10:45 VERSCHIEDENES

Oerlikon wird 150: Vom Kanonenbauer zum Hightech-Konzern

Teaserbild-Quelle: Baugeschichtliches Archiv, Fotograf unbekannt

Vom Reissverschluss über die von Emil Bührle geprägten Flugabwehrkanonen bis zu Hightech-Beschichtungen: Kaum ein Schweizer Industriekonzern hat sich in seiner 150-jährigen Geschichte so oft neu erfunden und umbenannt wie Oerlikon. Das Unternehmen entwickelte sich vom Maschinenbauer über einen Rüstungskonzern zum heutigen Spezialisten für Oberflächentechnologien.

Maschinenfabrik Oerlikon um 1902

Quelle: Baugeschichtliches Archiv, Fotograf unbekannt

Blick auf die Maschinenfabrik Oerlikon beim Bahnhof Oerlikon; das Backsteingebäude (links im Bild) in dem die Verwaltung untergebracht war, ist 2012 verschoben worden. - Die Aufnahme stammt von 1902.

Den Grundstein zum späteren Milliarden-Konzern legte der Zürcher Maschinenbauingenieur Peter Emil Huber-Werdmüller im Jahr 1876 mit der Gründung einer kleinen Werkzeug- und Maschinenfabrik im Zürcher Vorort Oerlikon. Damit begann eine 150-jährige Industriegeschichte, in deren Mittelpunkt stets technologische Innovationen standen.

Das junge Unternehmen stieg noch vor der Umbenennung in "Maschinenfabrik Oerlikon" (MFO) in die damals aufstrebende Elektrotechnik ein und wurde auch zur Talentschmiede der Schweizer Industrie. Der Ingenieur Charles Brown leitete die elektrotechnische Abteilung, zu seinen Mitarbeitern zählte Walter Boveri. Gemeinsam gründeten die beiden später bedeutenden Schweizer Industriepioniere 1891 Brown, Boveri & Cie (BBC), den Vorläufer des heutigen Industriekonzerns ABB.

Nach einer ersten Restrukturierung 1905/06 wurde die Werkzeugmaschinenproduktion in die Schweizerische Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (SWO) ausgelagert. Dort entwickelte Martin Othmar Winterhalter 1923 den von Gideon Sundbäck patentierten Reissverschluss zur Serienreife weiter und gründete mit Riri einen bis heute bekannten Reissverschlusshersteller.

Beteiligung am Flugzeughersteller Pilatus und Kanonen für die Nazi-Deutschland

Bereits 1911 hatte der Zürcher Ingenieur Max Ulrich Schoop mit der Erfindung des thermischen Spritzens den Grundstein für das heutige Beschichtungsgeschäft gelegt. Die SWO wurde 1924 vom gebürtigen Deutschen Emil Georg Bührle übernommen und auf die Produktion von Flugabwehrkanonen ausgerichtet. Die 20-Millimeter-Oerlikon-Kanone wurde weltweit verkauft und machte Bührle zu einem der reichsten Industriellen der Schweiz. Mit den Gewinnen baute er den Konzern aus, beteiligte sich an der Gründung des Flugzeugherstellers Pilatus, entwickelte den Wehrtechnikbereich Contraves weiter und investierte unter anderem in die Gerätebauanstalt Balzers sowie in Textilien, Immobilien, Hotellerie, Versicherungen und eine Privatbank.

Während des Zweiten Weltkriegs exportierte das Unternehmen auf Wunsch des Bundesrats auch nach Deutschland. Oerlikon belieferte zahlreiche Staaten, darunter sowohl die Alliierten als auch - zeitweise - das nationalsozialistische Deutschland.

Auch nach dem Krieg blieb das Rüstungsgeschäft ein zentraler Pfeiler. Bei Bührles Tod 1956 beschäftigte das Unternehmen mehr als 6500 Mitarbeitende, davon über zwei Drittel in den Bereichen Verteidigung und Luftfahrt. Sein Sohn Dieter Bührle führte den Konzern weiter. Er wurde 1970 wegen illegaler Waffenexporte nach Südafrika und Nigeria zu einer bedingten Freiheitsstrafe und einer Busse verurteilt.

Bei der ersten Mondlandung dabei

1973 brachte die Familie den Konzern als Oerlikon-Bührle Holding (OBH) an die Börse. Mit der Übernahme des Schuhherstellers Bally 1977 wuchs die Gruppe laut heutigen Angaben des Konzerns auf rund 32'000 Mitarbeitende an. Gemäss Historikern erreicht der Personalbestand der Oerlikon-Bührle-Gruppe mit 37'000 Beschäftigten in der Schweiz und im Ausland 1980 seinen Höchstwert. Die Gruppe gilt als grösste Industriefirma der Schweiz.

Ebenfalls Geschichte schrieb in dieser Zeit Balzers: 1969 kamen seine Dünnschichtbeschichtungen bei der ersten Mondlandung der US-Raumfahrtbehörde Nasa zum Einsatz, 1978 folgte mit Balinit eine bis heute eingesetzte Verschleissschutzbeschichtung. Auch in der Raumfahrt war Oerlikon ein wichtiger Zulieferer und lieferte unter anderem Nutzlastverkleidungen für die europäische Trägerrakete Ariane.

Das Ende des Kalten Kriegs leitete jedoch den Niedergang des Rüstungsgeschäfts ein. Hohe Verluste und interne Spannungen führten 1990 zum Rückzug von Dieter Bührle aus der Konzernleitung. Seine Schwester Hortense Anda-Bührle übernahm die Führung.

Verkauf von Bally und Pilatus

1994 übernahm Oerlikon-Bührle den Vakuumtechnikspezialisten Leybold und fusionierte ihn mit Balzers - und erfand sich nochmals neu. Ende der 1990er-Jahre trennte sich der Konzern schrittweise vom Rüstungs- und Raumfahrtgeschäft sowie von Bally und verkaufte auch den Flugzeughersteller Pilatus.

 Mit der Umbenennung in "Unaxis" im Jahr 2000 richtete sich der Konzern konsequent auf Hochtechnologie aus. Er beteiligte sich unter anderem am Hersteller von Chipfertigungsrobotern Esec, übernahm 2007 den Textilmaschinenhersteller Saurer und kehrte nach dem Ausstieg der Familie Bührle sowie dem Einstieg neuer Investoren zum Namen "OC Oerlikon" zurück.

Heute konzentriert sich das Unternehmen unter dem wieder auf "Oerlikon" verkürzten Namen auf Oberflächentechnologien, Hochleistungswerkstoffe und Polymerverarbeitung. Mit dem Verkauf des Textilmaschinengeschäfts Barmag schloss Oerlikon 2025 den Umbau zu einem auf diese Geschäfte spezialisierten Industriekonzern ab. Heute zählt der Konzern rund 10'000 Mitarbeitende und erwirtschaftet einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Franken. (Hintergrund von Valéry Jeanbourquin, AWP)

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