08:08 MANAGEMENT

Studie: Homeoffice boostert den Wandel der Bürolandschaft

Geschrieben von: Silva Maier (mai)
Teaserbild-Quelle: Tina Witherspoon, Unsplash

Die Bürolandschaft befindet sich im Wandel: Die Coronapandemie hat dieser Entwicklung mit der Homeofficepflicht einen Booster verpasst. Was diese für den Arbeitsalltag und die Immobilienbranche bedeuten kann, versucht eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) zu ergründen.

Homeoffice

Quelle: Tina Witherspoon, Unsplash

Wegen der Lockdowns kam es zu einem regelrechten Homeoffice Boom. Er dürfte die Büroarbeitwelt langftristig prägen. Da zeigt eine aktuelle Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.

Im Zuge der Coronapandemie verschob sich 2020 und 2021 ein Grossteil der Schreibtischjobs vom Büro in die eigenen vier Wände. Damit verwaisten ganze Bürogebäude, Stadtzentren entleerten sich. Und auch wenn Lockdowns und Homeofficepflicht mittlerweile vorbei sind,  arbeiten noch immer viele zumindest teilweise von zu Hause aus. Die Bürolandschaft verändert sich gerade – und nicht zum letzten Mal. Das prognostizieren die  Autoren der Studie „Oh! Ffice -  Die Zukunft des Arbeitsortes zwischen Ausnahmezustand und New Normal“ des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. „Sie wird dabei weder zum Zustand vor 2020 zurückkommen noch den Ausnahmezustand schlicht fortsetzen“, schreiben sie im Vorwort.

Getrieben werden die Veränderungen von den massiven Verlagerungen der Erwerbsarbeit, aber auch vom Bedürfnis nach einer ökologischeren Bürowelt: „Forderungen nach Nachhaltigkeit, Klimafreundlichkeit und Ressourceneffizienz lassen sich am besten durch eine intensivere Nutzung bereits vorhandener Flächen sowie die Einsparung unnötiger Mobilität erfüllen.“ Büroflächen dürften kleiner werden. Die Studienautoren führen dazu als Beispiel Locatee an, ein Zürcher Unternehmen, das für 60 Grossunternehmen weltweit die Auslastung ihrer Büros erhebt. 2021 registrierte es eine Belegung von gerade einmal 15 Prozent der Arbeitsplätze. Vor Ausbruch der Pandemie waren es noch 70 Prozent.

Wohnen: Ein paar Quadratmeter mehr fürs Homeoffice?

Derweil zeigt sich eine immer stärkere Nachfrage bei den Logistik-Immobilien und Wohnflächen: „Wenn das Home Office zur Dauereinrichtung werden soll, darf die Wohnung gerne einen Raum oder zumindest ein paar Quadratmeter mehr haben“, heisst es in der Studie. „Der Arbeitsplatz wird Struktur- und Gestaltungselement der Wohnung so wie die Küche oder das  Wohnzimmer“, prophezeihen die Autoren.

Anbietern von Büroeinrichtungen eröffnen sich damit neue Absatzmöglichkeiten: Die Homeoffice-Planung laufe so ähnlich ab wie eine Küchenplanung. Hersteller und Händler böten einen Beratungsservice an, der aus den Wünschen der Kunden, der Wirklichkeit seiner Wohnung und den lieferbaren Möbeln aus dem Katalog und Geräten bestehe. Und so wird eine möglichst optimale Homeoffice-Lösung erstellt.

Die Autoren nehmen an, dass es bei beinahe allen grossvolumigen Flächennutzungen gleichzeitig zu einem Strukturwandel kommt, bei dem einige Nutzungen auf der Gewinner- und andere auf der Verliererseite landen. Unter anderem etwa, weil im Zuge von Homeoffice und der damit verbundenen Digitalisierung zum Beispiel weniger Geschäftsreisen gebucht werden und mehr Online als im Laden vor Ort eingekauft wird.

Umnutzungen könnten künftig ein grosses Thema sein: „Hotels werden Arbeitsorte, Messehallen werden Impfzentren,  Bürogebäude werden Lofts, Kaufhäuser werden Subkulturzentren.“ Die Innenstädte dürften sich im Zuge solcher Entwicklungen zwar verändern, aber gemäss der Studie nicht an Bedeutung verlieren.

Arbeiten: Ein Gaming-Chair für die Büroarbeit?

Seltsame Arbeitwelt von einst auf die Schippe genommen: Im Film "Playtime" (1967) von Jacques Tati verirrte sich Monsieur Hulot in ein hochmodernes Büro. - Ein Grossteil der Arbeiten, denen hier nachgegangen wird, übernehmen heute Computerprogramme.

Doch wie sieht die Arbeit in einem Büro der Zukunft aus? Und was braucht es dafür? In der Studie wird vom Bauhaus-Leitsatz „Form follows Function“ ausgegangen. Dieser habe nicht nur Produkte von der Lampe bis zur Einbauküche geprägt, sondern auch Konzept und Ausstattung des Arbeitsplatzes. Das heisst, die optimale Büroeinrichtung leitet sich von der Arbeit ab. Können einfache Büroarbeiten oder Routineaufgaben im Zuge der Digitalisierung vom Computer übernommen werden, wird weniger geschrieben und von Hand abgelegt. Damit verschwinden nach und nach Ablage, Ordner und Regale aus dem Büro. Beinahe alle Tätigkeiten werden am Bildschirm erledigt – und die dafür nötigen Instrumente sind in der Software enthalten oder in kleiner Hardware wie zum Beispiel dem Smartphone.

Daraus folgern die Autoren, dass beim Büroarbeitsplatz „der Stuhl der neue Tisch“ sein wird. Weil das Pult nur noch eine Nebenrolle einnimmt, ist „das zentrale Möbelstück der nächsten Optimierungs-Generation des Arbeitsplatzes“  der Stuhl. Sie stellen sich keinen klassischen Bürostuhl vor, sondern einen Gaming-Chair. Dies, weil es bei seinem Design nicht um das Zusammenwirken mit anderen Möbelstücken geht, sondern darum, dass auf ihm ausdauernd und konzentriert gearbeitet werden kann.

Verschiedene Orte für einen Job

Daneben ziehen die Autoren den Schluss, dass der Arbeitsplatz „plural“ wird: Verschiedene Tätigkeiten brauchen verschiedene Räume. Erste Ansätze gibt es bereits in modernen Bürolandschaften, die etwa unterschiedliche Bereiche für unterschiedliche Arbeiten umfassen, die je nach Bedürfnis flexibel genutzt werden  können. Solche Bereiche können sich aber auch an unterschiedlichen Orten befinden: Videokonferenzen und konzentriertes Arbeiten finden im Homeoffice und oder im nahe gelegenen Workspace statt. Für den Austausch und Projekte mit den Arbeitskollegen ist dann das eigentliche Büro gedacht.  

Wer weiss, möglicherweise ist auch dies in ferner Zukunft nicht mehr notwendig. „Vielleicht wird die Arbeit im Digitalzeitalter zum unendlichen Gespräch der alten Griechen zurückkehren, und damit auf Sofa, Diwan und Ottomane“, fantasieren die Autoren. Wird diese Vision eines Tages tatsächlich  Realität? Damit sei im Blick auf ein Jahrzehnt (noch) nicht zu rechnen.

Die Studie kann kostenlos als PDF auf der Website des Gottlieb-Duttweiler-Instituts heruntergeladen werden: https://gdi.ch

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