12:06 KOMMUNAL

Heilige Haine im Iran: Wo die Artenvielfalt erblüht

Teaserbild-Quelle: Ashkan Shahrokh, Unsplash

Heilige Haine sind auch Horte der Biodiversität. Diesen Schluss zieht ein Forschungsteam der Universität Kassel und der Universität Göttingen, das in Kooperation mit der University of Kurdistan anlässlich einer Studie solche Orte untersucht hat. Es ging dabei um die Frage, inwiefern in der Region überlieferte Traditionen zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen.

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Quelle: Ashkan Shahrokh, Unsplash

An heiligen Stätten kann sich die Natur ungestärt entwickelen.

„Auf der ganzen Welt stellen Gemeinschaften aus religiösen Gründen kleine Teile der örtlichen Landschaften unter Schutz - sei es in Äthiopien, Marokko, Italien, China oder Indien“, sagt Tobias Plieninger, Leiter des Fachgebietes Sozial-ökologische Interaktionen in Agrarsystemen an den Universitäten Kassel und Göttingen. An solchen natürlichen, sakralen Stätten treffen Mythen und lokales ökologisches Wissen aufeinander, aber auch auf Umweltschutz, weil auf sie als religiöse Stätte jeweils besonders Rücksicht genommen wird.  Sie bilden damit jenseits von staatlichen Programmen eine Art Netzwerk von  Naturschutzgebieten. Solches gilt auch für das, Grenzgebiet von Iran und Iran.

Allerdings sind hier staatliche Naturschutzprogramme oft zum Scheitern verurteilt, während natürliche Ressourcen unter hohem Druck stehen. Dennoch gibt es auch in solchen Gebieten existieren Heilige Haine, oder vielmehr vereinzelt artenreiche Wälder in Form sakraler Naturstätten.

Mythen und sorgfältige Pflege

Heilige Haine sind im Nahen Osten weit verbreitet, sind jedoch dem deutsch-kurdischen Forschungstgeam zufolge bislang als biokulturelle Hotspots bislang kaum beachtet worden. Meist gehören solche Orte zu Moscheen und dienen als Friedhöfe mit einer strikt geregelten Nutzung. In der Regel umfassen sie nur kleine Flächen, von durchschnittlich einem Hektar. Trotzdem weisen sie eine reiche Artenvielfalt auf. Gleichzeitig haben sie eine wichtige spirituelle Bedeutung, weil sie als Wohnstätten der Seelen der Vorfahren angesehen werden. Laut Zahed Shakeri, der das Projekt als Post-Doktorand begleitete und in der Region aufgewachsen ist, ranken sich um diese Plätze Mythen und Legenden, weswegen mit diesen Stätten rücksichtsvoll umgegangen wird und weswegen sie sorgfältig gepflegt werden.

„Unsere Forschungsgruppe entwickelte eine Faszination für die botanischen Schätze dieser Orte“, erzählt Plieninger. Die Wissenschaftlerin hat in einer Vegetationsstudie festgestellt, dass in Heiligen Hainen grösserer Artenreichtum vorhanden ist als in den angrenzenden, bewirtschafteten Flächen. Auch die Zusammensetzung der Vegetation unterscheidet sich grundlegend. „Die 22 untersuchten Heiligen Haine beinhalten 20 Prozent der Flora der gesamten Region. Darüber hinaus beherbergen sie zahlreiche sehr seltene und bedrohte Pflanzenarten und stellen komplexe ökologische Nischen für bedrohte Tierarten dar", ergänzt Shakeri.  Deshalb könnten Heilige Haine als wichtige Ergänzung zu den offiziellen Schutzgebieten in der Region dienen, aber auch als Basis für deren Wiederherstellung.

Weil überlieferte religiöse Praktiken an Bedeutung verlieren, sich Besitzrechte ändern und die Bevölkerung wächst, gehen Naturstätten auf der ganzen Welt zurück. Darum untersuchte das Team auch, wie die lokale Bevölkerung mit den Heiligen Hainen umgeht und was die Ursachen für den guten Zustand dieser besonderen Orte sind. Dazu wurden 205 Menschen aus 25 Dörfern befragt. Es zeigte sich, dass vor allem spirituelle und kulturelle Werte eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel, dass in den Heiligen Hainen untersagt ist, Holz zu schlagen, zu jagen, das Land als Weide zu nutzen oder eine Strasse darüber zu bauen.

Bedrohte Haine trotz Tabus?

Obwohl diese sozialen Werte und Tabus in der Provinz Kurdistan als relativ stabil gälten, verwiesen die Befragten wiederholt darauf, dass die Haine in der Region bedroht sind, wie es in der Medienmitteilung der Universität Göttingen heisst. Vor allem ältere Personen und solche mit traditionellen Lebensstilen aber auch Frauen würden gemeinhin als Bewahrer dieser Werte und Tabus gesehen. „Schutzprogramme könnten diese Gruppen darin unterstützen, ihre Bräuche zu verteidigen und wiederzubeleben“, sagt Shakeri. „Junge, urbane und modern orientierte Menschen sind gleichzeitig eine wichtige Zielgruppe für Sensibilisierungsarbeit.“ Das Beispiel der Heiligen Haine zeige, dass soziale Dynamiken und insbesondere kulturelle Werte im Naturschutz verstärkte Aufmerksamkeit verdienen. (mai/mgt)

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