19:03 VERSCHIEDENES

Blick in die Klimageschichte: Wenn Gesellschaften resilent sind

Teaser-Quelle: Pieter Bruegel

Klimawandel auch als Chance? Frühere Gesellschaften waren zum Teil sehr erfolgreich darin, sich an die veränderten Temperaturen anzupassen. Manchmal profitierten sie sogar. Dies geht aus Untersuchungen eines deutsch-amerikanischen Forschungsteams hervor.

Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle, Pieter Bruegel, um 1565

Quelle: Pieter Bruegel

Eisiges Wintervergnügen im 16. Jahrhundert in den Niederlande: Als Pieter Bruegel der Ältere (1525/30-1569) diese Winterszene malte, hatte die Kleine Eiszeit eben begonnen.

Steigende Meeresspiegel, schwindende Gletscher, je nach Region heftigere Niederschläge oder längere Hitzeperioden. Mit den zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels stellt sich vermehrt die Frage, wie die Menschen in der Vergangenheit mit sich verändernden klimatischen Bedingungen umgegangen sind.

Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung im Fokus

Zur Beantwortung dieser Frage hat ein deutsch-amerikanisches Forschungsteam aus Archäologen, Geographen, Historikern und Paläoklimawissenschaftlern einen Ansatz entwickelt, der die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft in den Fokus stellt. Dies, um zu verbindlicheren Erkenntnissen zu gelangen, wie sich Klimaveränderungen tatsächlich ausgewirkt haben, und um zu vermeiden, dass vorschnelle Urteile Untersuchungsergebnisse verzerren.

Um den Ansatz zu erproben, nahm das Team zwei der am häufigsten untersuchten Klimaveränderungen unter die Lupe: die spätantike Kälteperiode im 6. Jahrhundert und die sogenannten Kleine Eiszeit, die zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert stattfand. Dabei wurde deutlich, dass sich die Gesellschaften an die veränderten Gegebenheiten anpassen konnten, obwohl sie in den beiden Phasen zum Teil stark vom Klima betroffen waren. Bei ihren Untersuchungen identifizierten die Wissenschaftler fünf Erfolgsstrategien:

  • Ergreifen neuer sozioökonomischer Möglichkeiten
  • Nutzen von robusten Energiesysteme
  • Generieren von Ressourcen mittels Handel
  • Politisch effektiv auf natürliche Extremereignisse reagieren
  • Migration

Oströmisches Reich: Dämme und Wasser für die Landwirtschaft

Ein Beispiel hierfür ist die Reaktion der Menschen der Spätantike im östlichen Mittelmeeraum auf ein kühleres Klima:  Hier gab es vom fünften bis in die Kälteperiode im 6. Jahrhundert erhöhte Winterniederschläge, dies belegt eine Rekonstruktion unter anderem anhand von See-Sedimenten und Mineralablagerungen in Höhlen. Im Zuge dessen florierte der Getreideanbau und die Weideviehhaltung, wie Pollendaten und archäologische Geländeuntersuchungen zeigen. Parallel dazu nahmen die Siedlungen an Fläche zu und verdichteten sich.

Derweil ermöglichte das Besteuerungssystem des Oströmischen Reichs einen einfachen Warenaustausch zwischen feuchten und trockeneren Regionen, sodass die Verbraucher von den Vorteilen der erhöhten landwirtschaftlichen Produktion profitieren konnten. Währenddessen investierten die Eliten in eine marktorientierte Landwirtschaft. Und sie finanzierten in eher trockenen Gebieten wie der Negev-Wüste den Bau von Dämmen und anderen Infrastrukturen, die für genügend Wasser für die Landwirtschaft sorgten.

Niederlande: Unabhängig mit Hilfe von Überschwemmungen

In der kleinen Eiszeit im 16. und 17. Jahrhundert war das Klima in den Niederlanden deutlich nasser als zuvor, zudem wurde das Land häufiger von Hochwassern heimgesucht. Dies wiederum half den Niederländern im Kampf um die Unabhängigkeit von der spanischen Krone: Für die belagernden Armeen wurde es komplizierter, die Städte mit behelfsmässigen Befestigungen zu umgeben. Und die Rebellen konnten gezielt Überschwemmungen zur Verteidigung nutzen. 1581 ging aus der Rebellion die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen hervor, wodurch die Niederlande in der Folgezeit zur einer ökonomischen, kulturellen und politischen Grossmacht wurden.

«Diese Erfolgsgeschichten zeigen, dass ungünstige klimatische Bedingungen nicht zwangsläufig zu Zusammenbruch oder sozialer Not führen müssen», kommentiert der an dem Projekt beteiligte Historiker Adam Izdebski vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena diese Erkenntnisse. «Diese gut organisierten und einfallsreichen Gesellschaften waren in der Lage, sich anzupassen und die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Angesichts der für das 21. Jahrhundert vorhergesagten zunehmenden Trockenheit in diesem Teil der Welt müssten die heute erforderlichen Anpassungsmassnahmen natürlich anders und viel ehrgeiziger sein, was die Notwendigkeit unterstreicht, die CO2-Emissionen so schnell wie möglich massiv zu senken. (mai/mgt)

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