und Seen zu hohen Pegelständen, grössere Schäden blieben aber aus. Aufgrund von steigenden Abflussmengen und mehr Extremereignissen nimmt auch die Schadenssumme zu. Die Universität Bern präsentierte nun ein neues Analyseinstrument für die Prävention.

Bild 1 Hochwasserrisiken St. Ursanne

Quelle: Mobiliar Lab für Naturrisiken / Multirotors Team / CC BY-SA

Viele Gebiete nahe von grossen Flüssen waren in der Vergangenheit bereits von Hochwassern betroffen, wie etwa St-Ursanne im Jahr 2018. Kommt es künftig infolge der Klimaveränderung zu noch höheren Abflüssen, drohen an gewissen Gewässerabschnitten noch deutlich höhere Schäden.

Die andauernden Regenfälle der vergangenen Tage haben in der Schweiz die Flüsse zwar anschwellen lassen, die Schäden hielten sich aber in Grenzen. Wenn wegen der Klimaveränderung in Schweizer Flüssen und Seen künftig mehr Wasser abfliesst als bei den bisher grössten Hochwassern, können die Schäden jedoch stark und sprunghaft ansteigen. Denn intuitiv scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen den zunehmenden Starkniederschlägen als Folge des Klimawandel und der Hochwasserlage. 

Doch wie genau starker Regen zu ausserordentlich hohen Abflussmengen führt, war bis anhin wissenschaftlich nicht geklärt. In welchem Ausmass sich in der Schweiz die Klimaveränderung auf Hochwasserschäden auswirkt und welche Gewässer in welchen Abschnitten besonders starke Folgen zu erwarten sind, hat das Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern aufgezeigt. Die Forschungen am Lab waren laut einer Mitteilung der Universität Bern Basis für die Entwicklung eines neuen Tools, das Fachleute in den Bereichen Naturgefahren und Bevölkerungsschutz sowie Behörden bei der Prävention unterstützen soll.

Wenn Höchstmarken übertroffen werden

Mit dem Online-Werkzeug «Risikosensitivität – Schadenbringende Hochwasser im Klimawandel» lässt sich beispielsweise klären, was in einem bestimmten Gewässerabschnitt die Schadensfolgen sind, wenn sich der Abfluss durch die Klimaveränderung erhöht. Mit dem Tool kann auch die Zahl der Personen oder Arbeitsplätze eruiert werden, wenn der See- oder Flusspegel über eine gewisses Mass ansteigt, etwa wenn die bisher maximal gemessenen Abflüsse übertroffen werden. 

Solche Erkenntnisse sind für die gesamte Gesellschaft relevant. Für eine effiziente Prävention braucht es laut Andreas Zischg, Co-Leiter des Mobiliar Labs, genau solche quantitativen Informationen. Nur auf diese Weise könnten an den Schwachstellen vorzeitig geeignete Massnahmen getroffen und die vorhandenen Ressourcen optimal eingesetzt werden. Im wissenschaftlichen Kontext eingesetzt, liefert das Analyseinstrument spezifische Aussagen zu den Veränderungen von Hochwassern als Folge des Klimawandels in der Schweiz.

Hochwasserschäden steigen sprunghaft an

Auch wenn die Hochwasser nur leicht über die bekannten Höchstwerte hinausgehen, steigen die Schäden sprunghaft an. Dies ist eines der wichtigsten Erkenntnisse der Forschungen. Eine durch die Klimaveränderung verursachte Zunahme der Spitzenabflüsse führt somit zu einer deutlich höheren Zunahme an Schäden. Ausgehend vom bisher grössten beobachteten Hochwasser steigen so etwa die Gebäudeschäden bei einem Mehrabfluss von zehn Prozent durchschnittlich um mehr als 40 Prozent. Bei 20 Prozent Mehrabfluss steigen die Schäden sprunghaft um 80 Prozent an.

Bild 2 Hochwasserrisiken Brücke

Quelle: Mobiliar Lab für Naturrisiken / Rolf Ryser / CC BY-SA 4.0

Brücke bei einem der örtlich bisher grössten Hochwasser. Kommt es künftig infolge der Klimaveränderung zu höheren Abflüssen, droht an gewissen Gewässerabschnitten ein sprunghafter Anstieg der Schäden.

Die zu erwartenden Schäden unterscheiden sich allerdings entlang eines Flusses stark und sind von Gewässer zu Gewässer verschieden. Denn nicht alle Abschnitte reagieren gleich empfindlich auf Hochwasser und höhere Abflussmengen. Demnach können die Schäden lokal um über das Doppelte ansteigen. Denn laut Andreas Zischg scheint es bei allen lokalen Unterschieden klar zu sein, dass es in der Schweiz zu bisher nicht gekannten Hochwasserständen kommen wird. «Fachleute gehen davon aus, dass wegen der Klimaveränderung mit Mehrabflüssen von 10 bis 20 Prozent zu rechnen ist», wird Zischg in der Mitteilung zitiert.

Prioritäten beim Hochwassermanagement setzen

Aus dieser differenzierten Analyse lassen sich laut Markus Mosimann, der Entwickler des Tools, entlang von Gewässern kritische Stellen identifizieren. Der Bevölkerungsschutz beispielsweise finde auf diese Weise wertvolle Informationen für die Prävention. Das Tool «Risikosensitivität – Schadenbringende Hochwasser im Klimawandel» soll laut Mitteilung in erster Linie zu einem besseren Umgang mit den Folgen der Klimaveränderung beitragen. Gemäss Andreas Zischg bietet das Analyseinstrument die Möglichkeit, beim Hochwasserrisikomanagement für die ganze Schweiz nach einheitlicher Methodik Prioritäten setzen zu können. Bei Flussabschnitten, die gemäss dem neuen Tool als besonders gefährdet identifiziert würden, gelte es nun, Massnahmen im Hochwasserschutz rasch umzusetzen.

Klimawandel erstmals einbezogen

Im Bereich Hochwasser ergänzt das Mobiliar Lab an der Universität Bern die traditionelle Forschung zu Naturgefahren um den Aspekt der Schäden. Seit 2018 werden in diversen Projekten insbesondere Entscheidungshilfen für das Hochwasserrisikomanagement erarbeitet. Aufschlussreich ist alles, was über den bisherigen Erfahrungshorizont hinausgeht, der zentralen Frage folgend: «Was wäre wenn?». Insgesamt stehen laut Mitteilung auf der Plattform sieben praxisnahe Tools zur Verfügung, die Kantons- und Gemeindebehörden, weitere Fachleute und auch die Bevölkerung dabei unterstützen, Hochwasserrisiken zu erkennen und Schäden zu minimeren. 

Zudem ermöglichen die Tools, Schutzmassnahmen zu dimensionieren und risikobasiert zu priorisieren. Das neue Tool bezieht nun erstmals die Folgen der Klimaveränderung in diese Risiko- und Schadenüberlegungen mit ein. Es legt die Grundlagen für ein Hochwasserrisikomanagement, das auch künftigen Anforderungen genügen soll. Es erlaubt Prognosen und Analysen auch auf lokaler Ebene. Denn für die Forscherinnen und Forscher dürfte klar sein, dass in einer nicht mehr allzu fernen Zeit Hochwasser wegen des Klimawandels weiter zunehmen werden. (mgt/sts)

Weitere Informationen zum Thema und zum Tool unter: 

Bild 3 Karte Hochwasserrisiken

Quelle: Screenshot: Mobiliar Lab für Naturrisiken

Die Übersicht im Tool «Risikosensitivität – Screenshot: Mobiliar Lab für Naturrisiken Schadenbringende Hochwasser im Klimawandel» zeigt die erwarteten Auswirkungen für alle grossen Schweizer Flüsse und Seen infolge von Mehrabflüssen, wie sie mit der Klimaveränderung zu erwarten sind.

Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bernen.

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Versicherungsgesellschaft Mobiliar. Gegenstand der Untersuchungen sind in erster Linie Prozesse, die zu Schäden führen als Folge von Hagelschlag, Hochwasser und Stürmen. Das Mobiliar Lab an der Universität Bern arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis mit dem Zweck, einen Nutzen für die Allgemeinheit zu erzielen. In diesem Sinne sieht auch die Mobiliar Genossenschaft ihr Engagement. (mgt/sts)

Geschrieben von

Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind wirtschaftliche Zusammenhänge, die Digitalisierung von Bauverfahren sowie Produkte und Dienstleistungen von Startup-Unternehmen.

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