14:07 VERSCHIEDENES

Nicht nur höhere Temperaturen verschieben die Baumgrenze

Teaserbild-Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_348-05116 / CC BY SA 4.10

Während weltweit 42 Prozent der Baumgrenzen aufwärts wandern, verschieben sich 25 Prozent abwärts. Ursache für diese gegensätzliche Entwicklung: das Zusammenwirken von Klimawandel und menschlicher Landnutzung. Dies ist das erstaunliche Fazit einer globalen Studie der Universität Basel.

Panorama bei bei Maniò di sopra im Bedretto-Tal.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_348-05116 / CC BY SA 4.10

Baumgrenze bei Maniò di sopra im Bedretto-Tal.

«Wenn man mit Menschen über Klimawandel redet, gibt es meist zwei Bilder: den Gletscherrückgang und die Verschiebung der Baumgrenzen», sagt Sabine Rumpf vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. Baumgrenzen würden oft nur dem Klimawandel zugerechnet, so die Wissenschaftlerin. « Aber so einfach ist es nicht. Während beim Schwinden der Gletscher klar der Klimawandel die Ursache ist, sind die Gründe bei den Baumgrenzen vielschichtiger», erklärt Rumpf.

Das zeigt auch die jüngst veröffentlichte, globale Studie Studie «Global elevational shifts and drivers of alpine treelines» der Universität Basel. Laut den Untersuchungen sind 42 Prozent der Baumgrenzen zwischen 2000 und 2020 bergauf gewandert, 25 Prozent bewegten sich derweil talwärts. Allein mit höheren Temperaturen lässt sich dies nicht erklären: Gemäss Studie prägen menschliche Eingriffe in die Landschaft – zum Beispiel eine veränderte Landnutzung –  die Entwicklung der Baumgrenzen ebenfalls.

Für die Studie nahm das Forschungsteam die Verschiebungen der tatsächlichen Baumgrenze anhand von Satellitendaten unter die Lupe und verglich sie mit der potenziellen Baumgrenze. Das heisst, welche Verbreitung in einer entsprechenden Region aufgrund der Temperaturen möglich wäre. Bei diesen Untersuchungen wurden Prozesse sichtbar, die sich über Jahrzehnte vollziehen. «Wie sich die Baumgrenzen verschieben, geschieht eher langsam», sagt Mathieu Gravey vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der sich an der Studie beteiligt hatte. «Wir bräuchten ein ganzes Leben, um die Veränderungen voll zu erfassen. »

Weidewirtschaft und Brände prägen die Baugrenze

Auch wenn die Temperatur grundsätzlich bestimmt, wo Bäume potenziell wachsen können, beeinflusst auch die menschliche Nutzung stark, wo sich Baumgrenzen tatsächlich befinden und wie sie sich verändern. So werden etwa in den europäischen Alpen hochgelegene Bergweiden zunehmend aufgegeben. Und wo die Weidewirtschaft zurückgeht, können Bäume wieder nachrücken. Die Folge: Die tatsächliche Baumgrenze kann steigen. «Es geht nicht darum, ob der alpine Raum genutzt wird, sondern dass sich die Nutzung verändert», meint Rumpf. «Je mehr Bergweiden aufgegeben werden, desto mehr wachsen Bäume dort, wo sie eigentlich früher schon hätten sein können.»

Und so verdeutlicht die Studie denn auch, dass umso intensiver eine Region historisch genutzt worden ist, dass der Einfluss von Landnutzungsänderungen umso grösser auf die heutige Baumgrenzendynamik ist. Temperatur und Landnutzung wirkten dabei oft gleich stark, schreibt die Universität Basel in ihrer Medienmitteilung.

Neben der Landnutzung spielen auch Brände eine Rolle: 38 Prozent der hangabwärts gerichteten Baumgrenzen-Verschiebungen können laut dem Forschungsteam mit Feuerereignissen in Verbindung gebracht werden. «Brände sind zwar ein Beispiel für natürliche Störungen», sagt Studienerstautor. Tianchen Liang von der Universität Basel. «Aber viele Waldbrände – etwa in Nordamerika – sind heute nicht mehr vollständig von menschlichen Einflüssen zu trennen. Der Klimawandel und menschliche Aktivitäten erhöhen ihre Frequenz und ihr Ausmass.» Dies verdeutliche, wie komplex die Zusammenhänge seien. «Es ist schwer, menschliche und natürliche Einflüsse und Auslöser voneinander zu unterscheiden.»

Ein Puzzleteil im Verständnis für den Klimawandel

Laut Liang und seinen Kollegen ist die Baumgrenze ein wichtiges, aber oft missverstandenes Signal im globalen Wandel. «Die Verschiebung der Baumgrenzen ist wie ein Teil eines grossen Puzzles, um den Einfluss des Klimawandels zu verstehen», sagt Mathieu Gravey. Und, wie Simone Rumpf betont, geht die Bedeutung der Baumgrenze über die Wissenschaft hinaus: «Baumgrenzen sind ein plakatives Beispiel dafür, wie wir als Menschen unsere Umwelt verändern, direkt durch Landnutzung und indirekt durch die Folgen des menschgemachten Klimawandels.» (mai/mgt)



Forschungsgruppe Sabine Rumpf

Viele globale Umweltveränderungen seien abstrakt und schwer greifbar. «Oft sind die Folgen unseres Handelns sehr weit entfernt von dem, was wir im Alltag tun. Wir treffen Entscheidungen in unserem Privatleben oder bei Wahlen – aber die Konsequenzen sind nicht unmittelbar sichtbar», sagt Rumpf. «Es ist extrem schwer, die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen direkt abzulesen.» Baumgrenzen seien hier eine Ausnahme. «Sie sind eine der wenigen Veränderungen, die intuitiv begreifbar sind. Auf Fotos von früher und heute lässt sich sofort erkennen, wie sich die Landschaft verändert.»

Gerade deshalb sei es wichtig, Baumgrenzen richtig zu interpretieren. Sie reagieren nicht nur auf steigende Temperaturen, sondern auf ein komplexes Zusammenspiel aus Klimawandel, Landnutzung und natürlichen Störungen wie Feuer. Die Studie macht deutlich: Wer die Folgen des globalen Wandels verstehen will, muss sowohl direkte menschliche Eingriffe – wie Landnutzungsänderungen zum Beispiel – als auch klimatische Veränderungen berücksichtigen, die ebenfalls durch menschliche Aktivitäten verursacht werden. Baumgrenzen sind damit kein reines Thermometer der Erwärmung – sondern Ausdruck vielschichtiger globaler Veränderungen. (mgt)

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