14:02 KOMMUNAL

China: Wenn wachsende Städte gut fürs Klima sind

Teaserbild-Quelle: Road Triip with Raj, Unsplash

Entgegen der vorherrschenden Meinung hat die massive Landflucht in China auch positive Aspekte. Denn die Verstädterung kann eine Rolle bei der Erreichung der Klimaneutralität spielen. Diesen Schluss zieht ein Forschungsteam von der Fakultät für Geowissenschaften und Management natürlicher Ressourcen von der Universität Kopenhagen (UCPH) in einer Studie, für die Satellitendaten analysiert worden sind.

Yan'an-East-Road-Kreuzung in Schanghai

Quelle: Denys Nevozhai, Unsplasjh

Gigantischer Verkehrsknoten umgeben von Grün in Schanghai: die Yan'an-East-Road-Kreuzung.

Wohl nirgendwo auf der Welt ziehen so viele Menschen vom Land in die Städte wie in China. In den letzten zirka 30 Jahren waren es über 290 Millionen Menschen. Die Folge: Die Städte wachsen. Damit sie sich ausbreiten können, werden Wälder abgeholzt. Weil diese zuvor Kohlenstoff gebunden haben, sorgt ihre Rodung für einen Anstieg der CO2-Emissionen.

Doch ist dem tatsächlich so? Ein Forschungsteam der Universität Kopenhagen ist dieser Frage im Rahmen einer Studie auf den Grund gegangen und dazu Satellitendaten analysiert. DIe Wissenschaftler fanden eine auf den ersten Blick verblüffende Antwort: Sie stellten fest, dass die zunehmende Urbanisierung Chinas in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem Anstieg der Biomasse- und Kohlenstoffvorräte geführt hat - sowohl in ländlichen Gebieten als auch in neu entstandenen Städten.

Studienhauptautor Xiaoxin Zhang erklärt diesen Umstand damit, dass umweltpolitische Initiativen den Verlust kompensiert haben. „Tatsächlich wurde ein leichter Überschuss in der Klimabilanz erzielt.“ So gingen von 2002 bis 2010 in den urbanen Regionen 20 Millionen Tonnen Kohlenstoff aus oberirdischer Biomasse verloren, während die kombinierte Kohlenstoffbilanz von 2002 bis 2019 einen Gewinn von 30 Millionen Tonnen Kohlenstoff in urbanen Gebieten verzeichnete. Der gesamte oberirdische Kohlenstoffbestand Chinas wuchs somit um 290 Millionen Tonnen pro Jahr.

Druck auf die Natur ausserhalb der Stadt nimmt ab

Im Zuge der Aufforstungsstrategie Chinas sind ini den vergangenen Jahrzehnten Milliarden neuer Bäumen gepflanzt worden, was laut den Studienautoren eine Schlüsselrolle in der Kohlenstoffbilanz des Landes gespielt hat. Doch dies erklärt nicht alles: Zögen Menschen in die verdichteten Städte, liessen sie grosse Flächen zurück, führt Xiaowei Tong aus, die ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. „Dadurch nimmt der Druck auf die natürliche Vegetation ab, während die neue Vegetation Kohlenstoff aufnehmen kann. Gleichzeitig ist durch die Abwanderung der Bevölkerung aus den ländlichen Gebieten mehr Platz für die Anpflanzung neuer Bäume auf dem Land entstanden.“

Ausserdem ist in den letzten zehn Jahren auch in den Städten der Baumbestand gestiegen. Dies, weil die Regierung einen bestimmten Prozentsatz an Grünräumen wie zum Beispiel städtischen Parks, begrünten Dächern oder vertikalen Gärten festschreibt. „Es mag vieles geben, was man an China kritisieren kann, aber das Land ist sehr fortschrittlich, wenn es um die Einbeziehung von Grünflächen in die Stadtplanung geht“, sagt Rasmus Fensholt, Professor an der UPCH.

Dass Kohlenstoffsenken – damit wird in den Geowissenschaften ein Reservoir bezeichnet, das Kohlenstoff aufnehmen und speichern kann, zum Beispiel ein Wald – in urbanen Gebieten zunehmen, ist laut Fensholt sehr wahrscheinlich das Resultat einer aktiven städtischen Begrünungspolitik. Auf diese Weise werde das CO2 kompensiert, das bei der Rodung von Bäumen und Pflanzen freigesetzt würde. „Dies deutet sogar darauf hin, dass die Urbanisierung ein integraler Bestandteil einer eines Konzepts zur Verringerung von CO2-Emissionen sein kann, sofern die Stadtentwicklung ausreichend grün gestaltet wird.“

Die Analysen der Forscher zeigen auch, dass das Wachstum der Städte nur sehr geringe Auswirkungen auf die Wälder des Landes gehabt hat. Leidglich 6% der Stadterweiterung ging zu Lasten der Waldflächen. Neu erschlossen worden sind vor allem landwirtschaftliche Flächen (81%) und Grasland (10%) – das heisst, Vegetationsarten, die im Vergleich zu Bäumen ein geringes Kohlenstoffspeicherpotenzial aufweisen. Dennoch sind die Landwirtschaftsflächen nur um 3,8% Prozent zurückgegangen.

Mehr Bäume genügen nicht

Will China sein Ziel der Klimaneutralität bis 2060 erreichen, reicht es jedoch nicht aus, Bäume zu pflanzen, so die Forscher. „Bäume können nur über eine beschränkte Zeitdauer eine begrenzte Masse an CO2 aufnehmen. Irgendwann hört ein ausgewachsener Wald völlig auf, Kohlenstoff zu binden“, sagt Fensholt. Aus diesem Grund sei es entscheidend, auch die Emissionen aus fossilen Brennstoffen drastisch zu reduzieren. Dennoch: „Letztlich zeigen unsere Daten aus China, dass man Städte ausbauen und gleichzeitig die Kohlenstoffbindung erhöhen kann, wenn die richtigen Bedingungen geschaffen werden“, sagt Martin Brandt, Assistenzprofessor an der Fakultät für Geowissenschaften und Management natürlicher Ressourcen Dies könnte als Anregung für Länder mit niedrigem Einkommen dienen, die ihre Klimabilanz und die allgemeinen Umweltbedingungen verbessern wollten.

Die Forscher betonen, dass sich die Ergebnisse der Studie zwar aus wichtigen Komponenten zusammensetzen, aber nicht die gesamte Gleichung für Chinas Klimafußabdruck in städtischen Gebieten darstellen. So wurde unter anderem der Fussabdruck von Lebensmittelimporten nicht berücksichtigt. – Die Studienresultate sind Fachzeitschrift Nature Sustainability veröffentlicht worden. (mgt/mai)


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