Übernimmt KI Routinejobs, sinkt der Lerneffekt für Berufseinsteiger
Wer ganz am Anfang seines Berufslebens steht, braucht Routineaufgaben, um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen. Doch übernimmt KI zunehmend solche Jobs, verhindert sie, dass am Arbeitsplatz gelernt werden kann. Davor warnt Vivek Soundararajan von der Universität von Bath, der zum Thema Arbeitsrechte forscht.
Quelle: ChatGPT/mai
Wenn KI Routineaufgaben übernimmt, haben junge Berufsleute weniger Möglichkeiten um zu lernen.
Routine erwerben wird für Berufseinsteiger schwieriger: An ihrem ersten Arbeitsplatz erledigen sie wegen Künstlicher Intelligenz (KI) immer weniger Routinejobs und erwerben damit auch nicht mehr nebenbei spezielle Qualifikationen indem sie mit erfahrenen Kollegen zusammenarbeiten. Davor warnt Vivek Soundararajan von der Universität von Bath, er erforscht die Regulierung von Arbeitsrechten innerhalb von Lieferketten. So ist die in den USA laut dem Experten in KI-exponierten Bereichen wie Software-Entwicklung und Kunden-Service die Einsteigerbeschäftigung zwischen Ende 2022 und Juli 2025 um etwa 20 Prozent zurückgegangen. Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer in denselben Branchen sei hingegen angestiegen.
Gemäss Soundararajan dieses Muster nachvollziehbar: «KI ist besonders gut bei administrativen Aufgaben wie der Dateneingabe oder der Ablage. Sie hat jedoch Schwierigkeiten mit Nuancen, Urteilsvermögen und vielen anderen Fähigkeiten, die sich nur schwer kodifizieren lassen. Erfahrung und die Aneignung dieser Fähigkeiten bilden also einen Puffer gegen die Verdrängung durch KI. Wenn Berufseinsteiger jedoch nie die Chance bekommen, diese Erfahrung zu sammeln, kann sich dieser Puffer nicht bilden.»
Denn erledigt die KI die Arbeit von Nachwuchskräften besser als die Nachwuchskräfte selbst, könnten ältere Arbeitnehmer ganz aufhören, Aufgaben an junge Leute zu delegieren. Und dabei entsteht wiederun ein «Ausbildungsdefizit». Die Nachwuchskräfte würden demnach nie etwas dazulernen, so Soundararajan. In absehbarer Zukunft stünden Unternehmen ohne Fachkräfte da.
Damit Nachwuchs und erfahrene Kollegen profitieren
«Weil die alte Vereinbarung zwischen Nachwuchskräften und erfahrenen Mitarbeitern nicht mehr gilt, heisst das nicht, dass keine neue getroffen werden kann», so der Arbeitswissenschaftler. Junge Arbeitnehmer müssten nun das lernen, was KI in Bezug auf Wissen, Urteilsvermögen und Beziehungen nicht ersetzen könne. Sie müssten nach Aufgaben suchen oder vielmehr diese auch erhalten, die menschliche Interaktion erfordern, anstatt nur bildschirmbasierte Tätigkeiten auszuführen.
Ältere Arbeitnehmer könnten umgekehrt von jüngeren Kollegen viel über KI und Technologie lernen, so der Fachmann. Das Konzept des Mentorings lasse sich zweispurig organisieren, indem Junioren neue Tools vermitteln, während Senioren Anleitung und Unterricht in Bezug auf Nuancen und Urteilsvermögen bieten. Zudem müssten Arbeitgeber jungen Mitarbeitern weiterhin Aufgaben übertragen, selbst wenn KI die Arbeit schneller zu erledigen im Stande sei.
«Der Schutz des Nachwuchses an qualifizierten und wertvollen Mitarbeitern liegt im Interesse aller», resümiert Soundararajan seine Erkenntnisse. Einiges Fachwissen wird im Zeitalter der KI an Bedeutung verlieren, glaubt Soundararajan. Aber Fachwissen bedeute nicht nur das Speichern von Informationen. Es gehe auch um ein ausgeprägtes Urteilsvermögen, das in komplexen Situationen zum Einsatz komme. Und das bleibe wertvoll. (mgt/mai)