Porträt: Daniel Albrecht, Hochs und Tiefs eines Unermüdlichen
Er ist immer seinen eigenen Weg gegangen: Gegen alle Hindernisse, Andersdenkenden und etablierten Systeme, die dem ehemaligen Skirennfahrer besonders zuwider sind. Mit seinen Mondhäusern gelingt ihm ein Projekt, das seinen Vorstellungen entspricht.
Quelle: Simone Matthieu
Daniel Albrecht im Garten vor seinem Haus in Fiesch. Sein Hund ist schon älter und fast taub. Irgendwann lässt er sich dann doch zu seinem Herrchen locken für ein gemeinsames Foto.
Ach, jetzt komme ich wieder ins Philosophieren», tadelt sich Daniel Albrecht selbst. Der ehemalige Skirennfahrer fragt mitfühlend: «Wie willst Du das alles in einen Text reinkriegen?» Die Frage ist nicht ganz abwegig: Er springt tatsächlich von einem Thema zum andern und wieder zurück. Das macht ihn nicht weniger sympathisch, sondern steht eher symptomatisch für sein ganzes Leben. Unzählige Projekte beginnt der 42-Jährige nach dem Ende seiner Karriere – und bricht sie auch schnell wieder ab.
Doch beginnen wir von vorne: Albrecht ist ein Self-made-Man in allen Belangen. Bereits seine Ski-Karriere verläuft ausserhalb jeder Norm. In Fiesch, wo er heute noch wohnt, wachsen er und sein Bruder im elterlichen Restaurantbetrieb auf. «Als Kind war ich sehr selbstständig und konnte mehr oder weniger tun, was ich wollte.» Niemand hat viel Zeit, den vom Skifahren begeisterten Buben zu fördern. Da es damals in Fiesch noch keine professionellen Skischulen und Trainingsmöglichkeiten gibt, trainiert er allein, eisern, zeigt sein überragendes Talent an lokalen Skirennen.
«Die Lässigen fuhren Snowboard»
Als Albrecht noch ein Knirps ist, heissen die Skigötter Pirmin Zurbriggen oder Peter Müller. Am Anfang seiner Teenagerzeit erobert eine neue Schneesportart die Pisten: «Skifahren war plötzlich out, die ‹Coolen› fuhren Snowboard», erinnert er sich. «Ich stand trotzdem lieber auf den Brettern, selbst wenn ich deshalb nicht zu den Lässigen gehörte.» Im Alter von 13 Jahren formt sich der Berufswunsch Profisportler. «Es hiess, wenn ich erst jetzt beginne, richtig zu trainieren, sei das unrealistisch.» Ein Wort, das Albrecht sein Leben lang dazu anstachelt, das angeblich Unmögliche zu erproben: «Wenn alle finden, etwas sei unrealistisch, ist mein Interesse geweckt.»
Im renommierten Schigymnasium in Stams im Tirol versucht Daniel Albrecht sein Glück. Von 60 Jungtalenten werden jeweils sechs aufgenommen. «Ich rechnete mir keine Chancen aus, dachte mir, die nehmen sicher keinen Schweizer.» Doch er besteht die Aufnahmeprüfung, wird fortan sportlich auf höchstem Niveau gefördert und gefordert. Für seine Eltern ist das in Ordnung: «Mein Vater hat gesagt: ‹Du musst selber wissen, was du willst.›»
Viele Medaillen für den Neuling
Nach der Ausbildung kommt Albrecht als 20-Jähriger ins Schweizer Junioren-Kader. Sein steiler Aufstieg zur Skirennfahrer-Spitze beginnt sogleich: 2003 holt der Neuling im Skizirkus drei Gold- und eine Silbermedaille an den Junioren-Weltmeisterschaften. Später, im Schweizer Nationalkader, wird er 2007 – wie er selbst prophezeit – Weltmeister in der Disziplin Kombination. Zusätzlich bringt er eine Silber- und eine Bronzemedaille von den Weltmeisterschaften in Schweden nach Hause. Es folgen vier Rennsiege sowie diverse Podestplatzierungen im Weltcup.
Quelle: zvg
Daniel Albrecht schien Anfang und Mitte der 2000er-Jahre nichts aufhalten zu können. Doch dann kam ein brutaler Sturz im Abschlusstraining zur Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel (Ö).
Auch bei den Profis zeigt Albrecht seine Angewohnheit, eigene Wege zu gehen. Er widerspricht Trainern. «Sie wollten, dass ich in Kurven Beine und Arme anders belaste und halte.» Die vorgegebene Technik funktioniert nicht, worauf der Fiescher auf seine gewohnte Art zurückgreift. «Und siehe da: Gleich darauf folg-te ein 1. Platz im Weltcup. Danach hatte niemand mehr etwas an meiner Methode auszusetzen.»
Der verhängnisvolle Sturz
Doch auf der Höhe seines Könnens kommt der jähe Absturz. In der Saison 2008/2009 gilt der Allrounder, der in allen Disziplinen antritt, als Anwärter auf den Gewinn im Gesamt-Weltcup. Das grosse Ziel, das er sich selbst setzt: der Sieg auf der berühmt-berüchtigten Streif in Kitzbühel (Österreich). Im zweiten Abfahrtstraining fährt er mit Bestzeit auf den Zielsprung zu – und stürzt. Mit einer Geschwindigkeit von 140 Kilometern pro Stunde und aus einer Höhe von fünf Metern knallt er direkt auf den Kopf. Er verliert sofort das Bewusstsein, verletzt sich lebensgefährlich.
Mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma und einer massiven Lungenquetschung versetzen ihn die Ärzte in ein künstliches Koma. «Als ich nach drei Wochen erwacht bin, habe ich nur noch eines gewusst: dass ich Skifahrer bin», erzählt er. Und natürlich will er so schnell wie möglich wieder auf die Piste. «Die Ärzte haben das für absolut unrealistisch gehalten.» Da ist er wieder, Albrechts Trigger. Er will erneut das Unmögliche. In mehreren Monaten Reha erlernt er alle Fähigkeiten neu, die er durch die Hirnverletzung und die Zeit im Koma verloren hat. Hinzu kommt ein langwieriges, zeitintensives Aufbautraining für den Weltcup. Doch Albrecht hat ein Ziel vor Augen: «Wenn ich etwas will, dann gebe ich wirklich alles.» Und: «Das Gefühl auf den Ski war herrlich. Das ist erstaunlich, weil man nach einem Schädel-Hirn-Trauma vorerst keine Emotionen verspürt.»
Was auf den Rücktritt folgt
Tatsächlich steht er im Dezember 2010, 22 Monate nach seinem Unfall, in Beaver Creek (USA) am Start für den Riesenslalom und fährt auf Platz 21. Keiner hatte daran geglaubt, und für Albrecht bedeutet dieser Rang alles: «Aussenstehende können das wahrscheinlich nicht nachvollziehen: Nach meinen schweren Verletzungen in einem Weltcup-Rennen wieder in die Top 30 zu fahren, ist wichtiger und grösser als alles, was ich sonst in meinem Leben erreicht habe.» Das Comeback dauert rund drei Jahre und bringt keine nennenswerten Erfolge. Dann verletzt sich Albrecht am Knie und gibt endgültig den Rücktritt.
Die für die Öffentlichkeit unbedeutenden Resultate sind ihm egal. Das Comeback, an das niemand geglaubt hatte, war für ihn die beste Therapie. «Ich weiss nicht, ob ich heute hier stehen würde, wäre ich diesen schwierigen Weg nicht gegangen. Ich bin glücklich. Weit glücklicher, als wenn ich einfach aufgegeben hätte. Heute bin ich wieder selbstständig und meistere meinen Alltag erfolgreich.»
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Ein Blick ins Innere des Mondhauses des ehemaligen Skistars Daniel Albrecht. Die Wände und Decken besteten aus mehreren Bretterlagen, zusammengehalten durch Holzdübel. Auf Leim und Chemie wird verzichtet.
Nach dem Rücktritt versucht Albrecht in diversen Gebieten, sich eine Zukunft aufzubauen. Es wird ein Hin- und Her ohne bestimmtes Ziel. Rund zwei Jahre ist er als Mentaltrainer tätig, unter anderem für andere Spitzensportler: «Sowohl die Trainer als auch die Ärzte im Spital sagten, ich verfüge über eine enorme mentale Stärke. Ich wollte wissen, wovon die sprechen.» Die Ernüchterung folgt auf dem Fuss: «Es ist alles so einfach und logisch, da kannst du auch einfach ein Buch zum Thema lesen. Sogar deine Tante oder dein Onkel könnten deine Mentaltrainer sein.» Zudem sei der Beruf grundsätzlich nicht geeignet für ihn: «Ich gebe gerne einen Rat oder Hinweis, doch jemanden über längere Zeit zu begleiten, ist gar nicht mein Ding.» Bereits während seines Comebacks ist die Idee in ihm gereift, eine eigene Skibekleidungsmarke zu lancieren. Funktionell und schick zugleich soll sie sein. Ochsner Sport ist der (Vertriebs-)Partner und übernimmt die Marke nach Albrechts Ausstieg.
Eine weitere Aufgabe, die er beginnt, ist die eines Botschafters für «Fragile Suisse», eine Schweizer Vereinigung für Menschen mit Hirnverletzungen. In dieser Rolle hält er bis heute Vorträge über seinen Werdegang und darüber, wie er nach dem Unfall wieder auf die Beine kam. «Für mich ist es wie eine Therapie.» Dabei mag er Anderen keine Ratschläge erteilen: «Ich will den Leuten nicht suggerieren, wenn sie dies und das tun, mache es ‹Bäng›, und alles sei wieder gut.» Stattdessen stehe er nach den Vorträgen einzelnen Zuhörern und Betroffenen zur Verfügung und spreche mit ihnen. «Auch da sage ich nie direkt, was er oder sie tun soll. Jeder hat seinen Weg, den kann man nicht generalisieren.»
Holzhäuser werden Steckenpferd
Auf einem der Grundstücke, die er von seinem Vater in Fiesch erbt, erfüllt Daniel Albrecht für sich, seine Frau Kerstin und Tochter Maria (9) einen Traum, den er schon als Kind hegte: ein eigenes Haus zu bauen.
Dabei ist ihm Nachhaltigkeit wichtig. Und die Natur. Deshalb soll das Familienheim aus reinem, nicht verleimtem oder behandelten Holz gebaut sein. Erneut Neuling in einer Branche, die ihre Regeln und Arbeitsweisen längst definiert hat, muss sich Albrecht durchfragen, bis er Leute trifft, die ihm helfen oder den richtigen Rat geben. Er setzt auf eine Bauweise aus reinem Mondholz (siehe Box).
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Daniel Albrechts erstes Mehrfamilien-Mondhaus wurde im Sommer 2025 fertiggestellt. Ob das Baugewerbe nun die Zukunft das rastlosen Gemüts definiert, wird sich zeigen.
Ganz gelingt ihm sein Vorhaben nicht. Aus Brandschutzgründen muss das Treppenhaus aus Beton bestehen. «Aber: Ich habe bewiesen, dass es möglich ist, ein Haus aus reinem Holz zu bauen. Jetzt muss ich noch mehr Marketing betreiben.» Das Raumklima sei super. Die benötigte Energie erzeugt er selbst mittels PV-Anlage auf dem Dach sowie einer Luftwärmepumpe. 2016 zieht die Familie ein. Der Erfolg mit seinem Einfamilienhaus gibt Albrecht Auftrieb. Er bleibt bei der naturnahen Bauweise, die er «Mondhaus» nennt. Keine fünf Minuten von seinem Zuhause entfernt erstellt er ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus. Von aussen nicht sichtbar, erforderte auch hier der Brandschutz Zugeständnisse: Treppenhaus und Lift sind in einem Betonturm untergebracht.
Sowohl einzelne Wohnungen als auch das ganze, mehrstöckige Mondhaus möchte Albrecht verkaufen. «Einige Interessenten sind mir abgesprungen: Weil das Mondhaus etwas teurer in der Erstellung ist, schätzt es die Bank als Luxusobjekt ein. Der Bau ist zwar teurer, aber die Einsparung von Material macht das wett. Daran sollten auch die Banken interessiert sein. Aber die vom System geschulten Leute denken nun mal in ihren althergebrachten Bahnen.» Dennoch findet er Firmen und Leute, die mitziehen.
Der Revoluzzer
Das «System» in all seinen Ausprägungen ist ihm ein Dorn im Auge. Einem besonderen System widmet er neben dem «Mondhaus» viel seiner Energie: dem Schulsystem. Tochter Maria möchte Albrecht um jeden Preis vor dem normalen Schulbetrieb schützen, wie er es ausdrückt. Er sagt: «Schon im Kindergarten erziehen sie die Kinder zu Robotern. Erst wenn sich die Kleinen zerdrücken lassen, sind sie akzeptiert und in die Gesellschaft aufgenommen.» Deshalb entwirft er mit ein paar Gleichgesinnten Pläne für eine Privatschule. Doch die Beteiligten sind sich bald nicht mehr einig. Und so landet auch dieses Projekt in der Schublade.
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Neben dem Mondholz als Hauptmaterial zeichnen hohe, helle Räume, die Reduktion aufs Wesentliche und ein angenehmes Raumklima Daniel Albrechts Mondhäuser aus.
Maria wird im Homeschooling unterrichtet und ist laut ihrem Vater überglücklich damit. Doch im Kanton Wallis ist es nicht erlaubt. Im Aargau schon. Das Ehepaar Albrecht lebt schon seit mehreren Jahren faktisch getrennt, aber für die Tochter Maria immer noch unter einem Dach. Das könnte bald ein Ende haben, wenn Kerstin mit Maria in den Aargau zieht, um dort Homeschooling nach ihren Vorstellungen zu realisieren. Der Hausherr ist sich noch nicht sicher, ob er den Umzug mitmacht – jetzt, da sich die Mondhäuser langsam etablieren und er Mitstreiter gefunden hat. «Es kann auch sein, dass ich vom Wallis in den Aargau pendle.»
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Glücklich zu sein, ob es nun ihn selbst oder sein Umfeld betrifft, ist Albrecht enorm wichtig. Deshalb möchte er unbedingt Bhutan bereisen, das buddhis-tische Königreich am östlichen Rand des Himalayas. In dem Land ist das Bruttonationalglück wichtiger, als das rein auf Wirtschaftlichkeit basierende Bruttoinlandprodukt. Sein Ziel wäre, zuerst selbst ins Land des Glücks zu reisen und danach als Reiseleiter Interessierte aus dem Westen durch Bhutan zu führen. Allerdings stellte sich heraus, dass es unglaublich kompliziert ist, eine Einreisebewilligung zu erhalten. So liegt dieses Projekt momentan auf Eis.
«Ich werde weiter so vorgehen, das verfolgen, was mich interessiert und glücklich macht. Garantiert werde ich stets irgendwo in ‹den Hammer laufen›. Ich weiss, dass viele meiner Ideen wenig Sinn ergeben, aber ich will es trotzdem versuchen.»
Quelle: Simone Matthieu
Vor dem Eingang zum Familienhaus zeigt Daniel Albrechts Tochter Maria Kunststücke, die sie sich durch das Trainieren und anhand von Do-It-Yourself-Videos auf YouTube angeeignet hat. Der Vater ist stolz: Auch er brachte sich einen Grossteil seines sportlichen Könnens selbst bei.
Beim Abschied vollführt Tochter Maria einige Kunststücke auf dem Rasen und dem Trampolin vor dem Haus. «Sie kam eines Tages plötzlich und zeigte mir, dass sie den Spagat kann. All diese Kunststücke hat sie sich via YouTube selbst beigebracht», erzählt Albrecht stolz. Tänzerin möchte sie werden, trainiert auf ihre eigene Weise. Ganz wie der Vater. ■
Mondhaus
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Mondholz wie dieses hier im Bild wird um Weihnachten geschlagen, kurz vor Neumond. Dann ist es am trockensten.
Daniel Albrechts Mondhäuser bestehen aus Mondholz. Dieses ist nicht nur, aber vor allem im Wallis ein Thema. Es gilt als besonders trocken, unempfindlicher gegen Fäulnis oder Insektenbefall sowie witterungsbeständiger. Geschlagen werden die Bäume um Weihnachten, kurz vor Neumond – dann ist das Holz am trockensten. Albrechts Elementbauten kommen ohne Leim oder andere Chemie aus. Das Holz ist unbehandelt. Wände und Decken bestehen aus mehreren Bretterlagen, zusammengehalten durch Holzdübel. (sma)