Neuartige Fassade kühlt Umgebung mit kleinen Pflanzen, Moosen und Ziegeln
Genügsame Pflanzen wie Storchenschnabel und Farne sowie Moose könnten zusammen mit einem neuartigen Ziegelfassadensytem bis zu vier Grad kühlen und gleichzeitig den Schall dämmen. Dies zeigt das Forschungsprojekt «GreenBrick» der Hochschule Luzern.
Quelle: HSLU
Eine ressourceneffiziente Fassadenbegrünung, die einen spürbaren Beitrag zur Lebensqualität in der Stadt leistet. Unter der Plastikabdeckung befindet sich die Technik für die Messungen.
Auch wenn Bäume als wirksamstes Mittel gegen Hitze gelten, mangelt es vor allem in dicht bebauten Quartieren häufig an den nötigen entsprechenden Flächen. Eine Alternative könnten begrünte Ziegelfassaden liefern. So sieht es ein Team der Hochschule Luzern aus den Bereichen Design, Gebäudetechnik, Bauingenieurwesen und Architektur.
Es hat hat zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie Unternehmen der Baubranche ein solches Fassadensystem entwickelt: «GreenBrick» kombiniert langlebigen Ton mit Moosen und Pflanzen, die gut mit Trockenheit klar kommen. Dies sorgt dafür, dass das Fassadensystem nur wenig Wasser und Pflege braucht. Darüber hinaus wurde es von Anfang an so angelegt, dass die Materialkreisläufe geschlossen und die einzelnen Teile wiederverwendet werden können. «Unser Ziel war eine ressourceneffiziente Fassadenbegrünung, die einen spürbaren Beitrag zur Lebensqualität insbesondere in der Stadt leistet», wird HSLU-Materialdesignerin Cornelia Kassler dazu in der Medienmitteilung zitiert.
Die Gedanken hinter dem System: Bauten aus Ziegel überstehen Jahrhunderte, die Zerfallsprodukte generieren keinerlei Schadstoffe. Zudem ist die Verwendung von Ton für Pflanzbehältnisse bereits bestens bekannt. Laut HSLU bildet dies eine ideale Kombination.
Moose speichern Wasser, grössere Pflanzen schützen sie
Quelle: HSLU
Für Insekten bietet es ein grosses Blütenangebot und es entstehen zusätzliche Mikrohabitate sowie vertikale Trittsteinbiotope.
Die Begrünung von «GreenBrick» besteht nebst Moosen konkret aus kleinwüchsigen Gefässpflanzen, wie Farn oder Storchenschnabel. Die Gewächse unterstützen sich gegenseitig: Während die Moose Wasser speichern und die Erde feucht halten, schützen die grösseren Pflanzen das Moos vor direkter Sonneneinstrahlung und somit auch vor dem Austrocknen. «Das System benötigt mit 1.3 Liter pro Quadratmeter und Tag weniger Wasser als bestehende Begrünungslösungen», erklärt Gassler. «Für die Bewässerung steht die Nutzung von Regenwasser im geschlossenen Kreislauf im Vordergrund, was aufgrund des geringen Wasserverbrauchs an vielen Orten auch gut umsetzbar ist und in Bezug auf Ressourcenverbrauch zusätzlich punktet.»
Dass es funktioniert zeigen Simulationen und Praxistests: Das System kann die Temperatur in unmittelbarer Nähe einer mit einer «GreenBrick» -Fassade versehenen Gebäudes um bis zu vier Grad Celsius senken. «Die Wirkung ist besonders in dicht bebauten und windarmen Stadträumen spürbar», sagt HSLU-Gebäudetechnik-Experte Markus Koschenz – also dort, wo sich sonst die Hitze am stärksten staut.
Neben der kühlenden Wirkung und dem geringeren Wasserverbrauch stellten das Team noch andere positive Effekte fest: Insekten profitieren von vielfältigen Blüten, auf der Fassade bilden sich zusätzliche Mikrohabitate und kleine vertikale Biotope. All dies ermöglicht es Vögeln und weiteren Kleintieren, sich zwischen Gebieten auszubreiten, was für die Biodiversität entscheidend ist. Gleichzeitig verbessern Form und Bepflanzung der Ziegelflächen den Schallschutz der Fassade. Vor allem Strassenlärm werde in der Nähe des Gebäudes gedämpft und dadurch als weniger laut wahrgenommen, schreibt die HSLU in ihrer Medienmitteilung.
«GreenBrick» ist modular und kann wieder verbaut werden
Quelle: HSLU
Als vorgehängtes Fassadensystem ist die Fassade einfach mit anderen vorgehängten Systemen wie zum Beispiel Solarpanels kombinierbar.
Ausserdem ist das System modular aufgebaut: Damit kann es zerstörungsfrei
rückgebaut oder auch nur teilweise ersetzt werden, womit sich einzelne
Bestandteile wieder verwenden lassen. Und weil sich bei «GreenBrick» um
ein vorgehängtes Fassadensystem handelt, lässt es sich laut seinen
Erfindern einfach mit anderen vorgehängten Systemen - etwa mit Solarpanels -
kombinieren. «Unsere begrünte Ziegelfassade eignet sich sowohl
für Neubauten als auch für die Nachrüstung bestehender Gebäude», sagt
Materialdesignerin Cornelia Gassler. So können auf südlich
ausgerichteten Flächen PV-Module genutzt werden und auf den schattigeren
Seiten die Grünflächen. «Dies ermöglicht auf allen Gebäudeseiten eine
optimale Nutzung der Sonneneinstrahlung.» (mgt/mai)
Forschungsprojekt «GreenBrick»
«GreenBrick» ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Hochschule Luzern, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie verschiedener Unternehmen aus der Bau- und Fassadenbranche. Ziel des von Innosuisse geförderten Projekts war die Entwicklung einer ressourceneffizienten, modularen und rückbaubaren Fassadenbegrünung mit positiver Wirkung auf Klima, Biodiversität und Lebensqualität in Städten. Dabei kommen Ziegel sowohl als Baumaterial der Fassade als auch als Träger für die Bepflanzung zum Einsatz. GreenBrick funktioniert nach dem Prinzip der Verdunstungskühlung. (mgt)
Weiterführende Information:
Hier gehts zum Prjoekt GreenBrick
Und hier zur interaktivien Quartierklimamodellierung