19:06 VERSCHIEDENES

Dürre im Irak: Mosul-Stausee gibt 3400 Jahre alte Stadt frei

Teaserbild-Quelle: Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Wegen der extremen Trockenheit im Irak ist der Wasserspiegel im Mosul-Stausee so stark gesunken, dass er die Überreste einer 3400 Jahre alten Stadt freigegeben hat. Laut dem deutsch-kurdischen Archäologenteam, das sie untersucht hat, könnte es sich bei der grossflächigen Stadtanlage mit Palast und weiteren grossen Bauten um die Metropole Zachiku handeln, die ein wichtiges Zentrum des Grossreichs von Mittani gewesen sein dürfte.

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Quelle: Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Anfangs Jahr gab der tiefe Pegel des Mosul-Stausees die Überreste einer 3400 Jahre alten Stadt frei.

Als eines der weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder leidet der Irak seit Monaten vor allem im Süden unter extremer Trockenheit. In dieser Region befindet sich der Mosul-Stausee, eines der wichtigen Wasserreservoire des Irak. Um die Felder zu bewässern und so die Ernte zu retten, sind hier seit Dezember grosse Mengen von Wasser abgelassen worden. In der Folge ist am Rand des Sees, bei Kemune in der Region Kurdistan des Irak, eine ausgedehnte Stadtanlage wieder an die Oberfläche getreten. Die Metropole wird auf die Zeit des Grossreiches von Mittani (ca. 1550–1350 v. Chr.) datiert, das damals weite Teile Nordmesopotamiens und Syriens kontrollierte.

Sie ist vor Jahrzehnten mit dem Bau des Sees geflutet worden – und konnte damals nicht archäologisch untersucht werden. - Nachdem die Stadtanlage nun wieder ans Tageslicht gelangt war, galt es zumindest Teile davon schnellstmöglich freizulegen und zu dokumentieren, bevor sie abermals im See versinkt.

Rettungsgrabung unter grossem Zeitdruck

Die Archäologen Hasan A. Qasim, Direktor der Kurdistan Archaeology Organization (KAO), die Ivana Puljiz von der Universität Freiburg und Peter Pfälzner von der Universität Tübingen beschlossen deshalb, eine gemeinsame Rettungsgrabung in Kemune vorzunehmen. Dies berichtete dieser Tage die Universität Tübingen in einer Medienmitteilung. Das deutsch-kurdische Team sei bei den Ausgrabungen unter „immensem Zeitdruck“ gestanden, weil nicht klar war, wann das Wasser im See wieder ansteigen würde. - Die Grabung haben im Januar und Februar stattgefunden und sind in Zusammenarbeit mit der Antikendirektion Dohuk, Region Kurdistan-Irak, durchgeführt worden.


Dem Forschungsteam ist es gelungen, den Plan der Stadt weitgehend zu rekonstruieren. Neben einem Palast – dieser war bereits 2018 erfasst worden -  konnten verschiedene weitere Grossbauten freigelegt werden. Dabei handelte es sich um eine massive Befestigungsanlage mit Mauer und Türmen, um ein monumentales, mehrstöckiges Lagergebäude sowie ein industrieller Komplex.  Wie Puljiz erklärt, ist vor allem das Lagergebäude ist von besonderer Bedeutung, weil darin enorme Mengen an Gütern gelagert worden sein müssen, die wahrscheinlich aus der gesamten Region herbeigeschafft worden sind.  „Die Ausgrabungsergebnisse zeigen, dass der Ort ein wichtiges Zentrum im Mittani-Reich war“, ergänzt Hasan Qasim.

Besonders erstaunlich sei, dass die Mauern dieser Gebäude sehr gut, manchmal mehrere Meter hoch, erhalten seien, und dies obwohl es sich um Bauten aus ungebrannten Lehmziegeln handle, die über 40 Jahre lang unter Wasser lagen, so das Forschungsteam. Die Archäologen vermuten, dass es daran liegt, dass die Stadt gegen 1350 v. Chr. von einem Erdbeben heimgesucht und dabei zerstört worden ist. Dabei begruben die einstürzenden oberen Teile der Mauern die Gebäude unter sich.

Fünf Keramikgefässe und 100 Keilschrifttafeln

 

Keilschrifttafeln

Quelle: Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Eines der Keramikgefässe mit Keilschrifttafeln, darunter eine Tontafel noch in ihrem originalen Umschlag aus Ton

Eine wichtiger Fund sind fünf Keramikgefässe, in denen ein Archiv aus über 100 Keilschrifttafeln lagerte. Sie stammen laut dem Forschungsteam aus mittelassyrischer Zeit, kurz nachdem die Erdbebenkatastrophe die Stadt zerstört hatte. Einige der Tontafeln – vermutlich sind es Briefe   stecken sogar noch in ihren Umschlägen aus Ton. Von dieser Entdeckung erhofft sich das Forschungsteam Aufschlüsse über das Ende der Stadt und den Beginn der assyrischen Herrschaft in dieser Region. „Dass die Keilschrifttafeln aus ungebranntem Ton so viele Jahrzehnte unter Wasser überdauert haben, grenzt an ein Wunder“, sagt Peter Pfälzner. 

Damit weitere Schäden an der Ruinenstätte verhindert werden können, sind die ausgegrabenen Gebäude im Rahmen einer umfangreichen Konservierungsmassnahme vollständig mit enganliegender Plastikfolie umkleidet und mit Kiesschüttungen bedeckt worden. Auf diese Weise  sollen die Mauern aus ungebranntem Lehm und eventuelle weitere in den Ruinen noch verborgene Funde vor dem Wasser geschützt werden. – Mittlerweile ist der Fundort wieder vollständig überflutet. (mgt/mai)

Schutz aus Plastikfolien

Quelle: Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Nach Abschluss der Arbeiten des Forschungsteams wird die Ausgrabung mit Plastikfolie grossflächig abgedeckt, um sie vor dem ansteigenden Wasser des Mosul-Stausees zu schützen.

Der Mosul-Stausee

Mosul-Stausee aus dem Orbit

Quelle: Nasa

Der Mosul-Stausee aus dem Orbit gesehen, im Jahr 2019. Die Überreste der antiken Stadt befinden sich am Nordufer des Stausees, ziemlich genau in der Mitte.

Der Mosul-Stausee respektive die Mosul-Talsperre ist zwischen 1985 und 1989 erbaut worden. Sie hat eine Höhe von 135 Metern, eine Länge von 3600 Metern, der Sockelfuss weist ein Durchmesser von 700 Metern auf. Der See erstreckt sich über 371 Quadratkilometer und hat ein Fassungsvermögen von rund 12.5 Milliarden Kubikmetern.

Als grösster Stausee im Irak und mit dem Tigris als Abfluss ist er für die Region von strategischer Bedeutung, weil sich über ihn Strom- und Wasserversorgung entlang des Tigris kontrollieren lassen. Ein Wasserkraftwerk versorgt laut Wikipedia 1.7 Millionen Einwohner mit Strom. (mai)


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