12:07 VERSCHIEDENES

Rathausführer für Kinder: Kennst Du das Basler Rathaus?

Teaserbild-Quelle: Michael Fritschi, foto-werk.ch

Warum der goldene Dachreiter des Basler Rathauses so krumm ist und weshalb man das Rathaus mit derart vielen Bildern ausgeschmückt hat: Ein neuer Rathausführer für Kinder erläutert höchst unterhaltsam Details über die Details, nach denen zu fragen den wenigsten in den Sinn käme.

Was wir hier sehen, ist eigentlich nicht ein Rathaus. Es sind drei», sagt Oswald Inglin, Basler Grossrat, vor dem Basler Parlamentsgebäude auf dem Marktplatz. «Das ursprüngliche Rathaus umfasste nur das Gebäude mit den Arkaden. Damals stand der goldene Dachreiter also tatsächlich in der Mitte.» Wenn er schon dabei ist, erzählt er auch gleich, warum der Dachreiter so auffallend nach vorne rechts verdreht ist: «Als man ihn 1511 aus ungetrocknetem Eichenholz baute und zum Schutz gegen die Witterung mit Bleiblech überzog, wurde er nicht aufgesetzt, sondern als Teil des Dachstocks behandelt und direkt mit ihm verbunden. Als das Holz dann allmählich trocknete, verzog es sich Richtung Sonneneinstrahlung.»

Vergoldet wurde das Türmchen übrigens erst im 19. Jahrhundert. 50 Gramm Goldfolie genügen für den ganzen Turm – die alle vierzig Jahre erneuert werden müssen. Das Rathaus wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu klein für die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung. Zweimal musste man ganze Gebäudeteile ergänzen. Die jüngsten stammen von 1900 / 1901: der Turm ganz rechts und die Neue Kanzlei ganz links. «Die Diskussion um die Rathauserweiterung schlug damals hohe Wellen: Sollte man den bestehenden Bau symmetrisch erweitern? Oder doch einen Turm bauen, wie es vor allem bei deutschen Rathäusern damals üblich war?» Es kam zu einer Volksabstimmung.

Das Basler Rathaus zeigt deutlich ablesbar drei Bauphasen. 1504 – 14 entstand der ursprüngliche Teil mit den Arkaden. 1606 – 08 wurde die Vordere Kanzlei gebaut, die sich links nahtlos an die Arkaden anschliesst. 1900 – 01 folgten die Neue Kanzlei ganz li

Quelle: Michael Fritschi, foto-werk.ch

Das Basler Rathaus zeigt deutlich ablesbar drei Bauphasen. 1504 – 14 entstand der ursprüngliche Teil mit den Arkaden. 1606 – 08 wurde die Vordere Kanzlei gebaut, die sich links nahtlos an die Arkaden anschliesst. 1900 – 01 folgten die Neue Kanzlei ganz links sowie der Turm rechts.

Wenn die «Roothuusgleggli» läuten

Das Volk entschied sich für den Turm. «Eine Funktion hat er allerdings keine. Er enthält ein paar Dokumente des Staatsarchivs und eine Turmstube, die man höchstens für einen Apéro brauchen kann, da es im ganzen Turm weder Heizung noch fliessend Wasser, geschweige denn ein WC gibt. Das liegt 105 Wendeltreppenstufen tiefer», schmunzelt Inglin. Er besteht darauf, dass der Turm zwar eher repräsentativ als nützlich sei, aber keinesfalls nutzlos: «Im Turm hängen die ‹Root­huusgleggli›. Sie läuten vor jeder Grossratssitzung, also jeden zweiten und dritten Mittwoch im Monat.»

Auch das seltsame Aussehen der Justitia, die hoch oben an der Fassade thront, fällt seinen Besuchern manchmal auf. Sie hält zwar Schwert und Waage, wie man es kennt. Aber eine goldene Krone? Und wirklich: «Das war, als man das Rathaus baute, natürlich eine Maria. Nach der Reformation hat man ihr einfach das Jesuskind aus den Armen genommen.» Die Krone hätte man nicht entfernen können ohne Schäden zu hinterlassen, weiss Inglin, und so blieb man pragmatisch: «Da die Basler geizig sind, hat man der ehemaligen Maria die Krone einfach belassen.»

Dass Inglin sich derart gut auskennt, liegt wohl daran, dass er promovierter Historiker ist und als pensionierter Lehrer Spass an der Vermittlung von Wissen hat. Hauptsächlich aber liegt die «Schuld» bei seiner Frau. Als diese als Grossratspräsidentin eine Rede zum 100-jährigen Bestehen des Grossratssaals halten musste, hatte sie zu wenig Zeit zur Vorbereitung. So begann Oswald Inglin zu recherchieren. Wirklich damit aufgehört hat er bis heute nicht. Seit zwölf Jahren macht er nun Führungen.

Er erklärt den Besuchern die zahlreichen «Gerechtigkeitsbilder» an der reicht bemalten Fassade, deren biblische Geschichten die Ratsmitglieder an ihre Pflicht zur tugendhaften und gerechten Erfüllung ihrer Aufgaben erinnern sollen, und er erklärt Motive aus Mythologie und Stadtgeschichte. Sogar für seine Ratskolleginnen und -kollegen, die das Rathaus vor allem als Arbeitsort wahrnehmen, veranstaltet er immer wieder gern eine Art «Rothuusmimpfeli» nach Sitzungsende und weist auf Details und deren Hintergrund hin, die die meisten bisher übersehen hatten. So ist es fast schon konsequent, dass er nun noch einen Rathausführer für Kinder veröffentlicht. «Es ist wichtig, sie an die Politik heranzuführen. Wir haben eines der schönsten Rathäuser der Schweiz, das bietet einen wunderbaren Aufhänger, einen Bezug zur Regierung aufzubauen», so Inglin.

Oswald Inglin.

Quelle: Tobias R. Dürring

Oswald Inglin.

Das «Roothuus» und die Farbe

So gern er die Führungen auch macht – es war ihm wichtig, dass mit Hilfe des Buchs auch eine selbstständige Erkundung möglich ist. Zur Motivation ist auch ein Heft mit Rätselfragen beigelegt, die die Kinder vor Ort oder durch aufmerksame Lektüre beantworten können. Was Kinder interessiert, weiss er aus seinen Führungen. Dort fragen die kleinen Teilnehmer zum Beispiel gern im schönsten Baseldytsch, ob das «Roothuus» wohl wegen seiner Farbe so heisse. Den Fehler klärt er geduldig auf, erzählt aber auch gleich, dass das Rathaus zwar aus rotem Sandstein gebaut sei, die intensive Farbe jedoch von Öl- und Mineralfarben komme, die die Fassade schützen.

Auch nach zwölf Jahren gehen ihm die Geschichten nicht aus. Das Rathaus birgt reichlich Material aus fünfhundert Jahren. Deshalb ging ihm auch das Schreiben des Manuskripts schnell von der Hand. Fertig war er damit schon vorzwei Jahren. «Aber dann ging die Arbeit erst los. Illustrationen und Fotos waren zu machen. Und was mich besonders freut: Der Verlag hatte noch die Idee zu einem Bastelbogen beigetragen, und das Heft mit den Forschungsaufgaben ist herausnehmbar, so dass die Kinder es gleich vor Ort nutzen können.»

Und wenn sie das Glück haben, an sitzungslosen Tagen einen Blick in den Grossratssaal werfen zu können, können sie ihren Eltern hinterher auch gleich erklären, wie man die Birnen des prächtigen Leuchters dort auswechselt: Man geht ins Drucksachenarchiv des Staatsarchivs über dem Ratssaal. Dort ist hinter einer Klappe eine Kurbel versteckt, mit deren Hilfe man den Leuchter an zwei Stahlseilen von der neun Meter hohen Decke herunterlassen kann. «Die 72 Birnen werden übrigens extra für diesen Leuchter produziert. Die neuen LED-Birnen passen nicht in die alten Fassungen, deshalb musste eine Firma in Reinach extra eine passende LED-Birne in China fertigen lassen», lüftet Inglin auch dieses Geheimnis. Eines von vielen.

 Cover, Oswald Inglin. Kennst Du das Basler Rathaus?

Quelle: zvg, Merian Verlag

 Cover, Oswald Inglin. Kennst Du das Basler Rathaus? 

Italien als Vorbild

Bereits der nach dem Erdbeben 1356 neu errichtete Vorgängerbau des heutigen Rathauses war gleich aufgebaut wie das heute noch bestehende Rathaus: Das Vorderhaus ist in die Häuserzeile mit mittelalterlichen und früh­neuzeitlichen Bürgerhäusern eingebunden.

Daran schliessen sich ein Hinterhaus sowie Verbindungsbauten an, die mehrere Höfe umfassen. Die Erdgeschosshalle ist offen und lehnt sich an die mittelalterlichen Kommunalpaläste des späten 12. und 13. Jahrhunderts in Italien an. Wichtig für die Bürger war die Freitreppe, von der aus die Ratsbeschlüsse verkündet wurden. Das zweite Obergeschoss wirkt mit seinen kleinen Kreuzstockfenstern eher verschlossen. Der abschliessende Zinnenkranz bezieht sich nach Meinung der Kunsthistoriker auf mittel­italienische Kommunalpaläste wie in Florenz und Siena. Dass die Zinnen seit 1509 mit den Wappen der eidgenössischen Stände geschmückt sind, verdeutlicht die aussenpolitische Allianz des wehrhaften Stands Basel.

In einem Punkt aber folgte das Basler Rathaus dem italienischen Typus über viele Jahrhunderte nicht: Es besass keinen Turm, denn der war in der Schweiz nicht üblich. Dabei waren auch in Basel im 13. Jahrhundert Wohntürme nach dem Vorbild der italienischen Geschlechtertürme vorhanden. Zweihundert Jahre später aber waren sie bereits wieder abgetragen. Nur einen kleinen Dachreiter erlaubte man sich beim Basler Rathaus dann doch. Bis bei der letzten Erweiterung vor gut hundert Jahren dann schliesslich nach langer Diskussion der heute so charakteristische Turm ergänzt wurde. Er hat kaum praktischen Nutzen, sondern eher repräsentative Funktion. (ava)

Quelle und empfehlenswerte Lektüre:

Martin Möhle: Das Rathaus in Basel.
ISBN 978-3-03797-133-8.
Verlag: Gesellschaft für Schweizerische
Kunstgeschichte. CHF 19, E-Book CHF 10.

Geschrieben von

Regelmässige freie Mitarbeiterin für das Baublatt. Ihre Spezialgebiete sind Raumplanung, Grünräume sowie Natur- und Umweltthemen.

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