08:10 KOMMUNAL

Spaziergänge durch die Stadt: Die Kunst des Gehens

Geschrieben von: Claudia Porchet (cet)
Teaserbild-Quelle: Atilin/Wikimedia Commons

Marie-Anne Lerjen führt Menschen an ungewöhnliche Orte und ermöglicht ihnen, das Aussergewöhnliche im Alltäglichen sinnlich wahrzunehmen.

MontrealHochMais

Quelle: Atilin/Wikimedia Commons

Geht man durch die Strassen von Montreal (Kanada) blickt man auf ein Treppenuniversum.

Marie-Anne Lerjen hat eine künstlerische «Agentur für Gehkultur». Sie gibt den Mitgehenden ihrer «Walks» einen Rahmen und manchmal Handlungsanweisungen vor. Das kann zunächst einmal bedeuten, schnell, langsam, rückwärts oder mit einfachen Requisiten zu gehen. Dies an gewohnten und ungewohnten Orten. Spazierend können die Teilnehmerinnen und Teilnehmern den öffentlichen Raum mit geschärften Sinnen körperlich neu entdecken. Dafür braucht es keine grossen Mittel, vielmehr unkonventionelle Ideen.

Erste Experimente machte Marie-Anne Lerjen auf dem Hönggerberg, wo sie Teilzeit am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur arbeitet. In der Mittagspause habe sie mit Mitarbeitern das Gelände beziehungsweise die riesigen Gebäude erkundet. «Wir sind ganz dicht an der Fassade entlanggelaufen.» Die verschmitzt wirkende Frau erzählt von Entdeckungen der Materialität und den Balanceakten auf grossen Steinen, «wie wenn man über einen Bach gehen würde».

Sie kletterten eine Feuerleiter hoch und freuten sich über die Aussicht. Etwas beängstigend war der Gang über ein Gitter, unter dem es drei Stockwerke in die Tiefe ging. «Es hat sich angefühlt, als ob man über eine Schlucht gehen würde.» Die Mitarbeiter machten Erfahrungen, die dem Erleben während einer Wanderung gleichen, «dabei spazierst du nur einem Forschungs-gebäude entlang.»

Intensive Sinneswahrnehmung

Marie-Anne Lerjen entwickelt unterschiedliche Arten des Spazierens. Stets geht es um eine Intensivierung der Sinne. So auch während des Walks «Ins Gefälle oder der japanische Garten» in Zürich. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer starteten am Ampèresteig an der Limmat, bogen in die Breitenstrasse ein und gingen den Waidfussweg hoch bis zum Spital, wo es einen japanischen Garten gibt.

Das Besondere an diesem Spaziergang war, dass die Gruppe nur langsam vorwärtskam, denn die Vorgabe war, sorg-fältig einen Fuss direkt vor den anderen zu setzen. Hierbei ging es darum, das Gehen am Hang zu erkunden. «Wenn man so langsam hochgeht, wirkt das Gelände plötzlich weniger steil», erinnert sich Marie-Anne Lerjen. «Wenn man während des Spaziergangs schweigt, kriegt man viel mehr mit, was passiert. Man wird so aufmerksamer auf alle möglichen Phänomene. In der Gruppe wird dieses Erlebnis noch verstärkt.» Geduld war auch beim Überqueren einer Strasse angebracht. Marie-Anne Lerjen erinnert sich, wie ihre fünfzehnköpfige Gruppe über eine Strasse ging, «das dauerte ewig, die Autos mussten warten.»

Ein Experiment hat die Journalistin auch selber mit gemacht, allerdings nur ein kleines Stück den Waidfussweg hoch, das bedeutete, schweigend hochzugehen, in dem man einen Fuss vor den anderen setzt. Zuerst kämpft man mit dem Gleichgewicht, aber bald nimmt man Geräusche intensiver wahr, raschelnde Blätter, den rauschenden Wind oder surrende Insekten. Passantinnen und Passsanten mit normalem Tempo wirken plötzlich rasend schnell, und die eierschalenfarbenen Häuser aus den 1930er-Jahren im Sydefädeli in Wipkingen glaubt man auch, zum ersten Mal so gesehen zu haben.

Grosse Strukturen in Neu-Oerlikon

Beim Spaziergang «rückgängig» im Rahmen des Performance-Festival Neu-Oerlikon ging es darum, den Übergang von Neu- zu Alt-Oerlikon zu erkunden. Vom Oerliker-Park aus machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu zweit auf den Weg zum Marktplatz. Eine Person vorwärtsgehend, die andere rückwärts. In städtebaulich jungen Quartier Neu-Oerlikon vermischen sich mehrgeschossige Wohnhäuser mit Industriearchitektur. 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchquerten den Oerliker-Park, eine 17'500 Quadratmeter grosse Anlage, umringt von Häuserzeilen und mit Bäumen durchsetzt. Ein Holzdeck deckt eine grosse freie Fläche auf. Die nächste Station war der Max-Bill-Platz, das Besondere war hier das dreidimensional wirkende Plattenmuster. Dann spazierte die Gruppe weiter unter dem Bahnhof Oerlikon hindurch, «wo wieder eine ganz andere Stimmung herrscht», bis zum alten Marktplatz in Alt-Oerlikon. «Die rückwärtslaufende Person sah, was vorbei ist, die vorwärts laufende nahm das Kommende wahr. Auch ein Spiel damit, ob wir rückwärts oder vorwärts in die Zukunft gehen.» 

Körpererfahrung mit Schauen

Während eines Auslandaufenthalts in Kanada hat sich Marie-Anne Lerjen mit Treppen beschäftigt. «In Montreal gibt es ein grosses Quartier aus dem 19. Jahrhundert», erzählt sie. «Aus baurechtlichen Gründen wurden die Wohnungen im ersten Stock über eine Aussentreppe erschlossen.» Gehe man durch die Strassen, blicke man auf ein Treppenuniversum, eine Vielfalt von Holz- oder Metalltreppen, manche seien verschnörkelt, andere seien schlicht. 

Bei einem der drei öffentlichen Walks von «Walking Stairs» ging es jedoch nicht etwa darum, die Treppen zu besteigen, sondern diese zu beobachten, im Vorübergehen die Bewegung des Hoch- und Heruntersteigens mit den Augen nach zu vollziehen. «Interessant war, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Zeit eine körperliche Erfahrung des Treppensteigens machten, ohne wirklich hoch- und runter zu gehen», erinnert sich Marie-Anne Lerjen. «Man hatte das Gefühl, körperlich etwas gemacht zu haben, man spürte die Muskeln. Für manche hatte gar jede Treppe ihren eigenen Klang.»

Ob Walks im Freilichtmuseum auf dem Ballenberg, in Zürich West, in einem leerstehenden Reihenhaus oder entlang der Autobahn – Marie-Anne konzipiert Spaziergänge für verschiedenste Orte und Kontexte. «Meine Anweisungen und die Route geben den Rahmen vor, in welchem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Erfahrung machen können.» Welche Erfahrungen das sind, erfährt sie jeweils erst am Ende eines Walks beim gemeinsamen Austausch. «Mit der Zeit ist man sensibilisiert darauf, wie das Potenzial der Wahrnehmung ausgeschöpft werden kann.» Wichtig sei, dass man sich mit Orten auseinandersetze «mit allem, was wir haben, mit den Sinnen und dem Körper in Bewegung.» 


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