14:11 KOMMUNAL

Studie: Vielfältige Tierwelt in der Stadt

Teaserbild-Quelle: Wolfgang Hasselmann, Unsplash

In Städten überleben Tiere, die  mit dem städtischen Umfeld vereinbaren können. Eine internationale Studie mit Beteiligung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) identifizierte ihre Überlebensstrategien. Laut den Autoren sollten die gewonnen Erkenntnisse bei der Planung von Grünflächen berücksichtigt werden –  um die Artenvielfalt in der Stadt zu unterstützen.

Biene

Quelle: Wolfgang Hasselmann, Unsplash

Wildbienen leben in den Städten meist allein und nisten in Löchern in Holz, Wand oder Boden. Einige Arten haben einen Radius von maximal 200 Metern, wobei im Vergleich Honigbienen bis zu einem Kilometer weit fliegen. Sie sind auf verbundene Grünflächen angewiesen und würden von mehr qualitativen Grünflächen mit vielen Blumensorten profitieren. Gerade bodennistende Arten sind stärker gefährdet, da es nur wenig unversiegelte und unbepflanzte Bodenflächen gibt. Durch die Spezialisierung auf diesen Lebensraum findet dieser Typus (central place forager) nur wenige Nistplätze in Städten.

Es ist eine der Hauptursachen des weltweiten Artenverlust: Mit dem Wachstum von Städten und verbauten Flächen verlieren Tierarten ihre natürliche Lebensgrundlage. So sind Grünflächen in Städten oft klein und zerstückelt. Zudem müssen Tiere mit höheren Temperaturen in Städten, der Luft- und Lichtverschmutzung sowie starkem Verkehr klarkommen. «Städte sind eine Art Filter für die lokale Biodiversität», erklärt der WSL-Ökologe Marco Moretti. «Tierarten, welche kein Essen oder keine Plätze für die Fortpflanzung und Aufzucht ihrer Nachkommen finden, werden aussortiert und sterben aus.» 

Werden bei der Planung und Bewirtschaftung von Grünflächen die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebensstrategien der Arten berücksichtigt, können sie in Städten durchaus überleben. Dies zeigt eine internationale Studie mit Beteiligung der WSL, für die das Forschungsteam Daten zu Körperbau, Fortpflanzung und Ernährung von Bienen, zu Laufkäfern, Vögeln, Fledermäusen, Amphibien und Reptilien gesammelt hat. Dies in insgesamt 379 Städten auf sechs Kontinenten, einschliesslich der bislang wenig erforschten Tropen. 

Die Forscher erwarteten, dass vor allem Generalisten in der Stadt heimisch sind. Das heisst, Tiere die sich von unterschiedlichen Quellen ernähren können und keine grossen Ansprüche an ihren Nest- und Brutplatz stellen. Bei ihren Untersuchungen entdeckten sie jedoch, dass auch Spezialisten oder vielmehr Tiere, die auf bestimmte Nahrungsquellen oder Plätze zur Fortpflanzung angewiesen sind, Überlebenschancen haben, wenn sie entsprechende Bedingungen vorfinden. Dabei setzen sie auf unterschiedliche Strategien, die das Forschungsteam in vier Gruppen unterteilte. (Mehr zu den Strategien in der Box am Ende des Artikels.)

Viele Amphibien und Reptilien sind in Städten bedroht

Amphibien und Reptilien haben in Städten wenig Aussichten, geeignete Brutplätze - etwa Teiche oder sonnige ruhige Gebiete -  zu finden. Sie sind deshalb zeitlebens im gleichen Gebiet unterwegs und haben sich auf das dort vorhandene Futter spezialisiert. Durch diese Spezialisierung wird die Konkurrenz um Futter reduziert und es können mehr Tiere auf engem Raum leben. Diese wenig mobilen Spezialisten sind jedoch in Städten stark gefährdet. Sei es, weil ihre Lebensräume zerstückelt werden oder gar ganz verschwinden, weil sie keine Nahrung mehr finden oder wegen der Umweltverschmutzung. Ihre Populationen sind vergleichsweise stark vom Aussterben bedroht.

Vögel und Wildbienen leben derweil überwiegend an einem zentralen Ort, von dem aus sie sich aber auf Nahrungssuche in der Umgebung begeben. Dabei sind sie weniger wählerisch und fressen, was sie bekommen können. Auch leben eher Vögel mit einer kleinen Anzahl von Nachkommen in Städten. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des einzelnen Jungtiers, genügend Futter zu bekommen und zu überleben. 

Laufkäfer und Fledermäuse sind hingegen typische Generalisten und sehr mobil. Manche Fledermäuse, die in Städten zu Hause sind, sind darauf ausgerichtet, möglichst grosse Strecken zwischen Nestplätzen und Futterquellen zurückzulegen. Sie bewegen sich frei in der Stadt und nutzen die verschiedenen Möglichkeiten der Nahrungssuche, welche die Stadt bietet.

Bedürfnisse von Stadttieren bei der Planung von Grünflächen berücksichtigen

Die Studie bestätigt, dass Städte vielen verschiedenen Lebewesen Platz bieten. «Für die Tiere wichtige Ressourcen müssen jedoch geschützt werden. Insbesondere Plätze für die Fortpflanzung, die für viele spezialisierte Arten rar sind», betont Moretti. In der Stadtplanung sollte daher die Biodiversität und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Lebewesen mit einbezogen werden.

Für die Schweiz heisst das beispielsweise, dass Städte zwar verdichtet aber gleichzeitig genügend Grünflächen eingeplant werden sollten, die an die unterschiedlichen ökologischen Bedürfnisse der verschiedenen Arten angepasst sind. «Beispielsweise könnten Dächer vermehrt begrünt werden», schlägt Moretti vor. «Wichtig sind auch Brücken oder Korridore zwischen verschiedenen Grünflächen.» Ohne Verbindungswege werden kleine, isolierte Flächen zu Fallen für diejenigen Organismen, die sich nicht ausbreiten können mit dem Risiko einer verstärkten Inzucht und eines Rückgangs der Populationen. Weiter ist laut Moretti auch die Qualität der Grünflächen von Bedeutung,. «Grünflächen sollten vielen verschiedenen Pflanzen Platz bieten. Dies erhöht die Artenvielfalt der Insekten, welche wiederum eine Nahrungsquelle für Vögel und andere Tierarten sind.»

Die Untersuchung ist im Wissenschaftsmagazin Nature Communications veröffentlicht worden.  (mai/mgt)


 

Vier Überlebensstrategien für Städte


Nicht pingelig sein ist die Strategie der Mobilen Generalisten (mobile generalists). So überleben Fledermäuse und Laufkäfer durch eine vielseitige Ernährung und eine hohe Mobilität. So können sie längere Strecken fliegen und sich einfacher zwischen voneinander abgeschnittenen Grünflächen bewegen.

Ihnen gegenüber stehen die Standort-Spezialisten (site specialists) zu welchen die Amphibien und Reptilien gehören. Sie leben in für sie optimalen Lebensräumen, welche sie zeitlebens nicht verlassen. Zudem spezialisieren sie sich auf eine Nahrungsquelle. Denn so reduziert sich auf kleinen Flächen die Konkurrenz unter den Tierarten und es können mehrere ökologische Nischen ausgenutzt werden.

Mobil, aber dennoch gebunden an ihren Brut-Ort sind die central place foragers. Diese Tierarten haben einen zentralen Lebensort, von welchem aus sie Ausflüge zur Nahrungssuche unternehmen. Diese Strategie weisen beispielsweise Bienen und Vögel auf. Beide sind im Vergleich zu ihren Artgenossen auf dem Lande weniger mobil, aber dafür weniger wählerisch in ihrer Ernährung.

Aus den drei beobachteten Strategien lässt sich eine vierte Strategie von Mobilen Spezialisten (mobile specialists) ableiten. Diese Strategie wurde in der Studie nicht beobachtet. Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, dass es auch mobile, auf besonderes Futter spezialisierte Arten gibt. Sie könnten ihre individuelle Nahrung weitläufig suchen, ohne an einen zentralen Ort zurückzukehren.(mgt)

Grafik

Quelle: Hahs et al., 2023, Nature Communications, CC BY 4.0 DEED

Vereinfachte Repräsentation der vier Anpassungstypen (urban trait syndromes). Die grünen Inseln und Einzelbäume sind Lebensräume, die von lebensfeindlichem Stadtgebiet umgeben sind. Ausgeblendete Inseln sind für die betreffende Art nicht erreichbar oder nicht geeignet. Die roten Linien zeigen mögliche Wege.

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