10:27 KOMMUNAL

«Achtung Barriere!»: HSLU zeigt unsichtbare Hürden im Stadtalltag

Teaserbild-Quelle: HSLU

Wie ist es, sich mit einer Sehbehinderung den Weg durch eine Baustelle zu bahnen? Was löst der Lärm an einer Strassenkreuzung aus, wenn man Autismus hat? Damit solche Erfahrungen in die Stadtplanung einfliessen können, macht sie die Hochschule Luzern mit Mixed-Reality erlebbar.

Screenshot aus virtueller Anwendung der Hochschule Luzern

Quelle: HSLU

Wie fühlt es sich an, mit einer Sehbehinderung den Weg durch eine Baustelle finden zu müssen? Die Hochschule Luzern zeigt mit Hilfe von Mixed Reality unsichtbare Hürden für Sehbehinderte oder Menschen mit Autismus im Stadtalltag.

Neurodivergenz, begrenzte Sehkraft und altersbedingte Einschränkungen sieht man Menschen oft nicht an. Dennoch erschweren sie den Alltag. Das Projekt «Achtung Barriere!» des Recherchekollektivs «Correctiv.Schweiz» und der
Hochschule Luzern (HSLU) mit der Medienpartnerin «zentralplus.ch» stellt diese unsichtbaren Behinderungen in den Fokus. Bislang würden diese in der Stadtplanung nur wenig berücksichtigt, heisst es im Communiqué zum Projekt. 

Im Rahmen des Projekts lud das Team in einem ersten Schritt Betroffene zu Stadtspaziergängen in Luzern ein. Den Auftakt machte ein Pop-up-Stand auf dem Löwenplatz, an dem Passantinnen und Passanten zu Barrieren und Hürden befragt wurden, die sie im öffentlichen Raum erleben. Zudem wurde die Öffentlichkeit auf crowdnewsroom.org aufgerufen, weitere Hindernisse auf einer Karte der Stadt Luzern zu verorten. Im Fokus stand die Frage: Welche Hürden erschweren den Alltag?

Mit Mixed Reality versteckte Hürden erleben

Vielleicht kann man sich noch vorstellen, wo es mit einem Rollstuhl schwierig wird, sich durch eine Stadt zu bewegen. Bei Neurodivergenzen hingegen geht das deutlich weniger leicht. Genau hier setzt der Beitrag der Hochschule Luzern an. Im Rahmen des von der Gebert Rüf Stiftung finanzierten Projekts entwickelt sie Mixed-Reality-Anwendungen – also digitale Erlebnisse, die virtuelle Elemente mit der echten Umgebung verbinden. Diese Anwendungen sollen Erlebnisse von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen für andere erlebbar machen.

Entstanden ist ein virtueller Stadtrundgang. «Wir haben im ersten Schritt eine webbasierte Anwendung entwickelt, die ortsunabhängig auf dem eigenen Smartphone oder Tablet mit Kopfhörern erlebt werden kann», erklärt der auf Augmented und Mixed Reality spezialisierte Designforscher Tobias Matter. In einer fiktiven Luzerner Innenstadt werden so verschiedene Perspektiven sichtbar. Etwa wie stressig und herausfordernd es sein kann, mit einer Sehbehinderung eine Strasse zu überqueren.

Betroffene berichten von Alltags-Hürden

«Die zweite Anwendung ist eine immersive Mixed-Reality-Erfahrung. Mit einer entsprechenden Brille ist ein immersives Eintauchen in die Szene möglich», führt Matter aus. So lässt sich etwa die multisensorische Überreizung nachfühlen, wenn Lärm, Bewegung und das Chaos einer Baustelle auf eine autistische Person einprasseln: Man hört zahllose, sich überlagernde Geräusche und merkt, wie der Kopf jede weitere Wahrnehmung verweigert, während man sich darauf konzentrieren sollte, wann die Ampel grün wird. Dank MR-Brille und Kopfhörer versteht man so auf eine ganz andere Weise, warum viele der eingegangenen Rückmeldungen sich auf zu kurze Grün-Phasen für Zebrastreifen bezogen.

Schulklassen testen VR-Brillen

Quelle: HSLU

Das Resultat soll die unsichtbaren Hürden für Menschen mit Behinderung spürbar machen. An Veranstaltungen oder mit Schulklassen werden dazu Tablets und Brillen eingesetzt.

Die Grundlage für die virtuellen Erfahrungen lieferten Erzählungen der Menschen mit Behinderung über ihr Erleben an einzelnen Orten. «Dann war eine Übersetzungsleistung von unserem Design-Team gefragt», erklärt Tobias Matter. Natürlich lässt sich nicht eins zu eins darstellen, wie es ist, mit Autismus an einer stark befahrenen Kreuzung zu warten und von Reizen überflutet zu werden. Aufmerksames Zuhören war gefragt sowie visuelle und akustische Versiertheit. Und schliesslich ausprobieren: Wie abstrakt muss die Darstellung sein? Was hat welchen Effekt auf welche Testgruppe? Es galt, die eigenen Vorschläge so lange zu überprüfen, bis die Berichte der Testpersonen der ursprünglichen Beschreibung möglichst nahe kamen.

Erlebnis fördert den Dialog

Das Resultat soll die unsichtbaren Hürden für Menschen mit Behinderung im Stadtalltag spürbar machen; für die Bevölkerung, die Mitglieder der Verwaltung und Politik. Deshalb werden Tablets und Brillen zum Beispiel an Veranstaltungen oder mit Schulklassen eingesetzt. «Bei unseren Veranstaltungen merken wir auch, dass dieses Erlebnis den Dialog zwischen den Beteiligten über mögliche Veränderungen in Richtung einer inklusiven Stadtentwicklung fördert», so der Designforscher.

Matter, der bereits früher Gemeinde- und Stadtentwicklungsprojekte mit der Mixed-Reality-Technologie begleitet hat, weiss um die Vorteile des Sicht- und Hörbarmachens: «Räumliche Fragestellungen sind oft schwer vorstellbar. Mixed Reality ermöglicht es Designerinnen und Designern, solche Situationen anschaulich zu vermitteln und damit eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, sodass Politikerinnen und Politiker räumliche Auswirkungen besser nachvollziehen und fundiertere Entscheidungen treffen können.»

Die Stadt Luzern war im Projekt nicht Auftraggeberin, aber Ansprechpartnerin. Pascal Ruedin, Bereichsleiter Projekte beim Tiefbauamt, fasst seine Erfahrung zusammen: «An fast jeder Ecke der Stadt treffen verschiedene Perspektiven, Erwartungen und Erfahrungen aufeinander. Die Designleistung der Hochschule Luzern kann helfen, die Perspektiven von Betroffenen, Bevölkerung, Verwaltung und politischen Entscheidungstagenden in einen gemeinsamen Austausch zu bringen.»

Das Eidgenössische Departement des Innern war gemäss Communiqué von den Resultaten überzeugt und wird das Folgeprojekt «Gemeinsam Barrieren erkennen, Wandel ermöglichen» unterstützen. (mgt/pb)

Projektpräsentation in Zürich in der Gessnerallee

Am Mittwoch, 7. Januar 2026, 19:30–21:00 stellen «Correctiv.Schweiz» und die Hochschule Luzern das Projekt «Achtung Barriere!» in Zürich in der Gessneralle im Rahmen der Reihe «Monatsthemen» vor.

An diesem Abend geht es um sichtbare und unsichtbare Barrieren im Alltag, in der Stadt, im gesellschaftlichen Leben und in unseren Köpfen. Im Fokus stehen dabei die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen – mit persönlichen Texten, Gesprächen und Perspektiven, die im öffentlichen Diskurs oft zu wenig Gehör finden. Diskutiert wird gemeinsam mit Betroffenen, Expertinnen und Experten sowie Verantwortlichen. Zudem können Besuchende die Rechercheergebnisse selbst erleben – mit einer Mixed-Reality-Anwendung über VR-Brillen, die neue Perspektiven eröffnet.

Weitere Informationen unter: gessnerallee.ch

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