16:10 MANAGEMENT

Homeoffice und Coworking als Chance für die Peripherie

Geschrieben von: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: Standsome, Pixabay, Pixabay-Lizenz

Die Corona-Pandemie hat den dezentralen Arbeitsformen einen Schub verliehen. Homeoffice hat sich laut einer Studie in der Krise bewährt. Coworking-Spaces können in ländlichen und peripheren Gebieten einen Beitrag zur Belebung und wirtschaftlichen Entwicklung der Dörfer leisten.

Mutter Kind Homeoffice

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Mutter mit Kind im Homeoffice: 40 Prozent der Angestellten arbeiten nach eigenen Angaben im Heimbüro produktiver und effizienter.

Die Corona-Krise habe viele Angestellte in ein Massenexperiment geschickt, sagt die Ökonomin Jana Z’Rotz vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern. Die Krise habe viele über Nacht ins Homeoffice gezwungen. Dies habe die einmalige Chance geboten, diese Arbeitsform in der Praxis zu testen. Das IBR hat in einer Pilotstudie die Auswirkungen von Homeoffice in den Verwaltungen von Kantonen und Gemeinden untersucht. «Uns interessierte, ob sich Homeoffice bewährt hat und was nach dieser Zeit in den öffentlichen Verwaltungen von den flexiblen Arbeitsformen bestehen bleibt», so Z’Rotz. Es sei auch um die Frage gegangen, was sich davon sinnvollerweise in den Arbeitsalltag nach der Corona-Zeit überführen lasse.

An einer Online-Konferenz der Plattform «Digitalisierung und Regionalentwicklung» stellte Z’Rotz die ersten Erkenntnisse aus der Studie vor. Das Fazit: «Verwaltungsangestellte arbeiten auch zu Hause sehr produktiv, und die Einstellung zur Arbeit im Homeoffice hat sich positiv verändert», erklärte Z’Rotz.

Produktiver und effizienter

An der Umfrage nahmen 515 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von öffentlichen Verwaltungen teil – 216 Gemeinde- und 297 Kantonsangestellte sowie zwei weitere Personen. Vor der Covid-19-Pandemie hatten von den befragten Verwaltungsangestellten 50 Prozent noch nie und 30 Prozent sehr selten oder unregelmässig im Heimbüro gearbeitet. 18 Prozent in Kantons- und 20 Prozent in Gemeindeverwaltungen waren öfters von zu Hause aus ihrem Beruf nachgegangen. Während des Lockdowns vom März bis Juni sammelten viele der Verwaltungsmitarbeiter ihre ersten Erfahrungen mit Homeoffice.

Die Umstellung vom Normalbetrieb auf Heimarbeit bot gemäss den befragten Beschäftigten keine Probleme. Sie wurde gut organisiert, die Arbeitsinfrastruktur in den eigenen vier Wänden war schnell eingerichtet, und die Vorgesetzten unterstützten die Mitarbeiter. Als Vorteile der Arbeit im Homeoffice nannten die Verwaltungsangestellten die zeitliche Flexibilität, den Wegfall der toten Pendelzeit, die Ungestörtheit, die bessere Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche sowie einen Produktivitätszuwachs und eine Motivationssteigerung. 40 Prozent arbeiten nach eigenen Angaben im Homeoffice produktiver und effizienter.

Als Herausforderungen dieser Arbeitsform gab das Verwaltungspersonal den erhöhten Koordinations- und Kommunikationsaufwand und die mangelnden sozialen Kontakte an, aber auch die teilweise ungenügende Infrastruktur wie ein fehlendes Arbeitszimmer oder ein ungeeigneter Bürostuhl.

«Homeoffice funktioniert», fasste Jana Z’Rotz die Ergebnisse der Studie zusammen. Das Experiment sei zwar «von aussen aufgedrückt» worden, doch es habe zu einem Umdenken geführt. Mitarbeiter und Führungskräfte hätten positive Erfahrungen mit Homeoffice gesammelt. Die anfängliche Skepsis, vor allem bei den Vorgesetzten, habe abgebaut werden können, und das Vertrauen in die Mitarbeiter sei gestärkt worden. Den Herausforderungen könne durch einen guten Mix aus Arbeiten im Büro und im Homeoffice begegnet werden. Eine weitere Möglichkeit sei das Arbeiten an dritten Orten wie Coworking-Spaces. Ob den Angestellten auch in Zukunft erlaubt wird, von zu Hause aus zu arbeiten, bleibe aber abzuwarten.

Wohnen und Arbeiten entkoppelt

Offen sind auch die Auswirkungen auf die Regionen. Die Verlagerung ins Homeoffice werde Wohnen und Arbeiten entkoppeln, vermutete Z’Rotz. Die Wahl des Wohnorts werde in Zukunft weniger von der Arbeitsstelle abhängen. Die Arbeitnehmer müssten weniger pendeln, und die öffentlichen Verkehrsmittel und die Strassen würden entlastet. Tatsächlich wurde in einer Studie der Credit Suisse ein Trend zum sesshaften Wohnen auf dem Land festgestellt. Demnach suchen immer weniger Menschen den Wohnort dort, wo sie den Beruf ausüben, sondern in Gebieten, wo es erschwingliche Wohnungen gibt. Die Berufspendlerinnen und -pendler – dazu zählen neun von zehn Beschäftigten in der Schweiz – zieht es angesichts der Preissituation immer weiter in die Peripherie hinaus.

Gleichzeitig könnte sich aber auch die Frage stellen, ob die Erwerbstätigen künftig längere Pendeldistanzen in Kauf nehmen müssten, wenn sie häufiger im Homeoffice arbeiten und seltener im Büro erscheinen, erklärte Z‘Rotz. Die Arbeitgeber könnten in einem grösseren geografischen Umkreis Angestellte suchen, womit sich ihre Chancen erhöhten, die gesuchten Fachkräfte zu finden. Doch damit könnte sich auch der Konkurrenzkampf zwischen den Arbeitnehmern verschärfen, weil nun alle Stellen für jeden Bewerber erreichbar erscheinen.

Wenn die Menschen ihre Berufsarbeit vermehrt im Homeoffice erledigen, wird gemäss Jana Z‘Rotz aber auch die Attraktivität des Wohnorts wichtiger, das heisst zum Beispiel das Angebot an Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten, die Dienstleistungen für die Kinderbetreuung und das soziale Umfeld. Das bedeute auch: Die neuen Arbeitsformen könnten das regionale Dienstleistungs- und Versorgungsangebot und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle fördern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern.

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Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.

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