11:14 VERSCHIEDENES

Blick in die Vergangenheit: Die Flughafenregion Zürich von einst

Geschrieben von: Claudia Porchet (cet)
Teaserbild-Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv  / Stiftung Luftbild Schweiz  Fotograf: Walter Mittelholzer  LBS_MH03-1593 / Public Domain Mark

Die Flughafenregion Zürich (FRZ) ist heute nicht nur schlagkräftig in Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Auch in der Vergangenheit gibt es einiges zu entdecken: Zum Beispiel drei Pioniere, die in drei ganz verschiedenen Bereichen Innovatives geleistet haben: der Ingenieur Gerhard Müller, der Chemiker Alfred Kern und Jacob Gujer, genannt «Kleinjogg».


Gerhard Müller

Gerhard Müller

Quelle: Photographer unknown; published in The New Zealand Graphic and Ladies Journal, 17 June 1899 / Wikimedia Commons

Weltberühmt wurde Gerhard Müller durch die Erfindung der «Müller-Klemme».

Das war nicht immer so. Blicken wir ins neunzehnte und achtzehnte Jahrhundert zurück – erstaunlich, welche eindrücklichen Persönlichkeiten man kennenlernt: zum Beispiel den Ingenieur Gerhard Müller, der in Dietlikon geboren wurde. Im Jahr 1932, da war er gerade einmal 17 Jahre alt, konstruierte er aus alten Motorradteilen seinen ersten Skilift, welcher auf dem Albispass installiert wurde. Später liess er sich sein Konstruktionsprinzip patentieren.

Im Jahr 1947 gründete Müller in Dietlikon die Maschinenfabrik «Gerhard Müller Dietlikon» (GMD), die sich in der Folge zu einem der weltweit bedeutendsten Produzenten von Skiliften, Sesselbahnen und Gondelbahnen entwickelte. Weltberühmt wurde Gerhard Müller durch die sogenannte Müller-Klemme.

Die Müller-Klemme war das zentrale Bauteil für Seilbahnumlaufbahnen, eine der ersten automatisch betätigten kuppel­baren Seilklemmen für Umlaufseilbahnen, welche vom Schweizer Ingenieur gegen Ende der Neunzehnhundertvierzigerjahre entwickelt wurde.

Im Gegensatz zu der damals bei Gondelbahnen üblichen Trennung zwischen Tragseil und Zugseil kamen mit der Müller-Klemme ausgestattete Bahnen mit le­diglich einem einzigen Drahtseil aus. Die Klemme ermöglicht es, die Kabine oder den Sessel in der Station automatisch vom Seil zu lösen und zu verlangsamen und somit den Fahrgästen einen bequemen Einstieg zu ermöglich, ohne die Geschwindigkeit des Förderseils und damit der restlichen Bahn zu vermindern.

Müllers zahlreiche Erfindungen und Neuentwicklungen zeichneten sich einerseits durch ein hohes Mass an Pragmatismus aus, waren andererseits gleichzeitig geprägt von seiner stetigen Suche nach einer mechanisch perfekten Lösung. Dabei hat er durch Standardisierung von Komponenten erhebliche Kostenvorteile gegenüber seinen Konkurrenten erzielt.

Im Rahmen eines philanthropischen Engagements finanzierte, konstruierte und installierte Müller auf eigene Initiative im Jahr 1958 eine Belüftungsanlage für den überdüngten Pfäffikersee. Die Belüftung steht in stark veränderter Form bis heute im Einsatz.

Gerhard Müller Gondel

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich / Bildarchiv  Bild: Hans Witschi, 1973  Com_L22-0846-0106/CC BY-SA 4.0

Die Versuchsanlage für den Aerobus stand auf dem Areal der Kiesgrube zwischen Bassersdorf und Dietlikon.


Alfred Kern

Alfred Kern zirka 1890

Quelle: Novartia

Der Chemiker Alfred Kern entwickelte neue Verfahren zur industriellen Herstellung von Phosgen und dessen Verwertung für Farbstoffsynthesen.

Alfred Kern wurde 1850 in Bülach geboren. Er absolvierte die Industrieschule in Zürich, anschliessend forschte er als Chemiestudent am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. 1874 promovierte er an der deutschen Universität Giessen, später arbeitete er in Basel.

Schon in den ersten Jahren seines Wirkens an der Rheinstadt macht er erste Erfindungen, die seinen Namen und den der Firma in der einschlägigen Fachwelt bekannt machen. Bewundert wird insbesondere sein goldglänzendes «grosskristallisiertes Violett». Dafür muss er für die industrielle Herstellung zuerst einmal ein sicheres Verfahren konzipieren, weil er für die Produktion das giftige und unter den damaligen Laborverhältnissen hochgefährliche Phosgen benötigt. Dieses Gas siedet bereits bei plus acht Grad Celsius. Dass ihm dieses Unterfangen glückte, bedeutet für die damals zur Verfügung stehende, bescheidene Technik eine Meisterleistung – und hätte gut und gern den Chemie-Nobelpreis verdient, wenn es diesen denn schon gegeben hätte.    

Anfang der achtzehnachtziger Jahre gelangen ihm mehrere für die technische Chemie wertvolle Erfindungen. Sein Verfahren zur industriellen Herstellung von Phosgen und dessen Verwertung für Farbstoffsynthesen gaben der Farbenchemie neue, lange nachwirkende Impulse. 1886 gründete er zusammen mit Edouard Sandoz die Farbenfabrik Kern & Sandoz in Basel (die spätere Sandoz AG), die dank der Farbstoffentwicklungen von Alfred Kern einen raschen Aufschwung nahm.

Alfred Kerr Basel 1919 Sandoz

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv  / Stiftung Luftbild Schweiz  Fotograf: Walter Mittelholzer  LBS_MH03-1593 / Public Domain Mark

Basel, St. Johann, Hüningerstrasse, Voltastrasse, Lothringerstrasse, Gaswerk und Sandoz. Bild zwischen 1918 und 1933 entstanden.


Jacob Gujer, der «Kleinjogg»

Kleinjogg Jakob Gujer von Wermatschwil

Quelle: Illustration © Zentralbibliothek Zürich / Kupferstich von Daniel Nikolaus Chodowiecki, 1775

Seine klugen und innovativen Bewirtschaftungsmethoden machten «Kleinjogg» bekannt.

Jakob Gujer, genannt «Kleinjogg», begraben im Jahr 1785 in Rümlang, war ein Bauer und Reformer der Landwirtschaft. «Kleinjogg» stammte aus einer bäuerlichen Grossfamilie. Er hatte insgesamt sieben Geschwister, welche teilweise bereits im Kleinkindalter verstarben. Sein Vater starb, als Jakob sechs Jahre alt war. «Kleinjogg» fiel durch seine klugen und innovativen Bewirtschaftungsmethoden auf. 1761 veröffentlichte der Arzt Hans Caspar Hirzel die berühmte Schrift «Die Wirtschaft eines philosophischen Bauers» und machte Gujer damit weit über die Grenzen der Eidgenossenschaft hinaus bekannt. 1769 überliess ihm die Stadt Zürich den vernachlässigten Lehnshof «Katzenrüti» in Rümlang zur Bewirtschaftung. Dort richtete er einen Musterlandwirtschaftsbetrieb ein. Insbesondere trat er für eine Rationalisierung der bäuerlichen Arbeit und damit verbunden eine Intensivierung der Produktion ein. Er erreichte dies durch eine verbesserte Düngung, indem er dem Hofmist Torfasche und Kompost zugab.

Ferner verbesserte er den Anbau von Futterpflanzen. Er baute Klee an, mit dem sich mehr Kühe füttern liessen, womit auch mehr Mist und Jauche für die Düngung abfiel. Ferner erkannte «Kleinjogg» die Bedeutung der Kartoffel als zentrales Volksnahrungsmittel. Fruchtwechsel und Drainage waren weitere Themen, mit denen sich der innovative Bauer befasste.

«Kleinjogg» gilt als Wegbereiter der modernen Landwirtschaft. Durch die von ihm initiierten Bauerngespräche zwischen Städtern und Bauern kam er mit zahl­reichen berühmten Persönlichkeiten in Kontakt. Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe besuchte ihn zweimal, zuerst 1775 und ein zweites Mal 1779 zusammen mit Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach.


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Die FRZ Flughafenregion Zürich veröffentlicht am 24. Mai 2024 gemeinsam mit dem Baublatt eine Sonderausgabe. In Fachbeiträgen werden unter anderem laufende oder geplante Projekte vorgestellt und die aktuelle Situation der Region beleuchtet. Alle Beiträge des Hefts werden in unserem Dossier «Die Flughafenregion Zürich im Fokus» gesammelt.

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Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Claudia Porchet ist Philologin und interessiert sich für Architekturgeschichte, Kunst am Bau und Design. Ebenso begeistern sie neue Forschungsresultate aus allen Bereichen. Zudem ist sie für die Kolumnen zuständig und steht deshalb in Kontakt mit allen grossen Verbänden.

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