12:05 KOMMUNAL

Umnutzungen von Kirchen: Zweites Leben für Gotteshäuser

Autoren: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: Kanton Basel-Stadt, Sabine Schneeberger

Abreissen, verkaufen, vermieten oder neu nutzen? Diese Frage stellt sich für viele Kirchen. In den letzten 25 Jahren wurde in der Schweiz für rund 200 religiöse Gebäude eine neue Verwendung gefunden. Das zeigt eine Datenbank, die von der Theologischen Fakultät der Uni Bern erstellt wurde.

Sie gilt als die bedeutendste neugotische Kirche der Schweiz. 1857 bis 1864 wurde die Elisabethenkirche in Basel nach den Plänen des Architekten Ferdinand Stadler erbaut. Es war der erste Kirchenneubau in der Rheinstadt seit der Reformation. Die Stifter, Christoph Merian und Margarethe Merian-Burckhardt, wollten mit dem Bau ein «Mahnmal gegen den Ungeist der Zeit» errichten – gegen die Entchristlichung von Staat und Gesellschaft.

1994 hat die evangelisch-reformierte Kirche die Elisabethenkirche dem ökumenischen Verein Offene Kirche Elisabethen übergeben. Seither finden hier neben gottesdienstlichen Feiern auch Discos, Diskussionsrunden und Chorkonzerte statt. Im Pfarrhaus sind Flüchtlingsprojekte untergebracht. Die Offene Kirche Elisabethen «macht geistliche, kulturelle und soziale Angebote für alle Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder Religion», heisst es auf der Webseite des Vereins. «Sie ist offen für alle Menschen guten Willens.»

Die Offene Kirche Elisabethen gilt als gelungenes Beispiel für eine Kirchenumnutzung. Für zahlreiche Kirchen in der Schweiz wird heute nach neuen Nutzungen gesucht. Immer häufiger stehen Gotteshäuser leer. Kirchgänger bleiben zunehmend aus. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Die Steuereinnahmen bei den Landeskirchen sinken. Das zwingt viele Kirchgemeinden, sich Gedanken zu machen, was mit den leerstehenden Räumen geschehen soll. Viele Kirchengebäude sind zudem in die Jahre gekommen – früher oder später stehen aufwendige Sanierungen der häufig denkmalgeschützten Objekte an. Das wird schnell teuer. Kostspielig ist auch die Beheizung der oft sehr grossen Gebäude.

«Lösungen aufzeigen»

Was wird aus Sakralbauten, die nicht mehr gebraucht werden? Dieser Frage ist Johannes Stückelberger nachgegangen. Er ist Kunsthistoriker und Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Unter seiner Leitung wurde eine Online-Datenbank über Kirchenumnutzungen erstellt. Sie gibt einen schweizweiten Überblick über Kirchen, Kapellen und Klöster, für die in den letzten 25 Jahren eine neue Verwendung gefunden wurde oder noch eine Umnutzung angestrebt wird. Erfasst wurden rund 200 Objekte. Hinzu kommen viele Pfarrhäuser, Kirchgemeindehäuser, Pfarreizentren und weitere kirchliche Immobilien, die ebenfalls einer neuen Nutzung zugeführt wurden.

Die öffentlich zugängliche Datenbank listet für jedes Objekt Ort, Name, Baujahr, Konfession, Bautypus, Adresse, Koordinaten, Architekt sowie Art und Jahr der Umnutzung auf. «Die Datenbank will aufzeigen, welche Lösungen man in der Schweiz gefunden hat, was funktioniert, wo sich Probleme ergaben und worüber derzeit diskutiert wird», erklärt Stückelberger. Nach seinen Angaben war bei der Umnutzung kirchlicher Gebäude in den letzten zehn Jahren eine starke Zunahme zu verzeichnen. Die Zahl wird aus seiner Sicht in den kommenden Jahren noch steigen.

Viele Umnutzungen in Städten

Von den 200 Gebäuden in der Datenbank sind laut Stückelberger ein Drittel Gotteshäuser der drei Schweizer Landeskirchen, also der evangelisch-reformierten, der römisch-katholischen und der christkatholischen Kirche. Ein Drittel entfällt auf christliche Gemeinschaften wie die methodistische Kirche und die neuapostolische Kirche, und bei einem weiteren Drittel handelt es sich um Klöster und Kapellen. 96 Kirchen sind mittlerweile umgenutzt worden. Besonders viele davon befinden sich in den Städten Basel, Bern und Genf, wie die interaktive Karte zeigt. Nur wenige davon stehen in den Alpenkantonen Wallis, Tessin oder Graubünden.

Ein knappes Drittel der 96 umgenutzten Kirchen wird weiterhin kirchlich verwendet, ein weiteres Drittel hat jetzt eine weltliche Funktion. Rückgebaut werden nur wenige Kirchen. 19 Abrisse finden sich in der Datenbank. Mehrheitlich handelt es sich um Kapellen christlicher Gemeinschaften, die äusserlich kaum als religiöse Gebäude erkennbar sind. Noch selten sind erweiterte Nutzungen oder Mischnutzungen, bei denen die Kirchen im Besitz der Kirchgemeinden bleiben, aber von anderen mitgenutzt werden können. Nur acht dieser umgenutzten Kirchen werden sowohl kirchlich als auch profan verwendet.

Stückelberger hält solche Mantelnutzungen, wie sie bei Fussballstadien weit verbreitet sind, für ein zukunftsweisendes Modell auch für sakrale Bauten. Denn auf diese Weise kann der teure Unterhalt finanziert werden. Am Schweizer Kirchenbautag, zu dem sich 2017 rund 160 Vertreter von Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit trafen, wurden solche Mischnutzungen ausdrücklich empfohlen. Diese Lösungen erlaubten christlichen Religionsgemeinschaften, die Kirchengebäude – mindestens teilweise – für ihren ursprünglichen Zweck weiterverwenden zu können, hiess es.

Hingegen seien Fremdnutzungen oder ein Verkauf aus kirchlicher Sicht zu vermeiden, weil dadurch die künftige Verwendung dem Einfluss der Kirchen entzogen werde. Dem öffentlichen Charakter der Gebäude angemessen sei eine weitere öffentliche Nutzung. Auch der Evangelische Kirchenbund und die Bischofskonferenz empfehlen den Kirchgemeinden, die Gebäude wenn nötig zu vermieten, aber nicht zu verkaufen oder abzureissen.

Öffentliche Orte

Aus denkmalpflegerischer Sicht müsse die neue Verwendung einer Kirche möglichst der ursprünglichen Nutzung entsprechen, schreibt die Thurgauer Denkmalpflegerin Eva Schäfer in einem Themenheft von «Kunst und Kirche», einer ökumenischen Zeitschrift für zeitgenössische Kunst und Architektur. Darin werden Kirchenumnutzungen aus einer kirchlichen, denkmalpflegerischen, theologischen, städtebaulichen, politischen, rechtlichen, volkswirtschaftlichen und soziologischen Perspektive diskutiert.

Umnutzungen gestalteten sich bei den protestantischen und katholischen Kirchen wesentlich anspruchsvoller als bei den Sakralorten kleinerer Religionsgemeinschaften, hält Johannes Stückelberger in einem weiteren Beitrag fest. Während der Verkauf der Kapelle einer Gemeinschaft keine hohen Wellen werfe, sei dies bei der Umnutzung eines grossen Kirchengebäudes anders, so Stückelberger. «Dies hängt wesentlich mit der städtebaulichen Relevanz der Kirchen sowie ihrer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zusammen. Kirchen sind öffentliche Gebäude, die das Stadtbild prägen.»

Durch ihre Position und ihre Sichtbarkeit seien Kirchen öffentliche Orte, die wegen ihres besonderen Erscheinungsbilds auch von einer nichtkirchlichen Öffentlichkeit als Sakralorte wahrgenommen werden. Wollten die kirchlichen Institutionen im städtischen Raum sichtbar bleiben, müssten sie ihre Kirchen so lange wie möglich für ihre Zwecke nutzen, erklärt Stückelberger.

Wenn die Kirchengebäude nicht mehr gehalten werden können, sollten Nutzungen gesucht werden, durch die diese Gebäude weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und damit öffentliche Orte bleiben. Hohe Akzeptanz fänden Verwendungen, die irgendeine Verbindung zur ursprünglichen Nutzung der Gebäude erkennen liessen, das heisst religiöse, soziale und kulturelle.

Ab hier ist dieser Artikel nur noch für Abonnenten vollständig verfügbar.

Jetzt einloggen

Sie sind noch nicht Abonnent? Übersicht Abonnemente

Autoren

Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.

Tel. +41 44 724 77 19 E-Mail

Anzeige

Dossier

Die Flughafenregion im Fokus

Die Flughafenregion im Fokus

Die Flughafenregion Zürich (FRZ) veröffentlicht im August gemeinsam mit dem Baublatt eine Sonderausgabe. In diesem Dossier werden alle damit verbundenen Fachbeiträge sowie weitere Hintergrundartikel zum Thema gesammelt. Die Ausgabe stellt neben anderem laufende oder geplante Projekte vor und beleuchtet die aktuelle Situation der Region.

Newsletter abonnieren

Mit dem Baublatt-Newsletter erhalten Sie regelmässig relevante, unabhängige News zu aktuellen Themen der Baubranche.