Ausstellungstipp: Opulenter Wohnen in der Spätantike
Oft existieren von den Wohnräumen der Spätantike nur noch die Grundmauern. Dies gilt nicht im trockenen Wüstenklima Ägyptens: Hier haben sich prächtige Zeugnisse textiler Innenausstattung erhalten. Ihnen widmet die Abegg-Stiftung ihre Sonderausstellung und erzählt mit Wandbehängen, Decken und Polstern von einer opulenten Wohnkultur.
Quelle: Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)
In einer Bogennische erscheint eine tanzende und musizierende Mänade, eine der Begleiterinnen des Gottes Dionysos. Szenen, die den Gott des Weines und der Ekstase zusammen mit seinem Gefolge bei ausgelassenen Festlichkeiten zeigten, waren unter den mythologischen Darstellungen besonders beliebt. (Ägypten, 4.–5. Jahrhundert; Wirkerei, Leinen und Wolle; Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1637)
Ruhebetten, Speiseliegen, kleine runde Tische ergänzt von ein paar Sesseln und Wandschränken, aus Holz, Stein oder Bronze: Die Wohnungen der spätantiken Oberschicht waren eher schlicht möbliert. Prächtig waren sie dennoch: Neben Marmoreinlagen, Wandmalereien und Mosaiken sorgten vor allem kostbare Textilien wie grossformatige Wandbehänge, Polster aus gemusterten Wollgeweben oder luftige Vorhänge für eine luxuriöse Atmosphäre.
Und sie boten nebenbei im wörtlichen Sinne Stoff für Gespräche, im Gegensatz zu heutigen Textilien für Interieurs waren sie mit figürlichen Darstellungen geschmückt: Meeresgeister, Satyrn und Mänaden und der Hirtengott Pan mit einer Kitharaspielerin (Bild links) bevölkern zwei Zierstreifen im ersten Teil der Ausstellung. Diese Wirkereien sind Reste grosser Wandbehänge. Obwohl in Ägypten ab dem 4. Jahrhundert das Christentum als Staatsreligion weit verbreitet war, blieben Götter und Helden im Privatleben allgegenwärtig. Sie waren Identifikationsfiguren oder Vorbilder und zeugen damit auch vom Wunsch nach einem guten Leben.
Ausufernde Fest, Kentauren und Co,
So vielfältig und zahlreich, wie Gottheiten, Fabelwesen wie etwa Kentauren und Helden in den Wohnräumen zugegen waren, so eindeutig war die Beliebtheit von Dionysos, dem Gott der Feste, des Weines und der Ekstase. Davon zeugen auch Bildwirkereien mit ausgelassenen Festgesellschaft bei Musik und Tanz. Auch wenn sich solche Wandbehänge meist nicht als Ganzes erhalten geblieben sind, gibt es eine Reihe von überlieferten Fragmenten. Sie belegen, wie populär das Thema in der Ausstattung der Häuser damals gewesen ist.
Ein weiteres häufiges Sujet war die Natur. Hatten doch die Jahreszeiten, aber auch Naturgewalten damals grossen Einfluss auf den Alltag. Meist wurden die vier Elemente, die Jahreszeiten oder die zwölf Monate als menschliche Figuren dargestellt. Das zeigt der Monatsbehang oder vielmehr Fragmente davon. – Sie erzählen von der Hoffnung auf eine reiche Ernte und auf eine immerwährende Wiederkehr des Glücks.
Quelle: Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)
Der Wandbehang zeigt das Jägerpaar Meleager und Atalante. Der Überlieferung zufolge besiegten sie gemeinsam den kalydonischen Eber, ein gewaltiges Ungeheuer. (Ägypten, Ende 4.–Anfang 5. Jahrhundert, Wirkerei, Leinen und Wolle, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1100)
Allerdings sind nicht nur der Bildinhalt, sondern auch die Materialien und ihre kunstfertiger Einsatz von Bedeutung. Ein solches Meisterwerk ist der Wandbehang mit dem Jägerpaar Meleager und Atalante: Er wurde aus feiner Wolle in mehr als dreissig verschiedenen Farbtönen gewirkt. Nur schon das Färben der Garne war kostspielig, was sich nur die wenigsten leisten konnten. Die Textilien entsprachen damit in ihrem Wert modernen Luxusgütern – sie waren sichtbare Zeichen für Macht und Reichtum sowie für die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite.
Räume isolieren und abtrennen
Der Zweck der Textilien ging jedoch weit über die Dekoration der Räume hinaus: Bereits bei der Herstellung wurden die Materialien und Techniken sorgfältig auf den späteren Verwendungszweck abgestimmt: Die grossen Wandbehänge aus Leinen und Wolle schützten vor Kälte, waren jedoch recht steif und unbeweglich. Für Bezugsstoffe von Polstern verwendete man meist Wollgewebe; Sie waren weich und trotzdem strapazierfähig. Und die Vorhänge dienten in spätantiken Häuser nicht nur als Sichtschutz oder zur Regulierung von Licht und Luft, sondern wurden auch zur Abtrennung von Räumen verwendet. Bei diesen Stoffen war der Leinengrund in der Regel nur mit kleinen Motiven aus Wolle versehen, sodass sie leicht, flexibel und lichtdurchlässig blieben.
Quelle: Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)
Der in fünf schmale Bänder unterteilte Ornamentstreifen mit Weinranken gehörte zu einem Wandbehang, der Dionysos und sein Gefolge zeigte. Der Streifen befand sich ursprünglich zwischen den Figuren. (Ägypten, Mitte 4.–Anfang 5. Jahrhundert; Wirkerei, Leinen und Wolle; Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 5422)
Eine Besonderheit sind sogenannt reservetechnisch gefärbte Stoffe:
Dabei wird ein Leinengewebe mit einer Paste aus Harz und Wachs bemalt
und anschliessend in ein Färbebad getaucht. Die Paste verhindert, dass
der Farbstoff an den bemalten Stellen in die Gewebefaser eindringt. Nach
dem Trocknen wurde die Paste wieder entfernt, wodurch die hell
ausgesparte Darstellung auf dem gefärbten Hintergrund erscheint. Auf
diese Weise wird das Motiv auf beiden Seiten des Stoffes sichtbar, womit
er sich besonders eignet, um frei im Raum zu hängen und einen Bereich
abzutrennen.
Federpolster, ein Statussymbol?
Um bei
Gastmählern weich zu liegen, bettete man sich auf grossformatige
Polster. Ein solcher Stoff wird in der Ausstellung ebenfalls
präsentiert, er ist mit Löwen, Tigern und verschiedenen Fabelwesen
geschmückt. Auf seiner Rückseite haben sich zudem Reste von Federn
erhalten: Federfüllungen sorgten nicht nur für Bequemlichkeit, sondern
waren wohl auch ein Statussymbol, ein Zeichen von Luxus. (mgt/mai)
Die
«Ausstellung Zuhause in der Spätantike – Textile Innenausstattung des
4.–7. Jahrhunderts» läuft bis 8. November. Weitere Informationen über
nebenstehenden QR-Code oder auf www.abegg-stiftung.ch.
Quelle: Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Foto: Christoph von Viràg)
Der Ausschnitt aus einem Zierstreifen eines Wandbehangs zeigt im oberen Quadrat einen Mann, der auf einem Seeungeheuer reitet. Er spielt ein antikes Saiteninstrument, die Kithara. Darunter ist ein Kentaur im Galopp dargestellt. (Ägypten, 4.–6. Jahrhundert, Wirkerei, Leinen und Wolle, Abegg-Stiftung, Inv. Nr. 1385)