08:12 SWISSBAU

Buchtipp: Architektur im Zeitalter der Automatik

Geschrieben von: Robert Mehl (rm)
Teaserbild-Quelle: Gilles Retsin Architecture

Ein kürzlich erschienenes Buch beschäftigt sich mit dem aktuellen Stand des automatisierten Bauens. Die Autoren setzen sich darin mit dem Status quo, frühen Denkansätzen und einer möglichen Entwicklung unter Einbindung von künstlicher Intelligenz auseinander.

«Automation instead directs us to a point on the horizon: the obsolescence of labour.» Dieser Satz umschreibt in einer sehr sinnfälligen Weise das Wesen und den Charakter des Buches «Robotic Building - Architecture in the Age of Automation». Betrachtet man das wissenschaftliche Buchkonzept und die Verlagsausrichtung der Münchener «Edition Detail» dann erwartet der Leser ein Werk, das eher nüchtern den Ist-Zustand des computergestützten, automatisierten Bauens beschreibt.

Das ist es auch – und doch viel mehr: Es reiht gegenwärtige Projekte und Initiativen in eine globale Zeitleiste ein, die nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg oder gar erst in den 1980er-Jahren beginnt. Der eingangs zitierte Satz weist auch auf den Umstand hin, dass dieses durchaus sehr philosophische Buch trotz seines deutschen Verlages auf Englisch erschienen ist und die darin publizierten Essays zwar in ihrer Anlage gut verständlich sind, aber keine leichte Kost darstellen.

Das Autorenkollektiv, das sich am Buchende selbst als solches definiert, bestehend aus Mollie Claypool, Manuel Jimenez Garcia, Giles Retsin und Vincente Soler, hat das 128-seitige, im amerikanischen Letter-Format erschienene Hardcocer-Werk in fünf Hauptkapitel aufgeteilt. Diesen vorangestellt ist eine zehnseitige Einleitung, am Ende rundet ein achtseitiges Kapitel mit Standpunkten das Werk ab.

Diamond House Studie Gilles Retsin

Quelle: Gilles Retsin Architecture

Das «Diamond House» ist eine unrealisierte Studie von Gilles Retsin, die aus additiv zusammengefügten Metallprofilen besteht. Es wird im Profil «Assemble – Zusammenfügen» beschrieben.

Die Einleitung

Das Buch beginnt – natürlich – mit dem Bauhaus und der Moderne und erinnert an die an Architekturhochschulen in den 1990er-Jahren vermittelte Gewissheit, dass mit der Moderne wahlweise der Zenit oder Nadir der Baukunst erreicht wurde. Angehende Architekten lernten, dass auf die Moderne nichts Innovatives mehr folgen kann, da mit ihr alle erdenklichen Baustile ersonnen waren. Alles Folgende könne nur noch postmodern sein. Es sei denn – so die meist mit einem Augenzwinkern vorgetragene Einschränkung – es würde sich eine völlig neuartige Bauweise ergeben, die mit einem bislang unbekannten Baustoff einhergeht.

Diese einstmals eherne Erkenntnis sieht man durch das zunehmend automatisierte Bauen nunmehr grundlegend in Frage gestellt. Eine zweite Feststellung bezieht sich auf Planungs- und Bauprozesse. Diese haben sich – so die Buchautoren – im Grunde seit der Antike nicht geändert: Ein Baumeister entwirft ein Gebäude mithilfe eines Datenträgers (Papyrus, Tuschezeichnung, Computerplan) und weist Handwerker an, dies dem Entwurf entsprechend umzusetzen.

Auch hier ist man mit der zunehmend darin eingebundenen Künstlichen Intelligenz selbstlernender Computerprogramme, die Roboter steuern, einen entscheidenden Schritt weiter. Digitale Arme und CnC-Fräsen sind in unserer Zeit mitnichten allein der verlängerte, hochpräzise und besonders starke Arm eines steuernden Menschen. Sie operieren zunehmend selbstständig – doch dazu später.

Man erfährt in diesem Zusammenhang, dass sich das Wort «Roboter» aus dem Tschechischen ableitet und von dem Dramatiker Karel Čapek in den 1920er-Jahren geprägt wurde. Erstmals setzte er seine Wortschöpfung im Rahmen des Theaterstücks R.U.R (Rossum's Universal Robots) ein. Es handelt von Kunstmenschen, die nur über ein Minimum an Eigenschaften verfügen. Sie sind emotionslos, fleissig, ehrlich, besitzen aber keine Seele.

Auf die Einleitung folgen fünf formal konstruktive Kapitel, die das automatisierte Bauen in unterschiedliche Lösungsstrategien aufgliedern und diese in ausführlichen Essays erörtern. Ergänzt werden diese durch drei aktuelle Beispiele, die die vorgestellten Überlegungen dokumentieren. Die Kapitelreihung kommt nicht von ungefähr, da letztlich die Techniken aufeinander aufbauen.

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