Studie: Wenn die Einkaufsstrasse wegen der Hitze zum heissen Pflaster wird
Wie wirkt sich ein Hitzesommer auf Shoppingmeilen aus? Antworten liefert eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts am Beispiel der Zürcher Bahnhofstrasse. Fazit: Obwohl weniger Menschen unterwegs sind, wird nicht weniger gekauft, der Konsum verlagert sich nur. Damit Einkaufsstrassen auch bei steigenden Temperaturen attraktiv bleiben, braucht es Anpassungen.
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Ob Kühle oder Hitze: Eingekauft wird eigentlich immer - aber nicht überall.
Am 30. Juli meldete Meteoschweiz einen Hitzerekord auf der Alpennordseite: “Heute Nachmittag stieg die Temperatur in Basel/Binningen auf 39.7 Grad", hiess es auf dem Blog des Wetterdienstes. Mittlerweile steht fest: Die Monate Juni, Juli und August waren die heissesten seit Messbeginn. Auch wenn die Hitzetage für dieses Jahr der Vergangenheit angehören, dürften mit den zunehmend wärmeren Temperaturen auch 2027 Temperaturrekorde aufgestellt werden.
Derartige Sommer bedeuten nicht nur ein Stresstest für Umwelt, Infrastruktur und die Gesundheit, sie verändern auch den Alltag. Während noch über den Einsatz von Klimaanlagen diskutiert und nach Lösungen für Kühlung in Schulzimmern oder Pflegeheimen gesucht wird, ist die Bevölkerung bereits daran, sich an das wärmere Klima anzupassen: Aktivitäten im Freien werden in die kühleren Abend- und Nachtstunden oder nach drinnen verlegt. Und dies wirkt sich wiederum auf den öffentlichen Raum aus: Wenn die Sonne am höchsten steht und auf den Asphalt brennt, verwaisen sonst stark frequentierte Strassen und Plätze.
Doch was bedeutet dies für den Konsum in der Stadt? Oder vielmehr: Wie wirkt sich dies auf die Shopping- und Flaniermeilen aus? Wie verändern sich die Frequenzen, wenn die Temperaturen steigen? Antworten auf solche Fragen liefert die Studie “Hotspot Innenstadt – Wenn unsere Einkaufstrassen zu heiss werden” des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.
Gefühlte 44 Grad auf der Zürcher Bahnhofstrasse
Für das Papier nahm das Team um Gian-Luca Scheidegger und Johannes C. Bauer vom GDI die Situation der Zürcher Bahnhofstrasse unter die Lupe. Sie gilt als eine der am stärksten frequentierten Einkaufsstrassen der Schweiz – 2025 sind auf ihr 14 Millionen Menschen unterwegs gewesen. Gleichzeitig ist hier die Wärmebelastung laut Studie stellenweise äusserst hoch: “In der Mitte der Bahnhofstrasse erreicht sie bis zu 44 Grad – gemessen als Physiologisch Äquivalente Temperatur (PET).” Bei PET handelt es sich um ein wissenschaftliches Mass für die gefühlte Temperatur im Freien, das neben Lufttemperatur auch Sonneneinstrahlung, Wind und Luftfeuchtigkeit im thermischen Empfinden eines durchschnittlichen Menschen miteinbezieht.
Für die Untersuchungen glichen die Studienautoren die Daten der Passantenzählungen von Stadtentwicklung Zürich und ihrem Technologiepartner Hystreet der Bahnhofstrasse mit den jeweiligen Wetterdaten ab. Berücksichtigt wurden dabei die Monate Juni, Juli und August der Jahre 2022 bis 2026. Für jeden Tag wurde die gemessene Anzahl Passanten und die Tageshöchsttemperatur ermittelt. Weil die Anzahl Menschen je nach Tag, Jahreszeit, Wetter, Sommerferien oder Grossanlass stark schwankt, wurden etwa Regenstunden, Wochentag oder Events wie die Streetparade, Sechseläuten oder Pride als Kontrollvariablen ergänzt.
Dabei zeigte sich: Ab 28 bis 30 Grad suchen klar weniger Leute die Bahnhofstrasse auf. Über dieser kritischen Schwelle sinkt laut Studie die tägliche Frequenz pro zusätzlichem Grad um rund 940 bis 1200 Passantinnen und Passanten. Bei einem Median 38’618 Passantinnen und Passanten von Montag bis Samstag entsprechen 1200 Menschen etwa 3 Prozent. Wird es noch wärmer, bleiben noch mehr Personen der Shoppingmeile fern: Bei 32 Grad sind es 6 Prozent weniger als sonst, bei 33 Grad sind es gar knappe 10 Prozent. - Selbst wenn Regentage oder Sommerferien ebenfalls für ein geringeres Passantenaufkommen sorgen: Auch nach Kontrolle dieser starken Kalender- und Wettereffekte sei der Hitzeknick bestehen geblieben, konstatieren die Studienautoren.
Mediterraner Tagesrhythmus an der Limmat?
Betrachtet man einen einzelnen, durchschnittlichen Hitzetag, lässt sich ein mediterraner Tagesrhythmus erkennen: Zwischen 9 und 11 Uhr unterscheidet sich ein Hitzetag kaum von einem Nicht-Hitzetag. Zwischen 12 und 16 Uhr ändert sich die allerdings, dann sind rund 2560 Passantinnen und Passanten weniger unterwegs, zwischen 17 und 19 Uhr sind es 1320 weniger. Zwischen 20 und 23 Uhr kehrt sich das Muster, dann erhöht sich die Frequenz um 330 – obwohl die Läden dann bereits geschlossen sind.
Für die Studie analysierten die Autoren auch noch aggregierte Zahlungsdaten - Kartenzahlungen und andere elektronische Zahlungsysteme - aus dem stationären Handel im Kanton Zürich. Dabei zeigte sich: Trotz Hitze wird nicht weniger Geld ausgegeben. Die Zahlungen sind gemäss Studie relativ konstant geblieben. “Hitze killt also nicht den Konsum, sondern verlagert ihn – weg von (hitze-)exponierten Einkaufsstrassen womöglich hin zu klimatisierten Innenräumen und Onlinehandel”, heisst es. Diese Interpretation untermauern auch Studien aus Seoul, auf welche die Autoren verweisen. Während eine Analyse von Transaktiondaten aus der südkoreanischen Metropole zeigt, dass der Konsum sich lediglich räumlich und nach Aktivitätstyp verlagert, zeigt eine weitere, dass extreme Hitze stationäre Umsätze gar steigern kann – wenn Läden auch als klimatisierte Rückzugsorte funktionieren.
Blick in den Süden - und in die Zukunft?
Sollen sich die Innenstädte mit ihren Einkaufsstrassen an den Klimawandel anpassen, dann könnte ein Blick in Regionen, in den Temperaturen über 31 Grad Alltag sind, helfen. Die Herausforderung bestehe nicht darin, die offene Innenstadt durch klimatisierte Innenräume zu ersetzen, sondern darin, die Offenheit auch unter heisseren Bedingungen zu wahren, heisst es in der Studie. “Städte wie Sevilla mit ihren verwinkelten Gassen und Innenhöfen demonstrieren derweil, wie man mit Hitze umgeht: Die hohen weiss getünchten Häuser reflektieren das Sonnenlicht und verschatten die Strassen, die zahlreichen Brunnen spenden Kühle”, so die Autoren. Die mediterrane Architektur und Lebensweise könne als Blaupause für die Entwicklung von Hitzeschutzkonzepten dienen. -Aber auch der Handel selbst müsste sich anpassen: Er habe sich mit seinen starren Öffnungszeiten noch nicht an die Veränderung der Stadtnutzung angepasst. “Grüne” und Blaue Infrastruktur müssen sich zu flexiblere Arbeits- und Öffnungszeiten gesellen”, so die Autoren.
Wie die Chancen dafür wohl stehen? “Siesta auch in Zürich?” fragen die Autoren am Ende der Studie. Der Gedanke möge zugegeben etwas anpassungsbedürftig erscheinen. “Doch die Mediterranisierung der Schweiz ist längst im Gang – das private Leben wird zunehmend nach Draussen in die Bars und Strassen verlagert. Das macht den Hitzeschutz zu einer öffentlichen Aufgabe.” (mai)
Die Studie kann auf der Website des GDI kostenlos heruntergeladen werden: https://gdi.ch/publikationen/studien/hotspot-innenstadt