14:06 VERSCHIEDENES

«Rooftop Walk»: Flanieren auf den Dächern von Rotterdam

Geschrieben von: Stefan Schmid (sts)
Teaserbild-Quelle: Ossip van Duivenbode

In Rotterdam zieht sich seit kurzem ein orangefarbener Weg über die Flachdächer. Der temporäre «Rooftop Walk» des niederländischen Architekturbüros MVRDV soll Symbol sein für eine bessere Nutzung von Dachflächen auf dem langen Weg zur Klimaneutralität.

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Quelle: Ossip van Duivenbode

Der temporär angelegte «Rooftop Walk» in Rotterdam erschliesst Gebäudeflächen, die in der Regel nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind.

Die strenge Anordnung des Streckenverlaufs erinnert an holländische Maler der klassischen Moderne. Eine provisorische Brücke verbindet die Flachdächer des Rotterdamer World Trade Centre und des Bijenkorf-Kaufhauses. Der leuchtend orangefarbenen «Rooftop Walk» erlaubt neue Sichtweisen auf die Stadt. 

Auf der insgesamt 600 Meter langen Strecke laden kleinere Präsentationen zum Verweilen ein. Der Spaziergang in dieser Höhe wird zu einem speziellen Erlebnis, denn die Flächen auf privatem Grund darf die Öffentlichkeit in der Regel nicht betreten. 

Einige dieser Dächer können nun während der Rotterdamer Dächertage aus einer neuen Perspektive entdeckt und teilweise auch begangen werden. Die Farbe ist für die Oranjes symbolbehaftet, doch hat die begehbare Dachinstallation auch Signalcharakter. Konzipiert hat die Aktion das niederländische Architekturbüro MVRDV.

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Quelle: Ossip van Duivenbode

Der leuchtend orangefarbene Weg führt im Zentrum der Stadt zu den Flachdächern World Trade Centre und des Bijenkorf-Kaufhauses.

Zahlreiche Nutzungen sind möglich

Denn der Weg und die Begegnungszonen sollen zeigen, wie Dächer in Zukunft genutzt werden könnten als Beitrag für nachhaltiger genutzte und lebenswertere Städte. Für MVRDV-Gründer und Architekten Winy Maas ist eine bessere und intensivere Nutzung der Dachflächen in grossen Städten unabdingbar. 

Ihre immensen Flächen liessen sich nicht nur energetisch besser nutzen, vielmehr müsse es das Ziel sein, die «fünfte» Fassade als Grün- und Aufenthaltsraum aufzuwerten, wo immer dies möglich sei, wie Maas gegenüber dem Portal «German Architects» erklärte. Die Möglichkeiten seien zahlreich. Dächer könnten die Basis für kleine Waldflächen sein oder als Freiraum für Pflanzen sowie für die intensivierte Produktion von Lebensmitteln und Energie dienen.

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Quelle: Ossip van Duivenbode

Eine provisorische Brücke verbindet die Gebäude.

Dächer als Orte der Begegnung

Die Umnutzung von Flachdächern und Umgestaltung zu grünen Oasen als Orte der Begegnung könnte auch das Quartierleben bereichern, indem sich im städtischen Umfeld vermehrt dörfliche Strukturen etablieren. «Die Oberflächen sind riesig, aber sie tragen aktuell in keiner Weise zur Bekämpfung des Klimawandels bei», stellt Maas fest. Auch gelte es, Dächer fürs Publikum zu erschliessen, was eine Neudefinition des öffentlichen Raums erfordere. 

Rotterdam geht dabei mit gutem Beispiel voran. Seit 2012 wird an der Umnutzung und -gestaltung der Dächer gearbeitet. Mittlerweile werden Dachflächen im Umfang von 18 Quadratkilometer als Gärten oder für gastronomische Dienstleistungen genutzt.

Bereits 2016 hatte das renommierte Architekturbüro im Rahmen des Stadtfests von Rotterdam eine Treppe zum Dachkino Kriterion auf dem Groot Handelsgebouw beim Hauptbahnhof erstellt. Weil die Installation beim Publikum eine voller Erfolg war, entstand die Idee, das Projekt fortzusetzen und zu erweitern durch die Verbindung von Dachflächen zu eigentlichen Parks.

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Quelle: Visualisierung MVRDV

Die Farbe der Oranjes hat mit Blick auf den Klimawandel auch Signalcharakter.

Architektur und Städtebau in neue Richtungen lenken

Gleichzeitig warnt Maas im Interview mit dem Portal von einer Art Mittelweg-Architektur, die zwar schön anzusehen ist, aber zu ruhig und nicht gut genug ist. Diese Tendenz werde das Bemerkenswerte abwürgen und ausschliessen, doch gerade diese Art von Architektur brauche es, um die Öffentlichkeit zu alarmieren und Architektur und Städtebau in neue Richtungen zu lenken.

Dabei spielten auch ökologische und soziale Aspekten eine Rolle, und für den Wandel müssten die baulichen Interventionen finanziert werden können. «Wenn man bedenkt, wie viel wir in einer Stadt in nur zwei Jahrzehnten verändern durch Renovierungen und Umnutzungen und wir all diese Mittel einsetzen, um die Gebäude in Richtung einer nachhaltigeren Zukunft zu verändern, setzen wir sie sinnvoll ein.»

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Quelle: Ossip van Duivenbode

Die Stadt aus einer anderen Perspektive betrachten zu können, entspricht durchaus einem Bedürfnis.

130 Vorschläge für bessere Dachnutzung

Vergangenes Jahr hat MVRDV mit der Stiftung Rotterdamse Dakendagen einen Katalog erstellt, der mehr als 130 Vorschläge zur besseren Nutzung von Flachdächern enthält. Die Stiftung betreibt auch Forschungen für die Nutzung von Dachflächen und organisiert Dachfestivals und –konferenzen.

Eine weitere Installation des Teams befindet sich aktuell auch auf dem Dach des Het Nieuwe Instituut. Die rosafarbene Veranstaltungsfläche «The Podium» in 29 Metern Höhe erreicht man über eine Aussentreppe mit 143 Stufen, sie ist bis zum 17. August frei zugänglich. Gleich daneben befindet sich das 2021 eröffnete und von MVRDV entworfene Schau-Depot des Museums Boijmans Van Beuningen. Begangen werden kann die einzigartige Flaniermeile noch bis zum 24. Juni.

Der «Rooftop Walk» zeigt ohne Alarmismus, dass im Bereich des Städtebaus und der Architektur Ansätze für Lösungen gegen den Klimawandel noch zu wenig konsequent bedacht und vernetzt umgesetzt werden. (mgt/sts)

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Quelle: Ossip van Duivenbode

Die Aktion soll auch Anstoss sein für eine Neudefinition des öffentlichen Raums.

Geschrieben von

Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind wirtschaftliche Zusammenhänge, die Digitalisierung von Bauverfahren sowie Produkte und Dienstleistungen von Startup-Unternehmen.

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