Luchse besiedeln das Schweizer Mittelland trotz grosser Gefahren
Der Luchs erobert das Schweizer Mittelland. Was lange als zu dicht besiedelt und zu stark zerschnitten galt, erweist sich laut einem neuen Bericht für die scheuen Grosskatzen als erstaunlich geeigneter Lebensraum.
Quelle: Marco Catocchia
Laut einem Bericht der Stiftung Kora findet in den südlichen Teilen des Mittellands eine fortschreitende Besiedlung durch den Luchs statt.
Die Stiftung Kora wertete für die am Mittwoch veröffentlichten Daten der Jahre 2020 bis 2025 aus GPS-Sendern, Fotofallen und genetischen Untersuchungen aus. Im südlichen Mittelland von Bern über Freiburg bis in die Waadt schreitet die Besiedlung demnach voran, wie aus dem Bericht hervorgeht. Insgesamt konnten im Studiengebiet 13 Luchse – acht Weibchen und fünf Männchen – mit GPS-Halsbändern ausgestattet und über mehrere Jahre verfolgt werden.
Das Mittelland biete trotz stark von Menschen geprägten Strukturen ausreichend Nahrung, Deckung und Rückzugsmöglichkeiten für Luchse, heisst es. So hätten hier mehrere Weibchen erfolgreich Nachwuchs aufgezogen. Eine Pionierin ist demnach das Luchsweibchen Mona: Bei ihr wurde bereits 2012 erstmals eine Fortpflanzung im Mittelland dokumentiert. Mona wurde im März 2025 erneut besendert und hat den Angaben zufolge noch mit 14 Jahren erfolgreich reproduziert.
Als Hauptbeute dienen den Luchsen im Mittelland das Reh. In den Nordwestalpen jagen Luchse hingegen häufiger Gämsen.
Verkehr als grösste Gefahr
Die grösste Bedrohung für die Luchse im Mittelland stellt gemäss dem Bericht der Verkehr dar. Vor allem junge Luchse, die ihr Revier verlassen und neue Gebiete suchen, geraten auf Strassen und Bahnlinien. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Tiere von Autos oder Zügen getötet.
Von neun markierten Jungtieren sendermarkierter Weibchen überlebten dem Bericht zufolge nur vier – rund 44 Prozent – bis zur Selbstständigkeit, was im Mittel der übrigen Schweizer Luchspopulationen liegt. Als wichtige Verbindungsachsen für die Tiere gelten laut Kora bewaldete Flussläufe wie der Sensegraben bei Schwarzenburg; Grünbrücken über Autobahnen könnten zudem helfen, das Kollisionsrisiko zu vermindern.
Auch Störungen durch Menschen können sich negativ auswirken. So führten Holzarbeiten während der Aufzuchtzeit in einem Fall zum Verlust von Jungtieren, da das Weibchen ihren Wurfplatz verlassen musste. Luchsinnen im Mittelland seien potenziell durch Forstarbeiten in der Brut- und Setzzeit und andere durch den Menschen verursachte Störungen stärker betroffen als in den Alpen, wo Wurfplätze oft in sehr unzugänglichem Gelände liegen.
Quelle: Stiftung Kora, BAFU, Kantone, Swisstopo
Die Telemetrie-Senderdaten des im Jahr 2025 2-jährigen Luches «BABU» zeigen, dass der Luchs die Überquerung der A1 bei Lully (FR) genutzt hat.
Langsamer genetischer Austausch
In der Schweiz gibt es drei Luchspopulationen: die Jura-, die Nordost- und die Alpenpopulation. In den Jahren 2024/2025 wurde die Anzahl Luchse insgesamt auf 364 geschätzt.
Das Mittelland bietet dem Bericht zufolge die grosse Chance, die genetisch verarmten und weitgehend isolierten Luchspopulationen der Alpen und des Juras zu vernetzen. Eine genetische Analyse von 70 im Mittelland nachgewiesenen Individuen bestätigte, dass sich dort Tiere aus beiden Herkunftsregionen treffen.
Es kam bereits zu Verpaarungen zwischen Luchsen aus den Alpen und dem Jura. Der genetische Austausch schreitet jedoch nur langsam voran. Dies liegt an der hohen Sterblichkeit, die dazu führt, dass viele eingewanderte Tiere oder deren Nachkommen nicht lange genug überleben, um sich fortzupflanzen. (sda/mgt/pb)